Geistiges Aikido
Ende der achtziger Jahre lernte ich einen Engländer kennen, der, um seiner Heroin-Abhängigkeit zu entkommen, zehn Jahre in einem japanischen Kloster verbracht hatte, wo er sich ganz der Verteidigungskunst des Aikido widmete. Dort hatte er manchmal eine einzige Bewegung wochenlang geübt, ehe er sie beherrschte. Ich konnte mich von dem Ergebnis überzeugen, als ich zusah, wie er in einem Pub einen ihn angreifenden Rowdy mit einem Fingerdruck auf den Puls lähmte und durch den Raum führte wie einen fügsamen Hund. Diesem Mann verdanke ich meine ersten Rudimente fernöstlicher Philosophie. Ich erzähle die Geschichte, um gleich dem Verdacht zu entkommen, den die Erwähnung asiatischer Weisheiten automatisch hervorruft: Ach, schon wieder die typisch westliche Sehnsucht nach dem radikal Anderen mit folglich exotischer Entstellung. Das erwähnte Beispiel zeigt doch, dass es allen unüberbrückbaren Kulturunterschieden zum Trotz möglich ist, sich eine fremde Technik anzueignen. Dem würde im übrigen kaum jemand widersprechen, aber nur aufgrund der (zweifelhaften) Annahme, die Technik sei neutral und deswegen überall anwendbar – die Bedienung eines Computers etwa, oder eines Maschinengewehrs. Allerdings trifft dies auf die asiatischen „inneren Kampfkünste“ nicht zu. Diese sind mit dem Erwerb einer sowohl körperlichen als auch geistigen Disziplin eng verbunden, welche von starken philosophischen Voraussetzungen hergeleitet ist – allen voran eben der Einheit von Körper und Geist.
In Aikido oder Tai Chi wird ausschließlich die Energie des Angreifers verwendet, um ihn zu destabilisieren. Die Regel lautet: Abwarten, ausweichen, die Kräfte des Gegners langsam aushöhlen, bis der entscheidende Augenblick kommt, in dem er durch eine einzige Handlung nicht geschlagen, sondern geschickt neutralisiert wird. Hartes kann durch Weiches besiegt werden, weil es diesem keinen direkten Widerstand entgegensetzt. Je stärker der Angreifer, desto wirksamer die Ableitung seiner Kräfte. Auch die klassische chinesische Kriegskunst (wie sie vor 25 Jahrhunderten von Sun Zi festgelegt wurde) basiert auf einem Krieg ohne Schlacht, in dem der Feind verwirrt und überlistet wird. In Gegensatz etwa zu den Annahmen von Clausewitz wird hier Verteidigung als die bestmögliche Attacke gepriesen. Es geht darum, so der Sinologe François Jullien, „die Stellung des Gegners durch die eigene Stellungslosigkeit zu beherrschen“[1]. An diese Prinzipien anknüpfend habe ich übrigens vor einigen Jahren die Vorstellung eines „geistigen Aikido“ entwickelt, in dem, anstatt ideologisch aufzurüsten, um sich gegen die herrschende Doxa zu stürzen, zu versuchen wäre, die Kräfte der meinungsbildende Klasse gegen diese selbst abzuwenden und abzuwarten, bis sie ihr Gleichgewicht verliert und mit einem einzigen Satz außer Kraft gesetzt wird.
Rekonstruktion
Tag für Tag wird das Huhn gefüttert. Und mit jeder Fütterung wächst die Überzeugung des Huhnes: Grundgesetz des Daseins ist, die Lebensbedingungen sind sicher. Die tägliche Futterdosis wird geliefert. Das Tier verlässt sich auf die Wohlgesonnenheit, ja die Unterwürfigkeit der Menschen ihm gegenüber. Woher sollte es daran zweifeln? Dann eines Morgens kommt plötzlich die Überraschung: Die Hand, die es fütterte, dreht ihm den Hals um! Aus der Geflügelperspektive ist diese Katastrophe völlig unbegreiflich, sie widerspricht ja jeder Prognose, die aus der Erfahrung gezogen werden konnte. Vielleicht wird das Huhn mit Heiner Müller die Schlussfolgerung ziehen: Optimismus war Mangel an Information.
Diese Geschichte erzählte der Philosoph Bertrand Russell. Sie wurde neulich von Nassim Taleb in seinem großartigen Buch „Der schwarze Schwan“ übernommen und ist dadurch ziemlich populär geworden. Nach der aktuellen Lesart steht das Russellsche Huhn metaphorisch für die globale Wirtschaftskrise. Auch sie hat keiner vermocht, vorauszusehen. Tag für Tag wurde mit blindem Vertrauen auf die „spontane Ordnung“ der Märkte, die „Naturgesetze“ der Ökonomie und die „Weisheit“ der Experten gesetzt, bis die böse Überraschung kam. Aus Gewohnheit war eine trügerische Zukunftserwartung erzeugt worden. Die Krise hat offenbart, dass die Routine, welche irrtümlich als „Realität“ wahrgenommen wird, jederzeit von höchst unberechenbaren Ereignissen unterbrochen werden kann. Danke, Krise. Schön, dass du da bist.
Unter den Wissenschaftlern, die sich mit dem Artenschwund beschäftigen, kursiert eine sinnverwandte Geschichte: Während eines Fluges löst sich ein Nietbolzen aus den Flugzeugrumpf aus. „Das kommt vor“ sagt der Pilot. Dann löst sich ein zweiter Nietbolzen. Und wieder einer. „Wird das nicht langsam gefährlich?“ fragt ein Reisegast. „Kein Grund zur Sorge, sagt der Pilot, Bolzen fallen auf den Boden und wir fliegen halt weiter. Ein paar mehr oder weniger macht doch kein Unterschied, es gibt so viele davon.“ Zwischendurch haben sich noch weitere Teile ausgelöst und das Flugzeug beginnt, heftig zu wackeln. „Machen Sie sofort eine Notlandung!“ verlangt der Reisegast. „Ach was, wir schaffen es schon bis zum Ziel, sagt der Pilot, in meiner ganzen Karriere bin ich doch nie abgestürzt“.
Hier wird der Akzent auf die kritische Masse gesetzt. Welche Mindestzahl an Nietbolzen braucht ein Flugzeug, um weiterfliegen zu können? Wie viel verschiedene Tier- und Pflanzenarten sind erforderlich, um das Leben auf Erden zu erhalten? Im Gegensatz zum Russelschen Huhn ist die Gefahr vorhersehbar, doch bleibt die Frage: Bis wohin kann das Risiko hingenommen werden? Darüber werden sich die Menschen nie einigen können und eine definitive Antwort wird sich erst ergeben, wenn die Katastrophe eintritt. Also wäre eine Notlandung die logisch erforderliche Lösung. Dagegen spricht aber die Macht der Gewohnheiten.
Beide Erzählungen reflektieren ein doppeltes Problem, das sich gegenwärtig akut stellt: die Begrenztheit der eigenen Erfahrung, wenn es darum geht, völlig neue Situationen einzuschätzen, und die zunehmende Unberechenbarkeit der Zukunft in höchst unstabilen Systemen. >> Weiterlesen



