Die zwei Gesichter der Empörung

Als Anfang des Jahres „Empört Euch!“, das Büchlein von Stéphane Hessel, von über einer Million Franzosen gekauft wurde, schrieb Jakob Augstein: „In Frankreich wurde ein Buch der Hoffnung zum Bestseller. In Deutschland ein Buch der Niedertracht. Wie kommt es, dass die deutsche Empörung etwas Böses hat und die französische etwas Befreiendes? Wie kommt es, dass die Franzosen Stéphane Hessel haben und wir Thilo Sarrazin?“ Der Fall schien klar zu sein: Frankreich sei das Land der sozialen Bewegungen und des zivilen Ungehorsams, hingegen dominieren in Deutschland reaktionäre Ressentiments und Angst vor der Freiheit.

Dann rüsteten sich in beiden Ländern die Regierungen zu anstehenden lokalen Wahlen, die als wichtige Vertrauenstests galten. Was tat Merkel? Sie kündigte einen Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg der Atomenergiepolitik an und weigerte sich, Libyen zu bombardieren. Anti-AKW und friedensbewegte Gesten  kommen bei den Wählern gut  an, dachte sie. Was tat Sarkozy? Aus denselben wahltaktischen Gründen genau das Gegenteil: Er ließ wissen, dass die französische Atomenergie die sicherste der Welt und die billigste für die Bürger sei – und ließ Libyen bombardieren. Nationale Unabhängigkeit und weltpolitische Weitsicht werden von den Bürgern goutiert, dachte er.
In beiden Fällen ging die Rechnung nicht auf. Sowohl Merkel als auch Sarkozy wurden von den Wählern bestraft.  Und in beiden Fällen haben die Sozialdemokraten nicht davon profitiert, sondern ebenfalls Stimmen verloren. Ausgeschaltet ist das Prinzip der kommunizierenden Röhren: Was die Regierungspartei an Stimmen verliert, geht nicht mehr automatisch an die Oppositionspartei. Dies scheint eine Behauptung aus dem „kommenden Aufstand“ (ebenfalls Bestseller in Frankreich) zu bestätigen:  „Diejenigen, die noch wählen, scheinen dies nur noch mit der Absicht zu tun, die Urnen durch pure Proteststimmen hochgehen zu lassen. Man fängt an zu erraten, dass gegen die Wahlen selbst weiter gewählt wird.“
Nur: An wen gingen die Proteststimmen? In Deutschland an die Grünen, in Frankreich an die rechtsextreme Nationale Front. Laut Umfragen hätte Frau Le Pen gar für die Präsidentschaftswahl bessere Chancen als Sarkozy. Um Jakob Augsteins Wortwahl zu verwenden: Die französische Protestwahl hat etwas „Böses“, die deutsche etwas „Befreiendes“.  Es gibt einen merkwürdigen Gegensatz zwischen sozialer Empörung und Wahlverhalten.
Der deutsch-französische Unterschied hat aber auch eine andere Komponente: Am Sonntag hat die Wahlbeteiligung in Frankreich einen Rekordtief erreicht, hingegen war sie in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz besonders hoch. Hierzulande herrscht noch die Überzeugung, die außerparlamentarische Opposition (Stuttgart 21 und die Anti-AKW-Demos) kann ihre Ziele dank Einmischung in die etablierte Politik durchsetzen, in Frankreich ist dieser Glaube abhanden gekommen. Hier wird auf eine reformorientierte Kompromisspolitik gesetzt, dort auf Konfrontation. Welche Position „realistischer“ ist, wird sich in der kommenden Zeit zeigen.

Gesamtkunstwerk Gaddafi

PROLOG - Im Jahr 1986 besetzten Punks die libysche Botschaft in London. Das prächtige Haus am Hyde Park stand seit zwei Jahren leer, nachdem von dort aus eine englische Polizistin erschossen worden war und die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden. Die schlauen Besetzer nutzten den Umstand, dass die Immobilie weiterhin einen exterritorialen Status besaß und folglich von der britischen Polizei ohne offizielle Genehmigung Libyens nicht betreten werden durfte. Als die Besetzer dann in Tripolis anriefen, wurden sie herzlich beglückwünscht, man freute sich ja, dem Vereinigten Königreich ein weiteres Ärgernis zu bereiten. So durfte monatelang ein skurriles Happening stattfinden, in einem gemischten Ambiente aus Londoner Subkultur und arabisch-revolutionärem Kitsch. Dort, zwischen zwei heißen Partys, wurde ich auf Gaddafis „grüne Buch“, das kistenweise herum lag, aufmerksam.

THEATRALITÄT- Fast in jedem Bericht über Gaddafi werden Metaphern aus dem Theater bemüht. Das hängt primär mit seiner äußeren Erscheinungsform zusammen: mit den (möglicherweise selbstironischen) operettenhaften Uniformen und sonstigen Kleidungsstücken, die aus dem Requisitenfundus hergeholt scheinen, auch mit seinen unberechenbaren Auftritten, seiner sexy Leibgarde, die wie ein Frauenchor regelmäßig seine Monologe mit Losungen unterbricht. Offensichtlich hat Gaddafi Spaß an die Selbstinszenierung. Laut WikiLeaks beschreibt ihn der ehemalige US-Botschafter als “sprunghafte und exzentrische Figur, die unter schwerwiegenden Zwängen leidet, den Flamenco-Tanz sowie Pferderennen liebt, sich von Marotten leiten lässt und Freunde wie Feinde gleichermaßen aus der Fassung zu bringen pflegt.” Doch ist er nicht nur ein launiger Komödiant, sondern auch eine dramatische Gestalt irgendwo zwischen König Ubu und Macbeth (was nicht als verklärendes Lob verstanden werden sollte, schließlich sind die meisten Tragödienhelden keine erbauliche Figuren). Im übrigen hat auch das Theater spätestens seit „Gaddafi rockt“ von Oliver Czeslik das Potential des Charakters entdeckt. Aber das Verhältnis zwischen Gaddafi und dem Drama geht noch tiefer. Weit davon entfernt, ein rückständiger Exot zu sein, hat der Mann aus Tripolis die Theatralisierung der Politik auf die Spitze getrieben, was wiederum die alte Frage der Politisierung des Theaters in ein neues Licht stellt.

>> Weiterlesen

Wozu Denkmale?

Die Pfeilerhalle im Grassi Museum ist ein besonders schöner Raum. Dort war ich am 8.2.2011 zu einer Veranstaltung eingeladen, zu dem Thema: „Orte der Erinnerung - politische Denkmale zwischen Pathos und Beliebigkeit.“ Hier mein Vortrag dazu.

Ich möchte mit einer kleinen Anekdote anfangen. Vor ein paar Jahren hatte ich bei mir einen Afrikaner aus Sierra Leone zu Besuch, der zum ersten Mal in Europa war. Er ging den ganzen Tag durch Berlin spazieren und als er am Abend zurückkam fragte er mich: „Sag, ich habe überall gesucht und kein Hitler-Denkmal gefunden, kannst Du mir sagen, wo es eins gibt?“ Mein Versuch, ihm den Grund dieser Abwesenheit zu erklären, stieß auf Unverständnis. Schließlich sei Hitler der berühmteste Deutsche in der ganzen Welt. Und Denkmale seien eben da, um Ruhm zu dokumentieren. Diese Anekdote zeigt uns, wie räumlich und zeitlich relativ die Gedächtniskultur ist. Von Afrika aus gesehen ist Hitler bloß eine längst vergangene Figur in der Geschichte eines fernen Landes. In Paris gibt es wohl zahlreiche Napoleon-Denkmale, warum kein Hitler-Denkmal in Berlin? Schließlich fragen wir uns beim Besuch der Pyramiden auch nicht, ob der Pharao ein guter oder schlechter Herrscher war. überdies ist für einen Afrikaner das Argument gar nicht einleuchtend, Massenmörder dürfen nicht verherrlicht werden. Zahlreiche Kolonialherrscher und Generäle, die für die Versklavung und Ermordung seiner Vorfahren verantwortlich waren, sind in Europäischen Städten in Stein und Marmor verewigt.

Kurzum: So emotional und pathetisch über Denkmale debattiert und dabei auf universale Werte rekurriert wird, wie dürfen nicht vergessen, dass ihre tatsächliche Bedeutung kaum über den eigenen Kulturkreis, um nicht zu sagen den eigenen Nabel hinaus reicht.

In Südostasien oder Indien ist der Begriff Denkmalschutz unbekannt. Dort wird gnadenlos abgerissen und neu gebaut. Es war übrigens im Deutschland der Gründerzeit nicht anders. Ohne Bedenken wurde seinerzeit das Geburtshaus Richard Wagners in Leipzig einem Warenhaus geopfert. Für dynamische Nationen, die ihre ganzen Energien in die Zukunft projizieren, ist die Konservierung des Vergangenen reine Zeit- und Mittelvergeudung. Meine Vermutung ist, dass die Zunahme der Denkmalkultur, wie wir sie heute in Europa beobachten, ein Symptom des Bedeutungsverlusts und der damit verbundenen Unsicherheit ist. Der Kontinent veraltet, global wirtschaftlich wird er in die Peripherie gedrängt, seine maßgebliche Position in Kultur und Politik hat er längst eingebüßt, also hat er nur noch Eines anzubieten: eine reichhaltige Vergangenheit. Diese wird melancholisch gepflegt und im Notfall neu erfunden.

Wenn hierzulande die Gedenkwut speziell um die Wende und die Deutsche Einheit fokussiert wird, dann möglicherweise aufgrund des Gefühls, 1989 sei das letzte Ereignis gewesen, der Schlusspunkt der europäischen Geschichtsschreibung. Die weiteren Episoden werden woanders geschrieben. Hier wird nichts mehr passieren. So zumindest der Subtext.

Damit kommen wir auf die ambivalente Funktion des Denkmals. Es wird angenommen, historische und politische Zeugnisse seien dazu da, um unseren Geschichtssinn zu aktivieren. Doch wissen wir, dass viele Monumente mit dem umgekehrten Ziel errichtet wurden, nämlich um Vergänglichkeit einzufrieren. Das ist in Diktaturen besonders klar. Stalin, Mao oder Saddam Hussein ließen ihr Konterfei einmeißeln, gerade um Abschied von der geschichtlichen Zeit zu nehmen und die ewige Gegenwart ihrer Herrschaft zu behaupten. Aber nicht nur Diktaturen, jede Ordnung fördert eine atemporale Auffassung der eigenen Legitimität. Der Freizeitpark ist ein Ort der fortwährenden Gegenwart. Und Europa hat schon lange begonnen, sich in einen Freizeitpark zu verwandeln (was nicht heißt, dass im Park nicht hart gearbeitet wird). Als bekennender Spaziergänger habe ich eine besondere Vorliebe für Skulpturen und Monumente, die von längst vergessenen Figuren oder Episoden zeugen. Rührend sind solche naiven Wunschbilder der Verewigung, lächerlich die Einbildung, die künftigen Generationen würden sich um unsere Sachen scheren. Doch war der barocke Charme solcher Zeugnisse nicht beabsichtigt. >> Weiterlesen

Darstellbarkeit der Krise, Krise der Darstellbarkeit

Um in die bestehenden Zustände eingreifen zu können, muss man sie begreifen, das heisst vorerst: passend darstellen. Vor zwei Jahren wurde die unergründliche „Kernschmelze“ des Systems an die Wand gemalt, heute wird eine ebenso wenig erklärte Rückkehr zur Normalität herbei beschworen. Wie geht’s raus aus dem Märchenwald? Lässt sich Zorn noch in Worte fassen, die nicht nach hilflosem Kitsch riechen? Welche Erzählform eignet sich für eine Gegendarstellung? Historische Rekonstruktion? Detektivroman? Horrorfilm? Komödie? Tiersendung? Ein Narrationsvergleich. Vortrag am Maxim-Gorki-Theater Berlin, 22-1-2011

Zunächst eine Bemerkung: Ich werde über die Krise im Präsens sprechen, obwohl laut offizieller Sprachregelung die Krise hinter uns liegt, zumindest die Bankenkrise, die vor zweieinhalb Jahren die ganze Welt plötzlich und unerklärlich an den Rand des Abgrunds gebracht habe und heute wie durch ein Wunder verschwunden sei. Zwar haben wir jetzt noch eine Schuldenkrise und eine Währungskrise, aber ein Zusammenhang wird nicht anerkannt, es seien Einzelprobleme, die dank der kompetenten Arbeit der verantwortlichen Institutionen im Begriff seien, gelöst zu werden. Nach meiner Behauptung – die ich eigentlich mit nicht wenigen teile – sind das weitere Momente einer tiefen, umfassenden Krise mit unvorhersehbaren Folgen. Wir stecken immer noch mittendrin. Diese Behauptung werde ich jetzt nicht ausführlich begründen. Nur so viel: Vor zwei Jahren wurde die Weltwirtschaft von der Anhäufung sogenannter „systemischer Risiken“ ins Wanken gebracht. Da daraus keine Lehre gezogen und nichts getan wurde, um solche Risiken zu vermeiden, da im Gegenteil die Verursacher mit öffentlichen Geldern prämiert wurden, um munter dem System weiterhin Schaden zuzufügen, gibt es keinen rationalen Grund für die Annahme, die Situation sei jetzt unter Kontrolle. Offensichtlich haben wir es mit einer sogenannten „W-Kurve“ zu tun: Zunächst geht alles abwärts, dann scheint die Lage sich zu erholen, es geht wieder aufwärts, also wird an den schlechten Gewohnheiten nichts geändert, und blindlings stürzt man in die nächste Katastrophe. Es geht hier nicht um Apokalyptik, sondern um Logik. Wenn an den Ursachen nicht gerüttelt wird, sind die Folgen vorgeschrieben.

Dies gesagt möchte ich mich auf einen speziellen Aspekt der gegenwärtigen Krise beschränken, nämlich die Frage ihrer Darstellbarkeit. Wie lässt sich die Situation beschreiben, und zwar auf eine Art, die unsere gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht anstatt unsere resignierte Anpassung zu fördern? Und das ist ein nicht unerheblicher Teil des Problems. Wir haben mit Zusammenhängen zu tun, die so komplex und unüberschaubar sind, dass sie sich anscheinend in keine erzählerische Form hineinpressen lassen. Die Krise lässt sich schwer darstellen, weil sie zugleich eine Krise der Darstellung ist.

Zunächst muss man anmerken, dass die dominante Darbietung, das Selbstverständnis der kapitalistischen Ordnung, 2008 komplett versagt hat. Kein Wirtschaftsexperte hat die Krise vorhergesagt - und was ist denn eine Wissenschaft, die keine Prognosen liefern kann? Das Märchen der Selbstregulierung der Märkte wurde eklatant widerlegt. Von der vermeintlichen Rationalität der Finanzökonomie blieb nur noch ein Haufen enttäuschter Erwartungen und Glaubenssätze. Auf einmal offenbarte sich die Unberechenbarkeit des Systems. Einige Wochen lang mussten alle Regierungspolitiker peinlich zurückrudern und das zähneknirschend verurteilen, was sie bislang anbeteten. Ja, augenblicklich schien die Gelegenheit einer radikalen Revision gekommen zu sein, nicht nur, um die Legitimität der Ordnung, sondern um ihre bloße Funktionalität wiederherzustellen. Und was geschah? Gar nichts. Dieselben Experten machen Prognosen, dieselben Politiker machen Versprechen, dieselben Spekulanten machen Wetten. Nur: Eine positive Begründung ihrer Handlungen gibt es nicht mehr. Wir erleben heute eine Ordnung, die auf eine plausible Darstellung ihrerselbst verzichtet hat. Das ist eine ziemlich außergewöhnliche Situation. Noch staunenswerter ist aber, dass sie weitgehend unbemerkt und folgenlos bleibt.

Warum ist das so? Weil wir in einer medialen Welt leben, die es bis zur Perfektion versteht, die Abwesenheit eines kohärenten Diskurses zu kompensieren. Die meisten Tatsachen und Zusammenhänge, die unser Leben prägen, nehmen wir nicht aus unmittelbarer Erfahrung wahr. Wir empfangen sie über verschiedene Medien und diese Vermittlungen werden sorgfältig inszeniert. Doch wird diese Inszenierung nicht von einer Einheitsideologie bestimmt, sondern von einer Einheitsdramaturgie, die Kritik und Gegenstimmen integriert, aber nur in vorbestimmten Rahmen und an bestimmten Momenten des Szenarios. Können ein Problem oder eine Stimmung nicht mehr verschwiegen werden, dann werden sie ins Apokalyptische hochgepuscht, bis die Übersättigung des Publikums erreicht ist, dann werden sie heruntergefahren, die Rückkehr zur Normalität wird vorgespielt, bis kein Mensch mehr darüber nachdenkt. Er wird dann mit Scheingefechten abgelenkt, einer Sarrazin-Debatte, einer Kommunismus-Debatte, lauter Debatten die in Wahrheit nichts als ein fortdauernder Monolog sind. Diese (zum großen Teil spontane) Dramaturgie ist ein sehr effektives Mittel für die Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse. Es gibt also doch eine dominante Form der Darstellung, aber diese besteht aus Zapping, Zerstückelung, Schnellschüssen, Aufmerksamkeitsstörung. Das ist wohl bekannt. Nun, wie kann man sich dieser Dramaturgie entziehen?

Der erste Reflex ist, in die Vergangenheit zu schauen, um historische Parallelen zu finden. Wenn wir das Wort „Weltwirtschaftskrise“ hören, denken wir unwillkürlich an die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Also wird versucht, aus der umfangreichen Literatur dieser Zeit eine Orientierung zu finden und Lehren zu ziehen. So werden zum Beispiel auf deutschen Bühnen Brecht oder Steinbeck aus der Mottenkiste geholt. Das ist durchaus legitim. Doch sollte man mit dem Vergleich vorsichtig sein. Bekanntlich wiederholt sich die Geschichte nicht, meistens nicht einmal als Farce. Vor allen Ähnlichkeiten unterscheidet sich die präsente Situation durch wesentliche Züge von der großen Depression. 1930 gab es keine Weltwirtschaftskrise im eigentlichen Sinne. Afrika, Asien, Südamerika waren größtenteils nicht betroffen, die Sowjetunion hatte andere Probleme, also reden wir hauptsächlich von den USA und Europa. Heute umfasst der Wirtschaftskreislauf tatsächlich die ganze Welt, und dank der Technik werden Milliarden von Entscheidungen im Nanosekundentakt getroffen. Das heisst, dass Ungleichgewichte und extreme Ereignisse viel schneller, mächtiger und überraschender eintreten können, als damals. Für das Tempo und die Dimension des jetzigen Plots gibt es keinen historischen Vergleich.

Vor allem kann der Bezug auf die Vergangenheit zu einem fatalen Glaubenssatz verleiten, nämlich die Vorstellung, wir hätten es mit „zyklischen Krisen“ zu tun. Wie die Jahreszeiten verliefe die Wirtschaft zyklisch, nach dem Motto: Alle paar Jahrzehnte kommt die große Pleite, dann werden die Karten neu gemischt und das Spiel geht weiter. Die Moral der Geschichte: Bloß durchhalten. Doch ist die Theorie der zyklischen Krisen nichts weiteres als eine beruhigende Spekulation.

Es geht nicht automatisch wieder nach oben. Zur Erinnerung: Die große Depression ist nicht mit dem New-Deal ausgegangen, wie zu oft behauptet wird, sondern mit dem zweiten Weltkrieg. Es bedurfte eine noch größere Weltkatastrophe mit Leichenbergen und zerstörten Städten, um dem Kapitalismus einen frischen Neustart zu erlauben. Zurück zur Gegenwart: Vor zwei Jahren haben die Staaten die Banken gerettet, seitdem stellt sich die Frage: Wer rettet die Staaten? Nicht, weil jemand einen Herzinfarkt überstanden hat, wird er unbedingt den nächsten überleben. Nicht, weil das System bisheriges Versagen überwunden hat, wird es von dem nächsten genesen. Es gibt keine Zyklen, sondern singuläre Ereignisse mit unbestimmtem Ausgang. >> Weiterlesen

kulturelle Grenzfälle

Den folgenden Text vortrug ich am 9. September in der Saarbrücker „Villa Lessing“. Dort findet eine regelmäßige Veranstaltungsreihe um die Frage: Was kann der Westen vom Osten lernen? Mein Sujet lautete: „Wie der Osten die westliche Kulturgrenze durchlässiger machte“.

Sie haben wahrscheinlich von dem Fall Gabriela S. gehört. Im letzten April geht eine Frau vor das Arbeitsgericht, weil ihre Bewerbung für eine Stelle abgelehnt wurde. Auf ihrem zurückgesendeten Lebenslauf befand sich der Vermerk „OSSI“ mit einem Minuszeichen versehen. Um eine Entschädigung zu fordern, beruft sie sich auf das Grundgesetz, wonach eine Benachteiligung aufgrund der ethnischen Herkunft verboten ist. Also muss das Gericht entscheiden, ob die Ossis eine Ethnie sind. Nach langen Verhandlungen wird die Klage zurückgewiesen mit der Begründung, schließlich habe die DDR “nur wenig mehr als eine Generation” eine eigenständige Entwicklung genommen. Die Zeitspanne sei zu kurz für die Herausbildung eines Volksstamms gewesen.

Nun, ich möchte jetzt nicht den Begriff der „Ehtnie“ diskutieren, dessen Definition ohnehin schwammig ist. Aber wäre ich der Rechtsanwalt von Gabriela S. gewesen, hätte ich versucht zu argumentieren, dass die Ostdeutschen eine viel ältere Bevölkerungsgruppe als die DDR sind. Die Elbe war ja bereits vor Jahrhunderten ein Grenzfluss, der das römisch-imperiale Einflussgebiet von der unzivilisierten Germania slavica trennte. Natürlich waren die kleinen Siedlungen dort eher ihren slawischen Nachbarn zugewandt, als den fernen Staaten im Westen. Aus dem Westen kamen dann die Raubritter, um sie zu überfallen und zu unterjochen. Da lief ein regelrechter Western ab, nur Jahrhunderte früher und in die andere Richtung gedreht, ein Eastern sozusagen. Dies mag erklären, wieso im Osten Karl May und Indianer-Rollenspiele heute noch so beliebt sind. Und wir können annehmen, dass nach der Wende die Ankunft westdeutscher Neueigentümer und Manager als eine Art Wiederholung der Urszene erlebt wurde. Es kursierte ja die ironische Parole: „Bauernland in Junkerhand.“ Viel früher als von der SED wurde von den Junkern bereits eine Kommandowirtschaft praktiziert, die den Untertanen kaum Handlungsspielräume überließ. Eine bleibende Folge davon ist die kulinarische Misere in Mecklenburg-Vorpommern oder in Brandenburg. Nicht der Staatssozialismus ist daran schuld, dass dort der hungrige Besucher auf Asia-Imbisse und schlechte Pizzerias angewiesen ist. Eine Kochtradition gab es nie, weil es nie ein freies Kleinbauerntum gab. Hingegen hat die Kochkunst in Thüringen die DDR gut überstanden, weil Thüringen kein Junkerland war und der DDR eher zufällig angeschlossen wurde. >> Weiterlesen

nomen est omen

Sarazenen ist ein Begriff, der ursprünglich einen im Nordwesten der arabischen Halbinsel siedelnden Volksstamm bezeichnete. Im Gefolge der islamischen Expansion wurde der Begriff in lateinischen Quellen und im christlichen Europa als Sammelbezeichnung für die muslimischen Völker, die ab ca. 700 n.Chr. in den Mittelmeerraum eingedrungen waren, verwendet, meist in angstgeprägtem Sinn. Diese Worterklärung, die die Sarazenen als Angehörige eines von Gott heilsgeschichtlich verstoßenen Volkes deutete, wurde bei den christlichen Autoren des Mittelalters seit dem Aufkommen des Islam zu einem anti-islamischen Topos, der in der europäischen Literatur über die Kreuzzüge und den Islam weitere Verbreitung erlangte.

Das Wort saracenus und seine volkssprachlichen Entsprechungen haben im Verlauf ihrer mittelalterlichen Bedeutungsentwicklung neben der primären Bedeutung „islamischen Völkern zugehörig“ zum Teil auch die weitere Bedeutung „fremdartig, alt“ angenommen.

Besonders in Frankreich und der Schweiz ist noch heute der Familienname Sar(r)azin verbreitet, in der deutschsprachigen Schweiz auch Saratz, in Italien Sar(r)aceno. Vorläufer solcher Namen ist im Mittelalter ein in den lateinischen Quellen seit dem 11. Jh. vielfach dokumentierter Name oder Beiname Saracenus, der in vielen Fällen wegen einer „sarazenischen“ Herkunft des Trägers, in anderen Fällen aber auch nur wegen eines zeitweisen Aufenthaltes bei den „Sarazenen“ entstand. Sofern der Name erst im Spätmittelalter in Gebrauch kam, ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, dass er im Hinblick auf die mögliche Bedeutung „Zigeuner“ gewählt wurde.

Gegenwärtig prominentes Beispiel in Deutschland ist Bundesbankvorstandsmitglied und SPD-Politiker Thilo Sarrazin.

(Wikipedia)