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Geistige Waffen und Libidozerstörung

Das folgende Gespräch mit dem Philosophen Bernard Stiegler fand im Oktober 2005 statt. Ich hatte ihn in Paris im Rahmen unseres Projekts „Krise und Kritik” getroffen. Der Text wurde nicht veröffentlicht und angesichts der gegenwärtigen Lage finde ich ihn durchaus wertvoll.

Sehen Sie die derzeitige gesellschaftliche Situation als krisenhaft an? Würden Sie diese Situation als geistige Krise bezeichnen?

STIEGLER: Ich spreche von einer geistigen Krise. Den Ausdruck habe ich Paul Valéry entliehen, der einen berühmten Aufsatz schrieb, „die Krise des Geistes.” Valéry sprach von einer „politischen Ökonomie des Geistes”. Er meinte, heute hat der Geist mutiert und stellt allerlei Werke her, die keine philosophische oder Kunstwerke sind, sondern technische Gegenstände, Telephon, Grammophon, Autos, also Industrieprodukte. Und diese Gegenstände lösen eine Krise des Geistes aus. Sie verursachen eine Baisse des Geistwertes. Wie Aktien besitzt der Geist ein Wert, und wir spüren, daß dieser Wert sinkt. Der Konsumgegenstand wird immer weniger geliebt. Warum? Weil die Art seiner Inszenierung die Libido grundsätzlich vernichtet. Das Industrieprodukt ist berechenbar und gesondert. Dagegen ist der Gegenstand der Libido einzigartig und unberechenbar. Für die Industrie müssen sich die Investitionen rentieren. Daher müssen die Rendite der libidinalen Anlage auf Industrieprodukte vorgerechnet werden können. Außerdem wird die Libido durch die Standardisierung des Verhaltens aufgefangen. Fernsehzuschauer verlieren ihre Eingenheit. Aber der Gegenstand ist nichts als ein Spiegel unsrer Eigenheit, die wir in ihm suchen. Darum können sie ihre Singularität immer weniger auf einen Gegenstand projizieren. Diese Zerstörung der Libido ist nicht nur eine Krise, sondern eine geistige Katastrophe.

Welches Ereignis hat Ihr heutiges Verständnis von gesellschaftlichen Krisen besonders geprägt?

STIEGLER: Ich saß 5 Jahre in Gefängnis, diese Erfahrung hat meine Denkweise extrem geprägt. Ich bin ein Kind der 60er/70er Jahre, war politisch sehr engagiert. Für die französische Jugend wie für die deutsche oder die italienische sind die 70er katastrophal ausgegangen. Ich persönlich ging nicht zum Terrorismus über, sondern zur Kriminalität, zur radikalen Überschreitung. Und ich landete ins Gefängnis. Während dieser Jahre konnte ich die Abwesenheit der Welt am eigenen Leibe erfahren. Da habe ich entdeckt, wie wichtig das Buch ist. Bücher haben mich gerettet und haben dazu beigetragen, daß ich ganz gut davon auskam. So kam ich zu einer Theorie des Buches, die ich Hypomnesis nannte. Im Gegensatz zu Plato behaupte ich, daß das Buch keine Katastrophe des Gedächtnisses ist, sondern die Voraussetzung des geistigen Gedächtnisses. Von diesem Experiment ausgehend habe ich die Instrumentalität des Geistes postuliert. Als ich rauskam, habe ich an das Verhältnis von Gedächtnis und Technik weiter gearbeitet. Deshalb setzte ich mich mit den gegenwärtigen Technologien auseinander, die ja weitgehend Speichertechnologien sind.

Was kritisieren Sie?

STIEGLER: Ich habe lange Zeit mit Jacques Derrida gearbeitet. Er sagte, daß der Kritikbegriff metaphysisch ist und daß wir nicht mehr mit Krisensituationen zu tun haben, sondern mit einem Jenseits der Krise. Ich war von diesem Diskurs sehr beeinflußt. Derrida dachte, daß Kritik mit Begriffen wie Subjekt, Vernunft oder Bewußtsein zusammenhängt und deshalb obsolet ist. Damit bin ich nicht einverstanden. Wir hatten darüber einen schwierigen Streit.. Gleichwohl verstehe ich seine Einwände. Deshalb habe ich die Idee einer neuen Kritik entwickelt, die von einer Kritik der Kritik der reinen Vernunft ausgeht. Etwas wird bei Kant nie gedacht, nämlich die Technik. 20 Jahre meines Lebens habe ich versucht darzustellen, daß die Technik alle menschlichen Handlungen überdeterminiert. Und auch die Motivationen, die libidinöse Ökonomie des Menschen. Da ist Kant mit seinem Schematismus-Begriff meiner Meinung nach gescheitert. Technik ist nicht etwas, das von außen her einfällt und den Geist zerstört. Sie ist die Grundbedingung des Geistes. Die Gedanken kommen immer zu spät, wie Hegel sagt, jedenfalls hinterher. Sie werden aus technischen Neuerungen geboren.

In dieser Hinsicht erleben wir eine außerordentlich kritische Situation, darum meinte Derrida, daß der Krisenbegriff obsolet ist. Es sei denn, erwidere ich, die Krise wird neu gedacht. Es geht darum, eine Krise des Krisenbegriffs herbeizuführen.

Was kann Kritik heute erreichen und welche Wirkung erzeugt Ihre Kritik? Sind Sie damit zufrieden?

STIEGLER: Man kann mit der Wirkung der eigenen Kritik nur unzufrieden sein. Wir müssen mit Kant von der wesentlichen Begrenztheit der Kritik ausgehen. Kritik ist strukturell unbefriedigend. Das nenne ich die tragische Lage der Kritik. Was erwarte ich von meiner Kritik? Erstens, daß sie nicht meine Kritik sei. Ich versuche, kollektiv zu arbeiten. Kritik ist niemals individuell, sie ist ein sozialer Apparat. Es geht darum, neue Waffen, ein kritisches Arsenal herzustellen. Kritik ist dazu da, um Kämpfe zu führen. Da muß klar sein, warum, mit welchen Mitteln und auf welchem Operationsfeld gekämpft wird. Man darf nicht gegen den falschen Gegner eintreten, auch nicht mit den falschen Waffen. Sonst knallen sie ins eigene Gesicht. Die Frage, ob ich optimistisch oder pessimistisch bin, spielt hier keine Rolle. Was mich interessiert ist die industrielle Produktion von geistigen Waffen. Daran glaube ich sehr, und ich verwende das Wort „glauben” mit Absicht. Ich glaube an den Glauben. Die Libido ist die Energie des Glaubens. Man kann nur das lieben, woran man glaubt. Gott ist tot, gewiß, aber die Frage des Glaubens ist aktueller denn je. Eigentlich verhinderte Gott, diese Frage zu stellen. Es ist die Frage der Produktion eines kritischen Glaubens. Heute ist die Krise der Libido sehr bedrohlich, sie löst Triebhaftes aus, destruktive Energien. Sämtliche Gesellschaftsschichten sind von einer Art Kainos, einem kritischen Gefühl der Leere getroffen. Gerade in diesem Moment der philosophischen Skepsis ist es wieder möglich, neue Vorschläge zu artikulieren. Doch die echten geistigen Waffen sind nicht bloße Begriffe, sondern in Technik verarbeitete Begriffe. Das steht eine riesige Baustelle vor uns.

Wie beurteilen Sie, über das bisher Erreichte hinaus, Ihre Möglichkeiten, auf die gesellschaftliche Situation einzuwirken?

STIEGLER: Die Zerstörung der Libido ist nicht nur eine Krise, sondern eine geistige Katastrophe. Aber was ist eine Katastrophe? Sie kann doppelt begriffen werden. Es kann etwas sein, das einen Prozeß endgültig beendet. Es gibt aber auch die Katastrophè der altgriechsischen Rhetorik, also den Schluß einer Erzählung. Was geschieht in Tausendundeine Nacht zum Schluß jeder einzelnen Geschichte? Um nicht begattet und getötet zu werden deutet Scheherazade etwas an, das dem Sultan Lust gibt, eine weitere Erzählung zu hören. Die Katastrophe ist ein rhetorisches Verfahren, das die Sehnsucht nach Geschichte wiederbelebt. Darum geht es heute. In diesem Sinne ist die Situation kritisch und katastrophal. Wir haben die Aufgabe, ein neues Kapitel der Geistesgeschichte anzufangen. Dies setzt eine industrielle und politische Ökonomie des Geistes voraus, die Motivation wiederherstellt.

Mit welchem Ziel und unter welchen Bedingungen würden Sie einen Zusammenschluß der kritischen Intelligenz für wünschenswert halten?

STIEGLER: Es ist absolut notwendig, eine geistige Gemeinschaft aufzubauen, um der Industriegesellschaft eine Zukunft zu entwerfen. Ich glaube ganz und gar nicht, daß es möglich wäre, sich von der industriellen Welt zu verabschieden. Die Bedürfnisse des Planeten sind industriell. Aber die Industrie kann sehr wohl ökologisch sein, sogar sie allein kann ökologisch sein. Die Priorität ist aber eine Ökologie des Geistes zu konstituieren. Darum sollten die Gesellschaften der Welt mobilisiert werden, um ein Verlangen nach Erhebung wiederherzustellen. Gott ist tot, der Geist lebt. Was tun? Institutionen für Forschung und Aktion gründen. Ich selber war schon immer in Einrichtungen der technischen Erfindung tätig. Ich glaube, daß die Intellektuellen sich dort stärker engagieren sollten. Leider wird damit meistens gemeint, sie sollten sich der Anmaßungen des Kapitals unterwerfen. Also ziehen sie sich in die Universität zurück. Ich glaube nicht an die Abschottung des Intellektuellen von der Gesellschaft. Und auch nicht an das proletarische Parteiapparat. Wir müssen Prozesse der kollektiven Individuation neu erfinden.

Krislein, Krislein an der Wand

Es ist sonderbar, wie allgegenwärtig die Kommentare über die Krise (die gestern noch „Finanzkrise” hieß, heute „Wirtschaftskrise” - und morgen?) geworden sind. Vor zwei Jahren hatte ich für die Berliner Brecht-Tage ein Symposium zu „Krise und Kritik” mitveranstaltet. Da ging es um die Aktualisierung eines gleichnamigen Zeitschriftprojekts, welches Brecht und Benjamin im Jahr 1930 ins Leben gerufen hatten, doch nicht verwirklichten konnten. Nun, für die meisten Intellektuellen, die wir 2007 anfragten, war der Krisenbegriff nicht mehr brauchbar, überstrapaziert, abgedroschen. In den letzten vierzig Jahren wurden so viele Krisen in allen Bereichen diagnostiziert oder prophezeit, dass das Wort die Brisanz seiner ursprünglichen Bedeutung (der des „entscheidenden Augenblicks”) verloren hatte. Proteische Krisenerscheinungen, so das Fazit, seien der Normalzustand im Kapitalismus, eine Art Lebensgefühl. Und wo keine festzustellen ist, muß sie von Kritikern erfunden werden. Schließlich sind Krisen das tägliche Brot des Kritikers. In krisenfreien Zeiten würde er arbeitslos werden, seine Deutungshoheit wäre nicht mehr nachgefragt. Darum schwadronieren zum Beispiel Theaterkritiker mit einer herbeigeschworenen „Theaterkrise” herum.

Ganz anders heute. DIE große Krise ist nicht zu leugnen, sie überragt oder integriert alle vorhandene Problemchen. Doch und das ist das Sonderbare an dem jetzigen Augenblick, wir spüren die Effekte nicht, einstweilen bleiben alle Stabilisierungsmomente des Alltags erhalten. So wie bei Bloch die Utopie bewegt sich die Krise im Bereich der Latenz, des Noch-nicht. Letztlich haben mich ganz unterschiedliche Leute dieselbe Frage gestellt: Meinst du, daß unsere Existenz wirklich davon betroffen wird? Noch vor wenigen Wochen konnten alle, die den Bankern kein Geld anvertraut hatten, mit Gelassenheit zuschauen, wie sich das fiktive Kapital selbst vernichtete. Jetzt sind die Arbeiter der Autoindustrie dran und generell all diejenigen, deren Existenzgrundlagen vom Exportweltmeister Deutschland abhängen. Auch meinen Musikernachbarn wurden gerade zahlreiche Auftritte gestrichen, weil Sponsoren abgesprungen sind. Nach und nach sickert das abstrakte Phänomen in die erlebte Wirklichkeit ein. Doch sind es noch Tröpfchen und keine Überflutung. Um bei der Metapher zu bleiben: Der Augenblick erinnert an jene Touristen in Thailand, die gebannt beobachteten, wie sich das Meer zurückzog, ehe sie von dem Tsunami völlig überrascht wurden.

Ein weiterer Grund für die gefühlte Unwirklichkeit ist, dass diejenigen, die uns über die zu erwartenden Folgen der Krise belehren (Koalitionspolitiker, Medienleute, Wirtschaftsexperten), den Einbruch derselben gar nicht vorhersahen. Was sie jetzt als Übel verschreien, priesen sie gestern noch als Tugend. Noch vor einem halben Jahr waren die Prognosen einhellig: mehr Deregulierung würde für mehr Wachstum sorgen. Wir wissen noch, mit welcher Rechthaberei uns das Mantra verpasst wurde: „Es gibt keine Alternative”. Nun hat der vermeintlich unumgängliche Weg in den Abgrund geführt. Ironischerweise sind die ersten feststellbaren Auswirkungen des Absturzes eher positiv; zum Beispiel ist plötzlich Geld für die Sanierung der Infrastrukturen, der Schulen usw. vorhanden. Das ließen bislang die „Sachzwänge” nicht zu. Dabei wären wir bei einem wichtigen Aspekt, der selbstverständlich totgeschwiegen wird, nämlich die Glaubwürdigkeitskrise. Wieso sollten wir jetzt Vertrauen an die Prognosen und Lösungsmaßnahmen eines Personals schenken, das sich völlig blamiert hat und dies nicht einmal selbstkritisch zugibt? Normalerweise werden infolge eines solchen Versagens die Verantwortlichen entlassen und von neuen Kräften abgelöst. Aber es gibt keine Ablösung, alle Kandidaten haben jahrelang dieselbe neoliberale Suppe eingeschlürft und können sich eben keine Alternative ausdenken. Von einem Marx nicht zu sprechen, nicht einmal ein Keynes steht zur Verfügung. Und dieses Vakuum trägt zwangsweise zur Verschärfung der Situation bei.

Die arrogante Unfähigkeit der Wirtschaftsexperten ist kein Novum. Ich hatte sie vor vier Jahren entblößt (hier nachzulesen). Aber sie ist jetzt so offensichtlich geworden, dass man sich nur wundern kann, wenn ein Hans-Werner Unsinn nach wie vor predigt und orakelt, als ob nichts geschehen wäre. >> Weiterlesen

Das D-Wort

Zu Beginn der französischen Revolution war der Abt Sieyes eine der einflussreichsten Stimmen des Dritten Standes. Als im Juli 1789 heftig debattiert wurde, welche Staatsform die absolute Monarchie nunmehr ersetzen sollte, machte er diese klare Aussage:

„Unsere Absicht ist es nicht, die nationale Regierung einem demokratischen Regime zu unterwerfen. In einer Demokratie werden die Gesetze von den Bürgern selbst gemacht und die Beamten direkt von den Bürgern ernannt. Hingegen sieht unser Plan vor, dass die Bürger ihre Abgeordnete in die gesetzgebende Versammlung mehr oder minder unmittelbar wählen. Also hört unsere Gesetzgebung auf, demokratisch zu sein, um repräsentativ zu werden. Gewiss können die Völker Einfluss auf ihre Repräsentanten ausüben, aber das Gesetz dürfen sie nicht selber sprechen und weniger noch ausführen.”

Schließlich wurde entschieden, die repräsentative Regierungsform zu adoptieren, diese wiederum „Demokratie” zu nennen, also den Begriff durch die Beschwörung seines bloßen Namens zu ersetzen. So ist es geblieben. Jeden Morgen am Berliner Hauptbahnhof werden Pendlermassen, die gar nicht so aussehen, als ob sie jemals irgendeinen Aspekt ihrer konkreten Lebensbedingungen mitbestimmt hätten, mit der Parole begrüßt: „400 Meter von hier regiert das Volk”.

Krisengespräch

Falls es auf Erden Menschen gibt, die die Leipziger Volkszeitung nicht lesen: Hier ein Interview, das in dieser Zeitung in leicht gekürzter Fassung am 9.10.08 unter dem Titel „Wall Street ist nahezu überall“ erschien.

Sie schreiben in der Satzung Ihrer Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck:
„Die Mitgliedschaft endet mit dem Tod oder mit der Abschaffung des
Kapitalismus.“ Angesicht der aktuellen Wirtschaftslage: Sind Ihnen plötzlich die Mitglieder abhandengekommen?

Ganz im Gegenteil, gerade jetzt ist es angebracht, die Ökonomie radikal in Frage zu stellen, allem voran dieses merkwürdige Konstrukt namens „Kapitalismus“, das kein Mensch vermag, wirklich zu begreifen. Bisweilen ist nicht die Welt untergegangen, wohl aber die Wahnlehre, wonach Märkte sich selbst regulieren können, eine Sottise, die seit einem Vierteljahrhundert von allen Regierungspolitikern und Wirtschaftsexperten eifrig vertreten wird. Selbstverständlich wird sich die „Prüfgesellschaft“ mit diesen Themen befassen.

Sie haben gesagt, es ginge Ihnen als Philosoph auch darum, über
alternative Gesellschaftsformen nachzudenken. Jetzt, wo der Kapitalismus
tatsächlich zu bröckeln scheint – wird Ihnen da mulmig?

Alternative Gesellschaftspläne gibt es zuhauf. Es ist momentan nicht interessant, darüber zu reden, denn das Problem liegt nicht im Wollen oder Wünschen, sondern im Können. Ob wir es mögen oder nicht: Als global vernetzte Wirtschaftshandelnde sind wir alle Teile eines Superorganismus, der womöglich im Begriff ist, gegen die Wand zu steuern. Aber gegenwärtig kann der globale Organismus keine Entscheidung treffen. Das Bewusstsein bleibt bei Individuen und Interessengruppen gefangen, die gegeneinander wirken. >> Weiterlesen