Ray Kurzweil lebt noch. Neulich hat er wieder ein Interview gegeben. Erinnern Sie sich an Ray Kurzweil? Vor acht Jahren war er der Liebling der Feuilletons mit der Ankündigung: „Es ist nur noch eine Frage von Jahren, und unsere Maschinen werden intelligenter sein als wir. Nur noch wenige Jahrzehnte, und wir sind unsterblich.“ Was heißt wir? Natürlich nicht der überkommene Homo sapiens, der ist bloß ein Übergangsstadium. Nein, der Supermensch, die Verschmelzung von Mensch und Maschine, ein mit Milliarden sich selbst reproduzierender Nanoroboter gespicktes Wesen mit einem im Gehirn implantierten Supercomputer und jeder Menge Gen-veränderter Ersatzorgane im Lager. Supermensch wird keine Naturprodukte mehr brauchen, sondern im Labor hergestellte Hühnerbrüste und Rucolasalat fressen. Seine Denkleistung wird millionenfach steigen, und wenn ihm diese Welt nicht mehr gefällt, dann wird er im Nu in eine andere, virtuelle Welt umsteigen und sich der vollkommenen Illusion grenzenlos hingeben.
Obgleich Kurzweils Ideen in den USA sehr populär sind, sind sie in Europa eher auf Gleichgültigkeit und Verachtung gestoßen. Ihm wurde zum Beispiel erwidert, dass die Verwechslung von Intelligenz mit Rechenkapazität keine intelligenteren Maschinen hervorbringen kann, wohl aber stupidere Menschen. Gespottet wurde vor allem über seine plumpe Auffassung des (an sich bereits diskutablen) platonischen Dualismus, in der „Leib und Seele“ mit „Hardware und Software“ übersetzt wird. Wenn ein Notebook stirbt, so Kurzweils Argument, kann man die Software von einem Back-up auf einen anderen Computer spielen. So wird es mit uns geschehen: Wenn unsere körperliche Hardware kaputtgeht, dann werden die Dateien unseres Geistes auf eine neue Hardware übertragen und das Leben geht weiter. Gerade da zeigt sich, dass Kurzweil trotz aller Technikbegeisterung keinen wissenschaftlichen, sondern einen religiösen Standpunkt vertritt, denn die Wissenschaft kennt sie nicht, diese abstrakte Seelensoftware, die getrennt von unseren Verdauungsproblemen, Veranlagungen, sexuellen Erfahrungen und Krankheiten existieren sollte. >> Weiterlesen