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	<title>Paoli</title>
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	<description>Guillaume Paolis Blog</description>
	<pubDate>Mon, 28 Mar 2011 20:07:32 +0000</pubDate>
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		<title>Die zwei Gesichter der Empörung</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Mar 2011 11:35:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin 2</dc:creator>
		
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		<description><![CDATA[Als Anfang des Jahres „Empört Euch!“, das Büchlein von Stéphane Hessel, von über einer Million Franzosen gekauft wurde, schrieb Jakob Augstein: „In Frankreich wurde ein Buch der Hoffnung zum Bestseller. In Deutschland ein Buch der Niedertracht. Wie kommt es, dass die deutsche Empörung etwas Böses hat und die französische etwas Befreiendes? Wie kommt es, dass [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Als Anfang des Jahres „Empört Euch!“, das Büchlein von Stéphane Hessel, von über einer Million Franzosen gekauft wurde, schrieb Jakob Augstein: „In Frankreich wurde ein Buch der Hoffnung zum Bestseller. In Deutschland ein Buch der Niedertracht. Wie kommt es, dass die deutsche Empörung etwas Böses hat und die französische etwas Befreiendes? Wie kommt es, dass die Franzosen Stéphane Hessel haben und wir Thilo Sarrazin?“ Der Fall schien klar zu sein: Frankreich sei das Land der sozialen Bewegungen und des zivilen Ungehorsams, hingegen dominieren in Deutschland reaktionäre Ressentiments und Angst vor der Freiheit.</p>
<p>Dann rüsteten sich in beiden Ländern die Regierungen zu anstehenden lokalen Wahlen, die als wichtige Vertrauenstests galten. Was tat Merkel? Sie kündigte einen Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg der Atomenergiepolitik an und weigerte sich, Libyen zu bombardieren. Anti-AKW und friedensbewegte Gesten  kommen bei den Wählern gut  an, dachte sie. Was tat Sarkozy? Aus denselben wahltaktischen Gründen genau das Gegenteil: Er ließ wissen, dass die französische Atomenergie die sicherste der Welt und die billigste für die Bürger sei – und ließ Libyen bombardieren. Nationale Unabhängigkeit und weltpolitische Weitsicht werden von den Bürgern goutiert, dachte er.<br />
In beiden Fällen ging die Rechnung nicht auf. Sowohl Merkel als auch Sarkozy wurden von den Wählern bestraft.  Und in beiden Fällen haben die Sozialdemokraten nicht davon profitiert, sondern ebenfalls Stimmen verloren. Ausgeschaltet ist das Prinzip der kommunizierenden Röhren: Was die Regierungspartei an Stimmen verliert, geht nicht mehr automatisch an die Oppositionspartei. Dies scheint eine Behauptung aus dem „kommenden Aufstand“ (ebenfalls Bestseller in Frankreich) zu bestätigen:  „Diejenigen, die noch wählen, scheinen dies nur noch mit der Absicht zu tun, die Urnen durch pure Proteststimmen hochgehen zu lassen. Man fängt an zu erraten, dass gegen die Wahlen selbst weiter gewählt wird.“<br />
Nur: An wen gingen die Proteststimmen? In Deutschland an die Grünen, in Frankreich an die rechtsextreme Nationale Front. Laut Umfragen hätte Frau Le Pen gar für die Präsidentschaftswahl bessere Chancen als Sarkozy. Um Jakob Augsteins Wortwahl zu verwenden: Die französische Protestwahl hat etwas „Böses“, die deutsche etwas „Befreiendes“.  Es gibt einen merkwürdigen Gegensatz zwischen sozialer Empörung und Wahlverhalten.<br />
Der deutsch-französische Unterschied hat aber auch eine andere Komponente: Am Sonntag hat die Wahlbeteiligung in Frankreich einen Rekordtief erreicht, hingegen war sie in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz besonders hoch. Hierzulande herrscht noch die Überzeugung, die außerparlamentarische Opposition (Stuttgart 21 und die Anti-AKW-Demos) kann ihre Ziele dank Einmischung in die etablierte Politik durchsetzen, in Frankreich ist dieser Glaube abhanden gekommen. Hier wird auf eine reformorientierte Kompromisspolitik gesetzt, dort auf Konfrontation. Welche Position „realistischer“ ist, wird sich in der kommenden Zeit zeigen.</p>
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		<title>Gesamtkunstwerk Gaddafi</title>
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		<pubDate>Fri, 18 Mar 2011 13:00:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin 2</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

		<category><![CDATA[Feinde ringsum]]></category>

		<category><![CDATA[Infos &amp; Termine]]></category>

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		<description><![CDATA[PROLOG - Im Jahr 1986 besetzten Punks die libysche Botschaft in London. Das prächtige Haus am Hyde Park stand seit zwei Jahren leer, nachdem von dort aus eine englische Polizistin erschossen worden war und die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden. Die schlauen Besetzer nutzten den Umstand, dass die Immobilie weiterhin einen exterritorialen Status besaß und folglich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>PROLOG - Im Jahr 1986 besetzten Punks die libysche Botschaft in London. Das prächtige Haus am Hyde Park stand seit zwei Jahren leer, nachdem von dort aus eine englische Polizistin erschossen worden war und die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden. Die schlauen Besetzer nutzten den Umstand, dass die Immobilie weiterhin einen exterritorialen Status besaß und folglich von der britischen Polizei ohne offizielle Genehmigung Libyens nicht betreten werden durfte. Als die Besetzer dann in Tripolis anriefen, wurden sie herzlich beglückwünscht, man freute sich ja, dem Vereinigten Königreich ein weiteres Ärgernis zu bereiten. So durfte monatelang ein skurriles Happening stattfinden, in einem gemischten Ambiente aus Londoner Subkultur und arabisch-revolutionärem Kitsch. Dort, zwischen zwei heißen Partys, wurde ich auf Gaddafis „grüne Buch“, das kistenweise herum lag, aufmerksam.</p>
<p>THEATRALITÄT- Fast in jedem Bericht über Gaddafi werden Metaphern aus dem Theater bemüht. Das hängt primär mit seiner äußeren Erscheinungsform zusammen: mit den (möglicherweise selbstironischen) operettenhaften Uniformen und sonstigen Kleidungsstücken, die aus dem Requisitenfundus hergeholt scheinen, auch mit seinen unberechenbaren Auftritten, seiner sexy Leibgarde, die wie ein Frauenchor regelmäßig seine Monologe mit Losungen unterbricht. Offensichtlich hat Gaddafi Spaß an die Selbstinszenierung. Laut WikiLeaks beschreibt ihn der ehemalige US-Botschafter als &#8220;sprunghafte und exzentrische Figur, die unter schwerwiegenden Zwängen leidet, den Flamenco-Tanz sowie Pferderennen liebt, sich von Marotten leiten lässt und Freunde wie Feinde gleichermaßen aus der Fassung zu bringen pflegt.&#8221; Doch ist er nicht nur ein launiger Komödiant, sondern auch eine dramatische Gestalt irgendwo zwischen König Ubu und Macbeth (was nicht als verklärendes Lob verstanden werden sollte, schließlich sind die meisten Tragödienhelden keine erbauliche Figuren). Im übrigen hat auch das Theater spätestens seit „Gaddafi rockt“ von Oliver Czeslik das Potential des Charakters entdeckt. Aber das Verhältnis zwischen Gaddafi und dem Drama geht noch tiefer. Weit davon entfernt, ein rückständiger Exot zu sein, hat der Mann aus Tripolis die Theatralisierung der Politik auf die Spitze getrieben, was wiederum die alte Frage der Politisierung des Theaters in ein neues Licht stellt.</p>
<p><span id="more-257"></span></p>
<p>WERKTREUES DEBÜT – Muammar al Gaddafi ist so alt wie Mick Jagger, beide haben ihre Karriere als revolutionäre Ikone angefangen und sie als unausstehliche Altdiva ewig andauern lassen. Auf ihre alten Tage wurde gar eine gewisse physische Ähnlichkeit auffällig, noch dadurch verstärkt, dass sie dieselben Sonnenbrillen tragen. Überdies heißt ein Spätwerk des Libyers „Escape to hell“, möglicherweise eine Reminiszenz aus „Sympathy for the devil“. Doch als Gaddafi sein viel beachtetes Debüt machte, hatte Jaggers Band bereits das Beste von sich gegeben - gerade war Brian Jones im Swimmingpool ertrunken. Übernacht wurde der damals gut aussehende 27jährige Beduine weltberühmt, als er die Rolle seines Jugendhelds Gamaal Abdel Nasser blendend nachspielte. Ein gelungenes Remake: Wie sein Vorbild setzt er sich an die Spitze eines „Bund der freien Offiziere“, schasst den alten König und erklärt die Ankunft der sozialistischen Revolution. Die Aufnahmen von damals zeigen, wie der massiv umjubelte Putschist seine Restschüchternheit hinter einem ständigen Lachen verbirgt. Ehe er im darauf folgenden Jahr starb, erklärte Nasser, sein junger Nacheiferer würde die Vision verwirklichen, an der er selbst gescheitert war: Die Vereinigung der gesamten arabischen Nation über alle bestehende Landesgrenzen. Dieses ehrgeizige Ziel nahm sich Gaddafi zu Herzen. Als er später selbst daran scheiterte, versuchte er ebenfalls vergeblich die „Vereinigten Staaten von Afrika“ auszurufen. Übrigens geben sogar seine erbittertsten Gegner zu, dass die Anfänge seiner Ära für Libyen trotz Unterdrückung der politischen Opposition eine Zeit des Aufschwungs war, es fand eine tatsächliche Umverteilung statt, für die libyschen Verhältnisse war die Stellung der Frauen fortschrittlich. Doch war die Aufgabe, seinem Vorbild treu zu sein, eine Herausforderung. Da Nasser seine Rolle selbst entwickelt hatte, wäre dessen bloße Imitation ein Verrat gewesen. Der Libyer musste seinen eigenen Charakter kreieren, dafür einen Schritt weiter in die Extreme gehen. Diese Triebfeder mag seinen exotischen Auftritt auf der Weltbühne erklären.</p>
<p>DER EINZIGE STAATSMANN DER WELT, DER OFFENSICHTLICH VERRÜCKT IST – So lautet jetzt das einstimmige Urteil der Weltöffentlichkeit über Gaddafi, wobei der Akzent auf „offensichtlich“ gesetzt werden sollte. Über den geistigen Zustand der politischen Eliten weltweit und ungeachtet des Regierungssystems wären einige Fragen berechtigt. Wie viel Größenwahn steckt in der „Durchsetzungsfähigkeit“, die nötig ist, um an die Spitze eines Landes zu gelangen? Wie viel Rücksichtslosigkeit, um die Konkurrenz zu beseitigen? Wie viel Selbstverleugnung, um die „bedauernswerte Kluft zwischen Ideal und Realpolitik“ auszuhalten? Wie viel Verachtung, um täglich tausende Hände mit einem Lächeln zu schütteln? Wie viel Realitätsferne, um die konkreten Sorgen der Menschen systematisch zu ignorieren? Ein Psychogramm des homo politicus würde wenig ruhmreiche Charaktereigenschaften zu Tage bringen. Vielleicht besteht der Vorteil westlicher Demokratien einzig darin, dass sie ihren Regierenden nicht die Zeit lassen, die entwickelten Stadien ihres Wahns zu manifestieren. Was Diktatoren betrifft: Es ist anzumerken, dass weder Ben Ali noch Mubarak für wahnsinnig gehalten werden. Da weiss man wohl, weshalb sie an der Macht festhielten: Take the money and run. Sobald die regelrechte Plünderung des Landes nicht mehr möglich war, traten sie zurück, um ihren Reichtum in Ruhe zu genießen. Diese Motivation ist für westliche Politiker durchaus verständlich, die ihre Amtsperiode als Vorstufe der Bereicherung managen. Wir leben ja in einer Welt, die Gier als Kern der Rationalität erklärt. Wenn Geld das Tatmotiv ist, ist ein Mord noch nicht vergeben, doch immerhin nachvollziehbar. Wahnsinn wird dann diagnostiziert, wenn kein Geldinteresse feststellbar ist. Obwohl er genug Vermögen ergattert hatte, ist Gaddafi nicht diskret abgehauen, sondern scheint bereit, seine Rolle bis zum Tode spielen zu wollen. Das ist doch das Verrückte in den Augen aller Nihilisten, die sich nicht vorstellen können, für etwas anderes als das eigene Bankkonto kämpfen zu können. Gerade interessant an Gaddafi ist, dass er ein überflüssiges Drama entwickelte. Für die normale Usurpation hätte er es nicht nötig gehabt.</p>
<p>DER GRÜNE STOFF – Sehen wir kurz von dem Kontext ab, um nur den Text zu betrachten. Mit minimalen Veränderungen hätte „Das grüne Buch“ heute noch seinen Platz in jeder linken oder (deutsch)grünen Buchhandlung. Es enthält alle Elemente, um radikale Staatskritiker und Anhänger des “dritten Wegs“ zu begeistern. Der Gedankenrahmen schwebt zwischen zwei vertrauten Polen: der Rousseau&#8217;schen Beschwörung eines „Naturzustands“, als es noch keine Ausbeutung und kein Eigentum gab (hier das nomadische Leben in der Wüste), und zugleich der Vervollkommnung der modernen Zivilisation, welche eine Beseitigung „überholter“ Gesellschaftsstrukturen voraussetzt. Die Vorstellung ist universalistisch, sie gibt keiner Nation, Klasse oder Kultur den Vorrang. Die Gleichberechtigung der Frauen und Minderheiten wird hervorgehoben. Die politische Auffassung erinnert an die der Rätekommunisten von 1918: Abschaffung der Parteien und Parlamente, Einführung der direkten Demokratie auf allen Ebenen. Die ganze Macht wird von den Volkskomitees ausgeübt, das Gewaltmonopol durch die Volksbewaffnung ersetzt. Ökonomisch wird die „Lohnsklaverei“ zugunsten der freien Assoziation freier Produzenten abgeschafft.<br />
Hier wird nicht wie bei Lenin oder Mao die (vorübergehende) Notwendigkeit des omnipotenten Staates behauptet, sondern dessen absolute Abwesenheit. Es ist die alte anarcho-kommunistische Utopie wie sie in allen revolutionären Bewegungen des 20. Jahrhunderts mit Gewalt unterdrückt wurde. Ob diese machbar und gar wünschenswert ist, steht auf einem anderen Blatt, immerhin findet sich in ihr keine Rechtfertigung von Terror und Diktatur. Alles Frieden, Freude und Basisdemokratie. Das ist schon für ein Staatsprogramm sonderbar, sonderbarer noch die Behauptung, die Utopie sei bereits Realität.</p>
<p>IM JAHR DES PUNK 1977 inszeniert Gaddafi die Ankunft der Jamahiriya (Anarchy in Lybia). „Das Grüne Buch“ wird sofort umgesetzt, die Macht an das Libysche Volk komplett übergeben. Gaddafi selbst verzichtet auf sämtliche politische Funktionen, um nur noch als „Symbol“ bzw. „Revolutionsführer“ zu fungieren (daher sagt er jetzt, er könne nicht zurücktreten, nominell habe er ja keine Macht). Wo ein gewöhnlicher Diktator sich zum Marschall oder Kaiser aufbläst, rühmt sich der Oberst der Selbstauflösung ins Volke. Von nun an setzt ein wahrer schizophrener Zustand im Land ein. Selbstverständlich fand keine Revolution statt, sondern ein (wenn auch weitgehend unblutiger) Militärputsch. Intakt bleibt der Staatsapparat inklusive Gefängnisse, Polizei, Armee, sowie die zentrale Verwaltung der Ressourcen. Es ist der Antistaatsstaat. Eine solche Dissoziation der Ideologie und der Wirklichkeit kann nur durch eine permanente Inszenierung fortbestehen. Das war im Faschismus nicht anders. Walter Benjamin erklärte den Erfolg Hitlers mit der „Ästhetisierung der Politik“ die ihm erlaubte, die Gewalt über die Massen zu behalten. Doch gibt es einen wesentlichen Unterschied. In Libyen wurden die Massen nicht durch die Zurschaustellung des Staates, sondern durch seine organisierte Unsichtbarkeit glorifiziert.</p>
<p>STAATSSITUATIONISMUS – „Das grüne Buch“ zeichnet sich von  antiquierten Machtergreifungsfibeln dadurch aus, dass es sich nicht nur auf Politik und Wirtschaft konzentriert. Im dritten Teil wird eine fundamentale Kulturkritik erläutert, die durchaus auf der Höhe ihrer Zeit ist, eine Kritik der Trennung zwischen Akteuren und Zuschauern wie sie archetypisch in Theatern herrscht:</p>
<p>„Menschen, die kein heroisches Leben führen können, Menschen, die von der Geschichte nichts wissen und der Zukunft nicht entgegensehen, Menschen, die die eigene Existenz nicht ernst genug nehmen, solche Menschen sitzen in Theater- und Kinosälen, um Ereignisse zu beschauen in der Hoffnung, daraus etwas lernen zu können. Sie sind wie noch unwissende Schulkinder im Klassenzimmer.<br />
Wer ein wirklich selbstbestimmtes Leben führt, der hat kein Bedürfnis, zuzuschauen, wie Schauspieler auf Bühnen oder Leinwänden das Leben vorführen. So wenig hat der Reiter, der den Zügel des eigenen Pferdes hält, das Bedürfnis, auf Pferderennbahntribünen zu sitzen. Hätte jeder Mensch ein Pferd, würde keiner zuschauen und klatschen. Sitzende Zuschauer sind einfach zu hilflos, um selbst aktiv werden zu können. Man geht auch nicht in ein Restaurant, einfach um Essende zu beschauen. Beduinen haben kein Interesse an Theater oder Shows, dafür sind sie zu ernst und arbeitsam. Weil sie das Leben ernst nehmen, verpönen sie die Schauspielerei. Sie sind keine Zuschauer, sie spielen selbst und nehmen an fröhlichen Feste teil, weil sie die natürliche Notwendigkeit solcher spontanen Aktivitäten anerkennen.“</p>
<p>Das erinnert stark an ein Kultbuch der 68er Generation, Guy Debords „Gesellschaft des Spektakels“ in dem behauptet wird: „Alles, was unmittelbar erlebt wurde, hat sich in einer Repräsentation entfernt“ - da spielt Debord auf die Polysemie des Wortes „Repräsentation“, das auf französisch sowohl (politische) Vertretung, als auch (Theater) Vorstellung und (künstlerische) Abbildung bedeutet. Parlamentarische Demokratie, Konsumgesellschaft, entfremdete Arbeit, das sind bloß Phänomene. Grundlegend ist das allgemeine passive Verhältnis, das die Zuschauer von der Macht über das eigene Leben trennt. Diese Kritik der Entfremdung stammt aus den künstlerischen Avantgarden. Demnach geht es nicht nur darum, die Politik demokratischer und die Arbeit gerechter zu gestalten. Das Leben soll zum Kunstwerk und alle Menschen zu Künstlern werden. Es gibt nur ein revolutionäres Ziel: die Selbstabschaffung des Zuschauers. Wie im Theater die „vierte Wand“ müssen alle Trennungen zwischen spezialisierten Bereichen, alle institutionelle Vermittlungen abgerissen werden, um an das unmittelbare Leben kommen zu können.</p>
<p>SELBSTDARSTELLUNG – Darin liegt die Besonderheit des Gaddafi-Spektakels: Inszeniert wird nicht nur (wie in staatssozialistischen Ländern) die Macht des Volkes, sondern die Abschaffung der Inszenierung. Im Grunde beschäftigt sich der „Revolutionsführer“ mit einer Frage, die antikapitalistisch gestimmte Regisseure und Dramaturgen sehr gut kennen: Wie führe ich den Aufstand vor? Oder anders gesagt: Wie schaffe ich das Theater ab mit den Mitteln des Theaters? Für die gute Sache sind kleine Tricks unvermeidlich. Unauffällig werden die tatsächlichen Rahmen (Bühne, Kulissen, Zuschauerraum bzw. Gefängnisse, Kasernen, Fabriken) ausgeblendet. Der Regisseur lässt seine Schauspieler improvisieren, wobei diese Improvisationen unter sorgfältigen Anweisungen geprobt worden sind. Der Chor (die Revolutionskomitees) ist die Stimme der Zuschauer (des Volkes), die nun Zuschauer der eigenen Nichtexistenz sind. Wie in einer berühmten Szene aus Monty Pythons „Life of Brian“ ruft der Revolutionsführer: „Ihr seid alle selbständige Individuen!“ Das Volk: „Wir sind alle selbständige Individuen!“ Ein Einzelner: „Ich nicht“ (er wird von den Anderen zusammengehauen).</p>
<p>Eine konsequente Umsetzung des Stoffes würde heißen, der Regisseur schafft sich selber ab bzw. verschwindet in die Wüste, doch ist die Inszenierung allein in seinem Kopf geboren, ohne ihn würde sie sich sofort in dem formlosen, reaktionären Alltag auflösen. Und darin liegt die Tragik dieser Position: Ganz gleich, wie genuin sein Wille ist, die bestehenden Verhältnisse umzuwälzen, der Revolutions(vor)führer handelt primär aus dem Impetus, selbst ein „heroisches“ Leben zu führen. Er kämpft um Anerkennung, doch kann diese Anerkennung nicht von dem imaginierten „Volk“ gewonnen werden, sondern von der real existierenden Zuschauermasse, die er wiederum zutiefst verachtet. Theoretisch sollte die Vorführung die Zuschauer dazu bringen, selbst Spieler zu werden. Faktisch können sie höchstens Statisten in einem Spiel sein, das sie nicht selbst definiert haben. Dieser extreme Widerspruch lässt sich nur durch einen Fluchtweg aushalten: Die Selbstdarstellung. Gaddafi wird die Rolle personifizieren, die er seinen Untertanen zuschreibt und zugleich verbietet - die Rolle des heroischen Spielers. Er verweist auf die Möglichkeit, souverän zu handeln, und macht dabei diese Möglichkeit zunichte. Insofern sind die bizarren, gekünstelten Erscheinungen Gaddafis kein Produkt seiner launigen Willkür, sie folgen einer zwingenden Logik.</p>
<p>TOTALE KUNST - Der bildende Künstler Gaddafi hat die monochrome Flagge kreiert. Der Designer Gaddafi entwarf ein ziemlich schickes Automodell, „The Rocket“, mit libyschen Teppichen ausgekleidet. Im Musikbereich wurde er erst nach diesjährigem Aufstand berühmt, mit dem Videoclip „Zenga Zenga“ (das auch noch von einem Israeli montiert wurde!). Der Dichter Gaddafi hat u.a. einen Essayband mit dem Titel verfasst: &#8220;Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten“. Von der literarischen Qualität des Werkes waren die Kritiker nicht ganz begeistert, immerhin kann man als prophetisch eine Stelle nennen, wo sich der Autor über die Tyrannei der Massen beklagt, die dazu neigen, ihre Führer in die Wüste zu schicken.<br />
Doch zweifelsohne ist Gaddafi vorerst Aktionskünstler gewesen. Jahrelang kursierten unter schmunzelnden Arabern die jüngsten Einfälle des Politprovokateurs. Einmal kommt die algerische Fußballmannschaft nach Tripolis für ein Freundschaftsspiel. Vor dem Anpfiff steht Gaddafi auf und erklärt „aus Freundschaft zu unseren algerischen Brüdern“ diese kurzerhand zum Sieger. Die von dem Spiel frustrierten Fans randalieren im Stadion (stand doch in seinem „grünen Buch“: „nur Idioten sitzen im Stadion um Sportlern zu applaudieren anstatt selber Sport zu praktizieren“). Ein anderes Mal bestellt er Journalisten vor das Tor eines Gefängnisses, wo politische Opponenten (natürlich ohne Urteil) sitzen. Dann erscheint der Revolutionsführer höchst persönlich am Steuer eines Baggers, rammt die Mauer ein und lässt großzügig die Insassen durch die zerstörte Umwallung fliehen – ein klarer Fall der stellvertretenden Befriedigung unser aller Zerstörungsphantasien, wie es auch jene Rockbands der 60er taten, die genüsslich ihre Gitarren und Hotelzimmer kaputt machten. Manche Einfälle lehnen sich eher an die Kyniker an. Bei einem afrikanischen Gipfeltreffen geht Gaddafi demonstrativ zur Toilette, wartet, bis man ihn dort aufsucht und behauptet, er sei davon ausgegangen, dies wäre der eigentliche Verhandlungsraum gewesen. Noch vor kurzem bei einem Italienbesuch bestellt er unweit vom Vatikan 200 hübsche Callgirls, hält ihnen einen Predigt über die Vorteile des Islams, woraufhin sich zwei von ihnen auf der Stelle bekehren lassen. Gaddafi, ein schlechter Künstler? Schlingensief hat es nicht besser gemacht. Der Unterschied ist nur: In der Regel wird man Künstler, um das tun zu dürfen, was sonst nur Diktatoren können. Umgekehrt wurde Gaddafi Diktator, um Dinge zu tun, die sich sonst nur Künstler gönnen.</p>
<p>OUT OF TIME - Irgendwann in den neunziger Jahren soll es dem „Revolutionsführer“ klar geworden sein, dass er in all seinen Zielen völlig gescheitert ist: militärisch im Tschad, politisch in seinen Beziehung zu anderen Staaten der Region, historisch mit dem weltweiten Sieg des liberalen Kapitalismus über selbsternannte Befreiungsbewegungen. Vor allem ist er zu Hause gescheitert, als sich seine Familie und sein Klan wie die üblichen Despotensippen nur noch für die schnellstmögliche Bereicherung und die Plünderung der Ressourcen interessierten. Schlimmer noch: sein Sohn war Fußballfreak geworden und erkaufte sich eine Mannschaft. Aus der ursprünglichen Ambition des „grünen Buches“ blieb nur noch ein Scherbenhaufen. Der tragische Kern, der Konflikt zwischen revolutionärem Anspruch und diktatorischer Wirklichkeit, war längst zu einer schlechten Farce geworden. Selbstverständlich betraf auch dieser Verfall Gaddafi selbst, der zu lange Zeit die Gelegenheit hatte, aus seiner Position außerordentliche Privilegien zu ziehen. Die Macht korrumpiert, die absolute Macht korrumpiert absolut, die als nicht-existent erklärte Macht ermöglicht, die Korruption unsichtbar zu machen. In seinem Buch hat Gaddafi seinen Hass auf die Großstadt und seine Liebe zur Wüste besungen, die er auch demonstrativ vorführte, als er sich mit Kamelen und Beduinenzelt in den Hauptstädten Europas aufhielt. Aber in der Heimat haust er in luxuriösen Palästen – die natürlich „Geschenke des Volkes“ sind. Das Zelt war nur ein Traum der Kindheit. Der Palast hat gesiegt, die Korruption des Alters.</p>
<p>FALLENDE HANDLUNG - Von nun an verbündet sich Gaddafi mit dem Feind, den er nicht zu besiegen vermochte. Und er wird herzlich aufgenommen. Ruckzuck wird das Embargo aufgehoben, der Staatsterrorist zum salonfähigem Ansprechpartner und der „Schurkenstaat“ zum vollberechtigten Mitglied der internationalen Gemeinschaft. Bemerkenswert ist: Gerade zu diesem Zeitpunkt, wohlwissend, dass die westliche Öffentlichkeit wegschauen wird, entwickelt sich das absurde Theater in ein absolutes Theater der Grausamkeit. Der neue Akt fängt im Gefängnis von Abu Selim an, als die 1200 Gefangenen bis zum letzten abgeschlachtet werden. Der Fall löst keine internationale Empörung aus. Der Grund dafür ist bekannt. Von nun an weiss der Mann aus Tripolis, mit den zwei größten Ängsten zu spielen, die Europa aus dem satten Schlaf bringen: Die Einwanderung von Millionen aushungernden Afrikanern und die Ölknappheit an den Tankstellen. Um beide Drohungen zu vermeiden, ist den Europäern kein Verbrechen zu grausam, vorausgesetzt, es wird von anderen begangen. Es sind Italien, Frankreich und Deutschland, die Gaddafi mit Waffen reichlich beliefert haben (zu welchem Zweck denn?), es ist die EU, die ihm jährlich 50 Millionen Euro überwies, um Flüchtlings-KZs in der Wüste zu errichten, es ist die deutsche Polizei, die seine Sicherheitskräfte ausbildete, es sind deutsche Ingenieure, die seine Giftgasfabrik bauten. Heute wettern all diese feinen Seelen gegen den bösen, bösen Diktator.</p>
<p>Wenn man so will, ist es ein Verdienst Gaddafis, nachgewiesen zu haben, wie korrupt, heuchlerisch und zynisch die ach so demokratischen Regierungen Europas sind. Auch das tat er gekonnt mit großem Gespür für das Theatralische. In einem letzten Hauch von Antiimperialismus ließ er genüsslich die Vertreter des Westens, allen voran Bonga-bonga-Burlesconi, sich im Schlamm suhlen und ihm zu Füßen kriechen. Eine gelungene Erniedrigungsshow.</p>
<p>KRISIS – Und dann kommt die unerwartete Wendung. Auf einmal hören die Araber auf, Zuschauer von Palastrevolutionen zu sein und übernehmen die Regie. Die Rebellion fängt bei den Westnachbarn an, geht bei den Ostnachbarn weiter, schließlich steckt sie die Massen in Bengazi und Tripolis perkolativ an. Diese fangen an, das zu werden, was von ihnen immer behauptet wurde. Es werden tatsächliche Volkskomitees gegründet, Entscheidungen werden basisdemokratisch getroffen, Waffen zu Selbstverteidigungszwecken ergattert. Jetzt wird Gaddafis Vision real umgesetzt, aber gegen Gaddafi selbst. Somit wird die als-ob-Inszenierung abrupt abgebrochen. Die Fiktion platzt wie eine Thermoskanne. In der Logik des „Revolutionsführers“ kann dieser Einbruch der Wirklichkeit nur einer kollektiven Halluzination zugeschrieben werden, wahrscheinlich unter Drogeneinfluss der Teilnehmer. Die Störer der fortdauernden Komödie werden als „Komödianten“ beschimpft, sie seien Statisten einer Inszenierung unter der gemeinsamen Regie von Al Qaida und Al Jazeera.<br />
Plötzlich gibt es keine Zuschauermasse mehr, sondern ein Volk. Im Alltag existiert das Volk nicht, nirgends. Das Volk gibt es nur dann, wenn (und solange) es sich auf der Straße sichtbar macht und sich als solche behauptet. Sobald es „Wir sind das Volk“ sagt, ist es eine reale Kraft. Und dieser Moment ist gewöhnlich kurz. Hingegen ist das Volk des „grünen Buchs“ eine Chimäre, nicht mehr und nicht weniger als das Volk der Bundesverfassung. Im Berliner Hauptbahnhof steht auf einem Riesenplakat: „400 Meter von hier regiert das Volk“ - unausgesprochen: doch hier pendelt ein Humankapital, das gar nicht so aussieht, als ob es irgend eine Macht über das eigene Leben hätte.<br />
In dem Moment, als die libysche Menge das „grüne Buch“ öffentlich verbrennt, realisiert sie das Programm des „grünen Buches“. Doch wahrscheinlich ist es ihr nicht bewusst. Die Parolen sind längst vergiftet, die Begriffe entleert, die Utopie disqualifiziert. Und was dieses Vacuum jetzt füllen mag, ist nicht unbedingt aussichtsreich. Es kann ein fortdauernder Stammeskrieg sein, oder ein neokoloniales Protektorat (1)<br />
Noch ist der Vorhang nicht gefallen. Gaddafi wird lieber die Szenerie mit Blut  (leider kein Theaterblut) übergießen und heldenhaft sterben, als seine Fiktion aufgeben. Derzeit wird er häufig mit Nero verglichen, wieder eine Figur, die Theater mit Politik vermischte.<br />
Welcher Schluss auch immer kommen mag, es ist anzunehmen, dass die Bevölkerung nunmehr einer eher unspektakulären, postheroischen Form der Repräsentation den Vorzug geben würde.  In Zeiten der  „Facebook-Aufstände“ ist die Romantik der Unmittelbarkeit definitiv vorüber. Nicht mehr Kunst und Theatralik beflügeln die Revolte,  sondern die Generierung und Regulierung von  Informationsströmen.  Vielleicht ist das keine schlechte Sache.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br />
(1) „My own impression, partly as a result of visiting Tripoli four years ago, is that the current rebellion is a much more mixed bag, with serious potential internal contradictions. Unlike Egypt, Libya is not a populous historic state with thousands of years of history, a strong sense of national identity and a long political culture.  Half a century ago, it was one of the poorest countries in the world, and still has not fully emerged from its clan structure. Qaddafi, in his own eccentric way, has been a modernizing factor, using oil revenues to raise the standard of living to one of the highest on the African continent.  The opposition to him comes, paradoxically, both from reactionary traditional Islamists on the one hand, who consider him a heretic for his relatively progressive views, and Westernized beneficiaries of modernization on the other hand, who are embarrassed by the Qaddafi image and want still more modernization.  And there are other tensions that may lead to civil war and even a breakup of the country along geographic lines.“ (Diana Johnstone: „Libya: Is This Kosovo All Over Again?“, www.counterpunch.org)</p>
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		<title>Wozu Denkmale?</title>
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		<pubDate>Wed, 09 Feb 2011 10:25:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin 2</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Pfeilerhalle im Grassi Museum ist ein besonders schöner Raum. Dort war ich am 8.2.2011 zu einer Veranstaltung eingeladen, zu dem Thema: „Orte der Erinnerung - politische Denkmale zwischen Pathos und Beliebigkeit.“ Hier mein Vortrag dazu.
Ich möchte mit einer kleinen Anekdote anfangen. Vor ein paar Jahren hatte ich bei mir einen Afrikaner aus Sierra Leone [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Pfeilerhalle im Grassi Museum ist ein besonders schöner Raum. Dort war ich am 8.2.2011 zu einer Veranstaltung eingeladen, zu dem Thema: „Orte der Erinnerung - politische Denkmale zwischen Pathos und Beliebigkeit.“ Hier mein Vortrag dazu.</em></p>
<p>Ich möchte mit einer kleinen Anekdote anfangen. Vor ein paar Jahren hatte ich bei mir einen Afrikaner aus Sierra Leone zu Besuch, der zum ersten Mal in Europa war. Er ging den ganzen Tag durch Berlin spazieren und als er am Abend zurückkam fragte er mich: „Sag, ich habe überall gesucht und kein Hitler-Denkmal gefunden, kannst Du mir sagen, wo es eins gibt?“ Mein Versuch, ihm den Grund dieser Abwesenheit zu erklären, stieß auf Unverständnis. Schließlich sei Hitler der berühmteste Deutsche in der ganzen Welt. Und Denkmale seien eben da, um Ruhm zu dokumentieren. Diese Anekdote zeigt uns, wie räumlich und zeitlich relativ die Gedächtniskultur ist. Von Afrika aus gesehen ist Hitler bloß eine längst vergangene Figur in der Geschichte eines fernen Landes. In Paris gibt es wohl zahlreiche Napoleon-Denkmale, warum kein Hitler-Denkmal in Berlin? Schließlich fragen wir uns beim Besuch der Pyramiden auch nicht, ob der Pharao ein guter oder schlechter Herrscher war. überdies ist für einen Afrikaner das Argument gar nicht einleuchtend, Massenmörder dürfen nicht verherrlicht werden. Zahlreiche Kolonialherrscher und Generäle, die für die Versklavung und Ermordung seiner Vorfahren verantwortlich waren, sind in Europäischen Städten in Stein und Marmor verewigt.</p>
<p>Kurzum: So emotional und pathetisch über Denkmale debattiert und dabei auf universale Werte rekurriert wird, wie dürfen nicht vergessen, dass ihre tatsächliche Bedeutung kaum über den eigenen Kulturkreis, um nicht zu sagen den eigenen Nabel hinaus reicht.</p>
<p>In Südostasien oder Indien ist der Begriff Denkmalschutz unbekannt. Dort wird gnadenlos abgerissen und neu gebaut. Es war übrigens im Deutschland der Gründerzeit nicht anders. Ohne Bedenken wurde seinerzeit das Geburtshaus Richard Wagners in Leipzig einem Warenhaus geopfert. Für dynamische Nationen, die ihre ganzen Energien in die Zukunft projizieren, ist die Konservierung des Vergangenen reine Zeit- und Mittelvergeudung. Meine Vermutung ist, dass die Zunahme der Denkmalkultur, wie wir sie heute in Europa beobachten, ein Symptom des Bedeutungsverlusts und der damit verbundenen Unsicherheit ist. Der Kontinent veraltet, global wirtschaftlich wird er in die Peripherie gedrängt, seine maßgebliche Position in Kultur und Politik hat er längst eingebüßt, also hat er nur noch Eines anzubieten: eine reichhaltige Vergangenheit. Diese wird melancholisch gepflegt und im Notfall neu erfunden.</p>
<p>Wenn hierzulande die Gedenkwut speziell um die Wende und die Deutsche Einheit fokussiert wird, dann möglicherweise aufgrund des Gefühls, 1989 sei das letzte Ereignis gewesen, der Schlusspunkt der europäischen Geschichtsschreibung. Die weiteren Episoden werden woanders geschrieben. Hier wird nichts mehr passieren. So zumindest der Subtext.</p>
<p>Damit kommen wir auf die ambivalente Funktion des Denkmals. Es wird angenommen, historische und politische Zeugnisse seien dazu da, um unseren Geschichtssinn zu aktivieren. Doch wissen wir, dass viele Monumente mit dem umgekehrten Ziel errichtet wurden, nämlich um Vergänglichkeit einzufrieren. Das ist in Diktaturen besonders klar. Stalin, Mao oder Saddam Hussein ließen ihr Konterfei einmeißeln, gerade um Abschied von der geschichtlichen Zeit zu nehmen und die ewige Gegenwart ihrer Herrschaft zu behaupten. Aber nicht nur Diktaturen, jede Ordnung fördert eine atemporale Auffassung der eigenen Legitimität. Der Freizeitpark ist ein Ort der fortwährenden Gegenwart. Und Europa hat schon lange begonnen, sich in einen Freizeitpark zu verwandeln (was nicht heißt, dass im Park nicht hart gearbeitet wird). Als bekennender Spaziergänger habe ich eine besondere Vorliebe für Skulpturen und Monumente, die von längst vergessenen Figuren oder Episoden zeugen. Rührend sind solche naiven Wunschbilder der Verewigung, lächerlich die Einbildung, die künftigen Generationen würden sich um unsere Sachen scheren. Doch war der barocke Charme solcher Zeugnisse nicht beabsichtigt.<span id="more-245"></span></p>
<p>Ein ähnliches Gefühl ergreift mich vorausschauend, wenn ich höre, dass jetzt ein Einheitsdenkmal errichtet werden soll. Die bestehende Gesellschaftsordnung feiert sich selbst und lässt sich mit einer Art Siegessäule verewigen. Da muss ich an meinen ehemaligen Nachbarn Otto denken, selbst ein lebendes Denkmal. Er war über 90, hatte Kaiserzeit, Weimarer Republik, Nazidiktatur und DDR hinter sich und pflegte zu sagen: „Kinder, diese neue Bundesrepublik, det ist ooch nicht von Bestand.“</p>
<p>Ganz gleich, was der historische Gegenstand eines Denkmals ist, es ist vor allem ein Selbstbildnis der Epoche, die es errichtet. Nicht zufällig wurde die bombastisch deutschnationale Folklorisierung eines grausamen Gemetzels, die sich Völkerschlachtdenkmal nennt, wenige Monate vor Ausbruch des ersten Weltkriegs errichtet. Hier wird nicht 1813, sondern 1913 dokumentiert.</p>
<p>Gedächtnis bedeutet nicht nur Erinnerung, sondern zugleich Vergessen. Wir können uns nicht auf einmal die ganze Vergangenheit vergegenwärtigen, wir können nicht alle Figuren ehren, wir können nicht alle Bauten erhalten, also findet ein notwendiger Selektionsprozess statt. Doch wissen wir, welche Tücken in der Auswahl stecken mögen: Verdrängung, Verklärung, Verzerrung. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt: Meistens ist das, was aus dem Bewusstsein entfernt wird, aufschlussreicher als das Erhaltene. Doch anders als das individuelle Gedächtnis, das vorwiegend von unbewussten Mechanismen gesteuert wird, hängt das öffentliche Gedächtnis von bewussten Entscheidungen ab. Insofern ist jedes Denkmal ein politisches Denkmal und jeder Akt des Andenkens das Ergebnis eines vorübergehenden Kräfteverhältnisses. Warum wird ein zerstörtes Objekt nachgebaut? Um Geschichte wieder zu beleben, oder um sie zu vernichten, indem die historische Entwicklung, die zur Zerstörung geführt hatte, ausradiert wird? Welche Aspekte eines Ereignisses werden in der Darstellung ausgeblendet? Wo hört Normalisierung auf, wo fängt Negationismus an? All diese Fragen sind umstritten, weil es für ihre Klärung keine objektive Kriterien gibt. Ein Denkmal ist eine Behauptung. Besser noch auf die Behauptung verzichten, als vergeblich zu versuchen, durch eine Kompromisslösung alle Parteien zufrieden zu stellen.</p>
<p>Ich habe bisher von der Absicht gesprochen, die offiziell verfolgt wird. Eine andere Frage ist die tatsächliche Wirkung und sie ist nicht weniger problematisch. Wozu Denkmale überhaupt? Die übliche Erklärung lautet: Der Betrachter wird an historische Ereignisse oder Figuren erinnert, die Präsenz des Denkmals erzeugt seine Betroffenheit oder seinen Bürgersinn oder seine Dankbarkeit, so wird über Generationen hinweg das öffentliche Gedächtnis tradiert. Doch sind wir da so sicher? Ich möchte Ihnen einen Begriff vorstellen, der von dem Kunsttheoretikern Robert Pfaller geprägt wurde: den Begriff der Interpassivität. Interpassiv sind nach Pfaller Handlungsformen, durch welche das eigene Genießen bzw. sonstige Empfindungen an andere Menschen oder Dinge delegiert werden. Zum Beispiel sind Klageweiber in mediterranen Trauerfeiern ein interpassives Verfahren, indem die Trauer an Dritte delegiert wird. Ebenso die Dosengelächter in Fernsehshows, die uns die Mühe ersparen, selbst lachen zu müssen. Da kann man sich fragen, ob Denkmale vielleicht nicht ebenfalls interpassive Objekte seien, deren tatsächliche Funktion wäre, uns der Bürde des Erinnerns zu entledigen. Etwas übernimmt die Gedenkarbeit an meiner Stelle. Ich muss nicht mehr feiern, die Feier wird in Bronze eingemeißelt. Ich muss nicht weiter trauern, das Mahnmal trauert stellvertretend für mich. Ich darf vergessen, die Erinnerung ist irgendwo gespeichert.</p>
<p>Bei vielen Denkmalen besteht zumindest ein Verdacht der Interpassivität. Nehmen Sie das Holocaust-Mahnmal. Als der Bau beschlossen wurde, erklärte der damalige Bundeskanzler Schröder, er wünsche sich ein Holocaust-Mahnmal „wo man gerne hingeht“. Ziel erreicht, möchte man sagen. Wir gehen gern durch den Holocaust spazieren. Nur fragt sich, was aus der ursprünglichen Absicht übrig geblieben ist. Noch einen Schritt weiter ging der Historiker und Stiftungsmitglied Eberhard Jäckel. Er brachte es fertig, zu sagen: „Es gibt Länder in Europa, die uns um dieses Denkmal beneiden.“ Da kehrt sich gar die Mahnung in „Sündenstolz“ um, wie Hermann Lübbe es nannte. Schaut, wie wunderschön wir Buße getan haben! Somit wird das Verbrechen ein für allemal annulliert.</p>
<p>Nun stellt sich die Frage, ob in diesem Fall eine nicht interpassive Form möglich gewesen wäre. Wie ich finde, hatten die Künstler Reinhard Matz und Rudolf Herz einen entsprechenden Entwurf eingereicht. Damals hatten sie vorgeschlagen, einen Kilometer der Autobahn A7 südlich von Kassel mit Pflastersteinen zu bedecken und auf Tempo 30 zu reduzieren, dies mit einer Schilderbrücke zu versehen, die an die ermordeten Juden Europas erinnern solle. Täglich hätten da zehntausende Autofahrer an dem Andenken aktiv teilnehmen müssen und dies nicht unbedingt gern. Erwartungsgemäß wurde der Vorschlag von der Jury mit vollem Unverständnis abgelehnt.</p>
<p>So kommen wir zu der heiklen Frage der Auswahlkriterien. Selbstverständlich ist ein Denkmal auch ein Kunstwerk. Das Problem ist, dass Kunst sich nur mit kunstimmanenten Kriterien bewerten lässt. Diese Kriterien unterscheiden sich aber oft von den Kriterien des Historikers oder des Politikers. Da der Auftraggeber repräsentative Zwecke verfolgt, wird von den Künstlern eine zeitgemäße Bildsprache erwartet. Würde er anders verfahren und etwa die naturalistischen Formen reproduzieren, die im 19. Jahrhundert kanonisch waren, dann würde einstimmig das fatalste aller Urteile fallen: Kitsch! Wenn ein historisches Ereignis mit einem kitschigen Denkmal verbildlicht wird, dann wird nicht das Ereignis gewürdigt, sondern das Denkmal ausgelacht. (Ich erinnere an das entworfene Wenderelief von Frau Tucker Frost, auf dem eine Menschengruppe Kerzen trägt, die, so der Wunsch der Bildhauerin, „später von den Leipzigern mit ihren Taschentüchern poliert werden“ sollten. Danke für das Geschenk.)</p>
<p>Wird aber ein Denkmal nach zeitgenössischen Kunstkriterien ausgewählt, dann muss auf Eindeutigkeit und Lesbarkeit verzichtet werden. Dafür gibt es gute Gründe, die mit der historischen Entwicklung der Bildsprache zusammenhängen. Doch ist die künstlerische Bewertung schwer mit der konservativen Absicht des Historikers vereinbar. Es entsteht ein Widerspruch zwischen der Fixierung eines vergangenen Inhalts und der Behauptung einer zukunftsweisenden Form. Da fällt leicht der Vorwurf der Beliebigkeit, wobei dieser meist ungerechtfertigt ist. Eine symbolische Auseinandersetzung mit dem Gegenstand ist in vielen Entwürfen schon erkennbar. Das Problem liegt woanders, nämlich in der Wahrnehmung. Der Betrachter eines Denkmals verfügt über ein begrenztes Maß an Aufmerksamkeit. Während er sich mit der Interpretation des Werkes beschäftigt, bleibt ihm wenig Zeit, sich mit dem Anlass zu beschäftigen. Seine Aufmerksamkeit verschiebt sich von Signifikat zu Signifikant, also von der Frage „Woran wird hier erinnert?“ zu der Frage: „Was will uns der Künstler sagen?“ So werden viele Denkmale der Gegenwart lediglich als Kunst in öffentlichem Raum rezipiert. Mit Gedächtniskultur hat das kaum etwas zu tun.</p>
<p>Vielleicht wäre die Lösung eine möglichst neutrale Ästhetik, also ein schlichter, diskreter Gedenkgegenstand. Ein Beispiel dafür bietet das bereits bestehende Wende-Denkmal vor der Nikolaikirche. Doch anscheinend ist das nicht genug, es muss etwas Prunkvolleres kommen, um die friedliche Revolution angemessen zu würdigen.</p>
<p>Damit sind wir beim nächsten Problem, nämlich dem Wirtschaftsfaktor. Woran denken ein Bürgermeister oder ein Parlament, wenn die Errichtung eines Denkmals beschlossen wird? Sie denken Primär an eine Investition, die die Attraktivität der Stadt für Reiseunternehmen steigern wird. Marketingtechnisch hat die Stadt Leipzig zwei Dinge zu verkaufen: Die Klassik und 1989 (der Satz ist nicht von mir, ich habe ihn in der LVZ gelesen). Im postindustriellen Raum sind Tourismuseinnahmen ein vitaler Wirtschaftsfaktor und diese benötigen Sehenswürdigkeiten, die gern photographiert und möglichst von Events begleitet werden. Dafür reicht eine dezente Säule nicht aus. Auch die Kosten des Denkmals haben nicht -wie oft kritisiert- mit reiner Verausgabung zu tun, sie lassen sich in Hotelübernachtungen und Einnahmen der Gastronomie umbuchen. Das Denkmal steht inmitten eines symbolischen Dreiecks aus Gedenken, Kunst und Ökonomie, doch ist die Ökonomie die Spitze des Dreiecks, sie bestimmt in letzter Instanz die gesamte Konfiguration.</p>
<p>Das hat eine fatale Auswirkung auf das geplante Denkmal für die friedliche Revolution. Der Impuls ist verständlich, in Deutschland eines Ereignisses gedenken zu wollen, das ausnahmsweise ein glückliches war und kein Krieg oder Völkermord. Doch wie wir zur Zeit in Ägypten sehen, sind Tourismus und Revolution zwei unversöhnliche Gegensätze. Wo die Revolution anfängt, hört der Tourismus auf und umgekehrt. Daher ist höchst zweifelhaft, ob das Projekt überhaupt gelingen kann.</p>
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		<title>Darstellbarkeit der Krise, Krise der Darstellbarkeit</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Jan 2011 10:44:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin 2</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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		<description><![CDATA[Um in die bestehenden Zustände eingreifen zu können, muss man sie begreifen, das heisst vorerst: passend darstellen. Vor zwei Jahren wurde die unergründliche „Kernschmelze“ des Systems an die Wand gemalt, heute wird eine ebenso wenig erklärte Rückkehr zur Normalität herbei beschworen. Wie geht&#8217;s raus aus dem Märchenwald? Lässt sich Zorn noch in Worte fassen, die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Um in die bestehenden Zustände eingreifen zu können, muss man sie begreifen, das heisst vorerst: passend darstellen. Vor zwei Jahren wurde die unergründliche „Kernschmelze“ des Systems an die Wand gemalt, heute wird eine ebenso wenig erklärte Rückkehr zur Normalität herbei beschworen. Wie geht&#8217;s raus aus dem Märchenwald? Lässt sich Zorn noch in Worte fassen, die nicht nach hilflosem Kitsch riechen? Welche Erzählform eignet sich für eine Gegendarstellung? Historische Rekonstruktion? Detektivroman? Horrorfilm? Komödie? Tiersendung? Ein Narrationsvergleich. Vortrag am Maxim-Gorki-Theater Berlin, 22-1-2011</em></p>
<p>Zunächst eine Bemerkung: Ich werde über die Krise im Präsens sprechen, obwohl laut offizieller Sprachregelung die Krise hinter uns liegt, zumindest die Bankenkrise, die vor zweieinhalb Jahren die ganze Welt plötzlich und unerklärlich an den Rand des Abgrunds gebracht habe und heute wie durch ein Wunder verschwunden sei. Zwar haben wir jetzt noch eine Schuldenkrise und eine Währungskrise, aber ein Zusammenhang wird nicht anerkannt, es seien Einzelprobleme, die dank der kompetenten Arbeit der verantwortlichen Institutionen im Begriff seien, gelöst zu werden. Nach meiner Behauptung – die ich eigentlich mit nicht wenigen teile – sind das weitere Momente einer tiefen, umfassenden Krise mit unvorhersehbaren Folgen. Wir stecken immer noch mittendrin. Diese Behauptung werde ich jetzt nicht ausführlich begründen. Nur so viel: Vor zwei Jahren wurde die Weltwirtschaft von der Anhäufung sogenannter „systemischer Risiken“ ins Wanken gebracht. Da daraus keine Lehre gezogen und nichts getan wurde, um solche Risiken zu vermeiden, da im Gegenteil die Verursacher mit öffentlichen Geldern prämiert wurden, um munter dem System weiterhin Schaden zuzufügen, gibt es keinen rationalen Grund für die Annahme, die Situation sei jetzt unter Kontrolle. Offensichtlich haben wir es mit einer sogenannten „W-Kurve“ zu tun: Zunächst geht alles abwärts, dann scheint die Lage sich zu erholen, es geht wieder aufwärts, also wird an den schlechten Gewohnheiten nichts geändert, und blindlings stürzt man in die nächste Katastrophe. Es geht hier nicht um Apokalyptik, sondern um Logik. Wenn an den Ursachen nicht gerüttelt wird, sind die Folgen vorgeschrieben.</p>
<p>Dies gesagt möchte ich mich auf einen speziellen Aspekt der gegenwärtigen Krise beschränken, nämlich die Frage ihrer Darstellbarkeit. Wie lässt sich die Situation beschreiben, und zwar auf eine Art, die unsere gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht anstatt unsere resignierte Anpassung zu fördern? Und das ist ein nicht unerheblicher Teil des Problems. Wir haben mit Zusammenhängen zu tun, die so komplex und unüberschaubar sind, dass sie sich anscheinend in keine erzählerische Form hineinpressen lassen. Die Krise lässt sich schwer darstellen, weil sie zugleich eine Krise der Darstellung ist.</p>
<p>Zunächst muss man anmerken, dass die dominante Darbietung, das Selbstverständnis der kapitalistischen Ordnung, 2008 komplett versagt hat. Kein Wirtschaftsexperte hat die Krise vorhergesagt - und was ist denn eine Wissenschaft, die keine Prognosen liefern kann? Das Märchen der Selbstregulierung der Märkte wurde eklatant widerlegt. Von der vermeintlichen Rationalität der Finanzökonomie blieb nur noch ein Haufen enttäuschter Erwartungen und Glaubenssätze. Auf einmal offenbarte sich die Unberechenbarkeit des Systems. Einige Wochen lang mussten alle Regierungspolitiker peinlich zurückrudern und das zähneknirschend verurteilen, was sie bislang anbeteten. Ja, augenblicklich schien die Gelegenheit einer radikalen Revision gekommen zu sein, nicht nur, um die Legitimität der Ordnung, sondern um ihre bloße Funktionalität wiederherzustellen. Und was geschah? Gar nichts. Dieselben Experten machen Prognosen, dieselben Politiker machen Versprechen, dieselben Spekulanten machen Wetten. Nur: Eine positive Begründung ihrer Handlungen gibt es nicht mehr. Wir erleben heute eine Ordnung, die auf eine plausible Darstellung ihrerselbst verzichtet hat. Das ist eine ziemlich außergewöhnliche Situation. Noch staunenswerter ist aber, dass sie weitgehend unbemerkt und folgenlos bleibt.</p>
<p>Warum ist das so? Weil wir in einer medialen Welt leben, die es bis zur Perfektion versteht, die Abwesenheit eines kohärenten Diskurses zu kompensieren. Die meisten Tatsachen und Zusammenhänge, die unser Leben prägen, nehmen wir nicht aus unmittelbarer Erfahrung wahr. Wir empfangen sie über verschiedene Medien und diese Vermittlungen werden sorgfältig inszeniert. Doch wird diese Inszenierung nicht von einer Einheitsideologie bestimmt, sondern von einer Einheitsdramaturgie, die Kritik und Gegenstimmen integriert, aber nur in vorbestimmten Rahmen und an bestimmten Momenten des Szenarios. Können ein Problem oder eine Stimmung nicht mehr verschwiegen werden, dann werden sie ins Apokalyptische hochgepuscht, bis die Übersättigung des Publikums erreicht ist, dann werden sie heruntergefahren, die Rückkehr zur Normalität wird vorgespielt, bis kein Mensch mehr darüber nachdenkt. Er wird dann mit Scheingefechten abgelenkt, einer Sarrazin-Debatte, einer Kommunismus-Debatte, lauter Debatten die in Wahrheit nichts als ein fortdauernder Monolog sind. Diese (zum großen Teil spontane) Dramaturgie ist ein sehr effektives Mittel für die Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse. Es gibt also doch eine dominante Form der Darstellung, aber diese besteht aus Zapping, Zerstückelung, Schnellschüssen, Aufmerksamkeitsstörung. Das ist wohl bekannt. Nun, wie kann man sich dieser Dramaturgie entziehen?</p>
<p>Der erste Reflex ist, in die Vergangenheit zu schauen, um historische Parallelen zu finden. Wenn wir das Wort „Weltwirtschaftskrise“ hören, denken wir unwillkürlich an die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Also wird versucht, aus der umfangreichen Literatur dieser Zeit eine Orientierung zu finden und Lehren zu ziehen. So werden zum Beispiel auf deutschen Bühnen Brecht oder Steinbeck aus der Mottenkiste geholt. Das ist durchaus legitim. Doch sollte man mit dem Vergleich vorsichtig sein. Bekanntlich wiederholt sich die Geschichte nicht, meistens nicht einmal als Farce. Vor allen Ähnlichkeiten unterscheidet sich die präsente Situation durch wesentliche Züge von der großen Depression. 1930 gab es keine Weltwirtschaftskrise im eigentlichen Sinne. Afrika, Asien, Südamerika waren größtenteils nicht betroffen, die Sowjetunion hatte andere Probleme, also reden wir hauptsächlich von den USA und Europa. Heute umfasst der Wirtschaftskreislauf tatsächlich die ganze Welt, und dank der Technik werden Milliarden von Entscheidungen im Nanosekundentakt getroffen. Das heisst, dass Ungleichgewichte und extreme Ereignisse viel schneller, mächtiger und überraschender eintreten können, als damals. Für das Tempo und die Dimension des jetzigen Plots gibt es keinen historischen Vergleich.</p>
<p>Vor allem kann der Bezug auf die Vergangenheit zu einem fatalen Glaubenssatz verleiten, nämlich die Vorstellung, wir hätten es mit „zyklischen Krisen“ zu tun. Wie die Jahreszeiten verliefe die Wirtschaft zyklisch, nach dem Motto: Alle paar Jahrzehnte kommt die große Pleite, dann werden die Karten neu gemischt und das Spiel geht weiter. Die Moral der Geschichte: Bloß durchhalten. Doch ist die Theorie der zyklischen Krisen nichts weiteres als eine beruhigende Spekulation.</p>
<p>Es geht nicht automatisch wieder nach oben. Zur Erinnerung: Die große Depression ist nicht mit dem New-Deal ausgegangen, wie zu oft behauptet wird, sondern mit dem zweiten Weltkrieg. Es bedurfte eine noch größere Weltkatastrophe mit Leichenbergen und zerstörten Städten, um dem Kapitalismus einen frischen Neustart zu erlauben. Zurück zur Gegenwart: Vor zwei Jahren haben die Staaten die Banken gerettet, seitdem stellt sich die Frage: Wer rettet die Staaten? Nicht, weil jemand einen Herzinfarkt überstanden hat, wird er unbedingt den nächsten überleben. Nicht, weil das System bisheriges Versagen überwunden hat, wird es von dem nächsten genesen. Es gibt keine Zyklen, sondern singuläre Ereignisse mit unbestimmtem Ausgang.<span id="more-243"></span></p>
<p>Wenn die historische Rekonstruktion nicht weiter hilft, sind wir doch auf die Interpretation der Aktualität angewiesen. Da stoßen wir aber sofort auf ein Hindernis, nämlich das neuartige, ungeklärte Verhältnis von Fiktion und Realität. Wir wissen allzu gut, dass die soziale Wirklichkeit, die wir direkt wahrnehmen, von der Sphäre der Finanzwirtschaft modelliert ist, die uns unzugänglich ist. Versuchen wir, in diese Sphäre einzudringen, dann schwimmen wir plötzlich in einem Meer von fiktiven Werten, die simultan rund um die Welt verkehren. Ihre Umlaufbahn entsteht aus Wetten, die so massiv und schnell erfolgen, dass nur Supercomputer vermögen, sie zu verfolgen. Um diese Welt zu beschreiben, müsste man auf religiöse Allegorien rekurrieren und die Form des Mysterienspiels wählen, oder besser noch die des absurden Theaters. Der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl fasst die Handlung wie folgt zusammen :</p>
<p>„Jemand, der eine Ware nicht hat, sie weder erwartet oder haben will, verkauft diese Ware an jemanden, der diese Ware ebenso wenig erwartet oder haben will und sie auch tatsächlich nicht bekommt.“</p>
<p>An diesem weltweiten Casino nimmt nur ein Bruchteil der Bevölkerung teil und die Versuchung ist groß, es einfach zu ignorieren. Doch schwappt die Fiktion auf die erlebte Wirklichkeit über, dies mit wohl beschreibbaren Konsequenzen. Hier fehlt das Geld für öffentliche Ausgaben, dort steigen die Lebensmittelpreise, überall werden Menschen aufgefordert, für die Erhaltung des Wettspiels Sparmaßnahmen zu erdulden. Wir haben es also mit zwei Sphären zu tun: Einerseits eine Fiktion, die sich nicht darstellen lässt, andererseits eine Wirklichkeit, die sehr wohl beschreibbar ist, doch ohne Rekurs auf die Fiktion, die sie bestimmt, unerklärbar bleibt. Die Frage ist: Wie lassen sich beide Sphären verknüpfen?</p>
<p>Vielleicht wäre das adäquate Modell der Krimi, besser gesagt die besondere Gattung der Detektivgeschichte, der Roman noir. Es ist kein Zufall, dass dieses Genre in den USA der großen Depression entstanden ist und dass sein Begründer, Dashiell Hammett, Kommunist war. Der Detektiv ist ein Marxist, der die sozialen Missstände methodisch enthüllt. Allerdings wäre diese narrative Form den beiden Erzählmustern vorzuziehen, die momentan das Feld besetzen. Wir haben einerseits eine Kapitalismuskritik, die sich mit abstrakten Kategorien befasst (Kapital, Arbeit, Wert, Produktion, Finanz und den Widersprüchen zwischen ihnen) als ob sich diese Kategorien nicht in konkreten Tätern und Entscheidungsträgern eingefleischt hätten. So akkurat solche Analysen sein mögen, sie bleiben in der Abstraktion gefangen, die sie kritisieren wollen. An ihnen haftet ein theologischer Erzählungsstil, als ob von Göttern und Teufeln die Rede wäre, die sich im Olymp des Kapitals streiten würden.</p>
<p>Andererseits wütet eine vulgärpsychologische Interpretation der Krise, die die Schuld allein auf die „unbegrenzte Gier“ der Spekulanten schiebt. Böse Menschen werden an den Pranger gestellt, damit wird die Systemanalyse völlig ausgeklammert. Da sind wir beim blöden Fernsehkrimi, in dem die harmonische Gesellschaft von Einzelverbrechern gestört wird, die zum Schluss bestraft werden.</p>
<p>Ganz anders der Roman noir. Da wird keine klare Trennung zwischen Gut und Böse gezeichnet, sondern die Grauzone zwischen Schuld und Unschuld, individueller und kollektiver Verantwortung erforscht. Zwar spielt die Psychologie des Täters eine Rolle, aber eine untergeordnete. Im Vordergrund stehen politische Intrigen, soziale Verhältnisse und historische Entwicklungen. So rücksichtslos und machtbesessen der Bösewicht auch ist, er ist bloß ein ersetzbares Werkzeug im Geflecht der allgemeinen Korruption. Zum Schluss mag er sterben oder festgenommen werden, nichtsdestotrotz gibt es kein Happy end, weil die Verhältnisse unverändert bleiben. Die Intrige war nur der Anlass, eine gnadenlose Beschreibung der Gesellschaft zu ermöglichen.</p>
<p>Interessant in diesem Zusammenhang ist die zentrale Figur des einsamen Detektivs. Der Ermittler ist nie ein Polizist, er könnte es nicht sein, weil der Polizist Teil des Systems ist. Selbst wenn er nicht korrupt ist, kann der Polizist nur innerhalb von Rahmenbedingungen handeln, die ihm die Einsicht in das Gesamtgeschehen sperren. Zum Beispiel könnte kein Polizist ermitteln, wie ein Spekulant, der an der Wall Street um Getreidepreise wettet, für den Hungertod Zehntausender Menschen in fernen Ländern verantwortlich ist. Er kann das nicht, weil diese Art von Mord nicht verboten ist, es stellt kein Verbrechen dar und steht daher außerhalb der Kompetenzen des Polizisten. Auch kann kein Journalist als aufklärerischer Held auftreten, denn dieser agiert erst recht im Geflecht der Korruption.</p>
<p>Der Detektiv zeichnet sich eben dadurch aus, dass er außerhalb der Mikrogesellschaft steht, die er erforscht. Er ist unbefangen, unbeugsam und unbestechlich. Dabei verlässt er sich nicht ausschließlich auf rationale Überlegungen. Um Informationen zu bekommen, muss er gelegentlich zu illegalen Mitteln und gar zu Gewalt greifen. Dieser einsamen Gestalt ist wohl bewusst, dass sie gegen eine schmutzige Welt nur scheitern kann. Doch ist sie von einer hoch moralischen Motivation getrieben.</p>
<p>Der Punkt ist: Selbstverständlich ist die Figur des Detektivs eine literarische Fiktion. Doch ist sie kein beliebiger Kunstgriff, sondern die Bedingung einer realistischen Beschreibung. Ohne die Fiktion des Lone-Eye, des „einsamen Auges“, ist keine gesellschaftliche Realität beschreibbar. Und dasselbe gilt dem radikalen Kritiker oder dem proletarischen Helden. Nur ein imaginärer Engel kann die reale Bestie erkennen. Leider scheut sich die Gegenwart vor solchen Fiktionen. Eine detektivistische Untersuchung der sozialen Verhältnisse bleibt aus, weil an die Möglichkeit eines Detektivs nicht mehr geglaubt wird. Zum Beispiel ist die aufgewärmte „Kommunismus-Debatte“, die wir in den letzten Wochen erleiden mussten, nichts anderes als die Beschuldigung, der Detektiv sei eigentlich ein Verbrecher gewesen, und wenn nicht er, dann seine Söhne. So wird versucht, jegliche sozialkritische Ermittlung zu diskreditieren.</p>
<p>Eine armer Ersatz des Roman noir ist die Verschwörungstheorie, wie sie von vielen linken wie rechten Kritikern, gelegentlich auch von Mainstream-Medien propagiert wird. Zum Beispiel wird die Krise so dargestellt: Ein Haufen gieriger Vampire hat sich heimlich verabredet, um die Welt in den Abgrund zu führen und aus der Katastrophe Kapital zu schlagen. Oder so: Eigentlich hat es keine Krise gegeben, es war nur eine Inszenierung, um Maßnahmen zu erzwingen, die die Reichen reicher und die Armen ärmer machen. Die Schwierigkeit mit solchen Erzählungen ist, dass in ihnen ein Korn Wahrheit steckt. Wie Freud schon meinte: Zwar gibt es Paranoide, aber man darf nicht vergessen, dass es auch Leute gibt, die ihnen Böses wollen. Selbstverständlich gehören insider Deals, geheime Verabredungen und verdeckte Operationen zum normalen Business. Zweifelsohne gibt es in den Chefetagen der Banken nicht nur Idioten, die an ihre faulen Produkte selbst glauben, sondern auch Betrüger, die sie wissentlich verkaufen. Es ist offensichtlich, dass sich viele Spekulanten dank der Krise enorm bereichert haben. Doch für Abzocker sind auch Erdbeben und Überflutungen eine willkommene Opportunität, was nicht heisst, dass sie die Naturkatastrophen selbst verursachen. Das Problem mit verschwörungstheoretischen Darstellungen ist, dass sie Kapitalisten, Regierenden oder auch Geheimdiensten eine strategische Intelligenz verleihen, die sie gar nicht haben. Wären sie tatsächlich fähig, ein groß angelegtes Krisenspektakel zu inszenieren, dann wären sie doch bewundernswert. Es wäre eine Ehre, solchen Künstlern zu dienen. Aber nein. Weiter als Take the money and run können sie nicht denken. Es gibt kein Geheimwissen der Kapitalisten, ihr (schlecht) gehütetes Geheimnis ist das Geheimnis ihrer Kurzsichtigkeit, ihrer Unfähigkeit, Zusammenhänge zu beherrschen sowie die wenig beneidenswerte Natur ihrer Eigentümer. Dank Wikileaks wird das alles bald öffentlich zugänglich sein.</p>
<p>Wobei wir bei der Komödie wären. Es wäre den Verantwortlichen, die uns so wenig ernst nehmen, zu viel Ehre erwiesen, sie ernst zu nehmen. Welcher Molière, welcher Tucholsky wird die süffisante Ahnungslosigkeit des Wirtschaftsexperten, die verdeckte Machtlosigkeit des Regierenden, die manische Sucht des Finanzmanns, den falschen Luxus des Parvenüs verspotten? Leider ist in Deutschland die subversive Frechheit abhanden gekommen. Lieber wird über Türken oder Arbeitslose gelacht. Als „politisch inkorrekt“ verkleidet setzt sich die alte Mentalität des Knechtes fort: Nach oben buckeln, nach unten treten. Es ist heute tabu, über die Reichen zu sprechen. Allein das Wort „Reiche“ gilt als „populistisch“. Wer ihre Existenz erwähnt, muß mit der Unterstellung rechnen, eine „Neid-Debatte“ entfachen zu wollen. Es geht nicht um Neid, ganz im Gegenteil. Es geht darum, ihre existenzielle Armut, ihre stupide Obsessionen, ihre manische Abgeschiedenheit zu verlachen. Die Epoche, die einen Berlusconi oder einen Westerwelle hervorgebracht hat, verdient es nicht, anders als komödiantisch dargestellt zu werden.</p>
<p>Eine völlig entgegengesetzte Form wäre die Tiersendung. Da muss man sich den Autoren als Zoologe vorstellen, der die Tierart Mensch beobachtet. Zum Zwecke der Darstellung wird die maximale Distanz zum Gegenstand gesucht. Hier wird nicht zwischen Entscheidungsträgern und Volk unterschieden, sondern höchstens zwischen Alphatieren und Herden. Aus dieser Entfernung sind Meinungen und Vorhaben nicht erkennbar, nur noch die Resultate. Und diese lassen vermuten, dass es sich um eine gefährdete Spezies handelt.</p>
<p>Anthropologisch gesehen ist die Krise ein Symptom für das Scheitern unserer Selbstdomestizierung. Aus der Aufklärungszeit stammt die Vorstellung, die Generalisierung des Kommerz würde die zerstörerischen Instinkte der Menschen zähmen, nach dem Motto: Es ist mein Vorteil, wenn mein Geschäftspartner am Leben bleibt, also bringe ich ihn nicht um, selbst wenn er Schwarz, Jude oder Sozialist ist. Nicht die Vernunft, sondern das wohl verstandene Interesse sollte unsere räuberischen Triebe unterdrücken. Noch vor kurzem wurde die Ökonomie als die Sphäre der durch und durch rationalen Handlungen beschrieben, sei es, um sie dafür zu loben oder zu tadeln. Nach und nach setzt sich aber die Gegenvorstellung durch: Nicht der Homo oeconomicus sei hier das handelnde Subjekt, sondern das Animal oeconomicus.</p>
<p>In der Wirtschaftssphäre bleibt die menschliche Natur unüberwunden und das bedeutet: zerstörerische Instinkte, rücksichtslose Konkurrenz, kurzsichtige Gewinnsucht, blinde Plünderung des Umfelds. Seitdem die politischen Rahmen, die das Animal Oeconomicus noch im Zaun hielten, nach und nach abgebaut wurden, kann sich dieses entfesseln und unreguliert wuchern. Aus evolutionärer Sicht hat eine solche Gattung wenig Überlebenschancen. Kurz vor seinem Tod schrieb Claude Levi Strauss: „Ich nehme an, dass die Menschheit jenen Mehlwürmern ähnelt, die sich im Mehlsack vermehren und noch ehe die Nahrung oder der Raum knapp werden durch die eigenen Giftstoffe ersticken.“</p>
<p>Nun, es ist natürlich die Frage, ob diese Form der Darstellung unsere gesellschaftliche Teilhabe fördern kann. Ich denke ja. Dazu schreibt Levi-Strauss weiter:</p>
<p>„Wir müssen pessimistisch sein, um die Gefahren wahrzunehmen, die uns drohen. Wir müssen sehr pessimistisch sein, um den Mut zu haben, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, die uns vielleicht eines Tages wieder erlauben werden, einigermaßen optimistisch zu sein.“</p>
<p>Allerdings ist in Bezug auf die Darstellbarkeit die Opposition zwischen Optimismus und Pessimismus irrelevant. Um mit Ernst Bloch zu sprechen ginge es eher um die Opposition zwischen Kältestrom und Wärmestrom. Zu Kältestrom gehört die nüchterne, analytische Darstellung der bestehenden Verhältnisse.Zweifelsohne ist diese notwendig und wird gerade vermisst. Doch sie reicht noch nicht, um ins Geschehen einzugreifen. Sie kann auch zu zynischem oder resigniertem Abwarten führen. Was vor allem fehlt, ist der Wärmestrom der leidenschaftlichen Darstellung. Vielleicht ist die Krise auch eine Lähmung der Affekte. Es ist ein Zeichen der Zeit, dass in Frankreich ein Büchlein zum Bestseller wird, das als einzige Botschaft vermittelt: „Empört euch!“ Offensichtlich werden Dokumente der Empörung nachgefragt. Letzte Woche hat die Jasminrevolution in Tunesien wieder einmal gezeigt, dass der Zorn schöne Früchte tragen kann. Doch da haben wir ein ästhetisches Problem. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts haben das Gespür für das Pathos definitiv verloren.</p>
<p>Wenn wir etwa alte Revolutionslieder oder feurige Aufrufe hören, finden wir sie zwar sympathisch, aber irgendwie peinlich. Für zeitgenössische Ohren klingt der heilige Zorn, den Revolutionäre und Freiheitskämpfer säkularisiert hatten, nur noch hochtrabend, pathetisch, schlimmer noch: kitschig. Es hat eine seltsame Mutation der Gefühle statt gefunden. Freilich ist sie nicht neu, sie fing an mit der Moderne. Brechts Kritik des Einfühlungstheaters entsprach bereits dem Zeitgeist. Aber Hollywood war noch schlau genug, um messianische Töne mit selbstironischer Distanz aufrechtzuerhalten. Aus der Verfilmung von „Früchte des Zorns“ kennen wir die berühmte Szene, wo Henri Fonda seine schwärmende Tirade abgibt: „I will be there, ich werde dort sein, dort wo Menschen kämpfen, dort wo der Polizist jemand niederknüppelt, im Geschrei der wild gewordenen“ usw. Wenn er damit fertig ist, sagt ihm die Mutter: „Ich verstehe kein Wort“. Dann kommt die grandiose Antwort: „Ich auch nicht, aber ich denke darüber nach“. Das wäre vielleicht die passende Losung für eine künftige Beschreibung der Krise. Wir verstehen kein Wort, nicht einmal glauben wir wirklich an unsere Aussagen, aber wir denken darüber nach.</p>
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		<title>kulturelle Grenzfälle</title>
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		<pubDate>Mon, 13 Sep 2010 15:05:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin 2</dc:creator>
		
		<category><![CDATA[Allgemein]]></category>

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Sie haben wahrscheinlich von dem Fall Gabriela S. gehört. Im letzten April geht eine Frau vor das [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Den folgenden Text vortrug ich am 9. September in der Saarbrücker „Villa Lessing“. Dort findet eine regelmäßige Veranstaltungsreihe um die Frage: Was kann der Westen vom Osten lernen? Mein Sujet lautete: „Wie der Osten die westliche Kulturgrenze durchlässiger machte“.</em></p>
<p>Sie haben wahrscheinlich von dem Fall Gabriela S. gehört. Im letzten April geht eine Frau vor das Arbeitsgericht, weil ihre Bewerbung für eine Stelle abgelehnt wurde. Auf ihrem zurückgesendeten Lebenslauf befand sich der Vermerk „OSSI“ mit einem Minuszeichen versehen. Um eine Entschädigung zu fordern, beruft sie sich auf das Grundgesetz, wonach eine Benachteiligung aufgrund der ethnischen Herkunft verboten ist. Also muss das Gericht entscheiden, ob die Ossis eine Ethnie sind. Nach langen Verhandlungen wird die Klage zurückgewiesen mit der Begründung, schließlich habe die DDR &#8220;nur wenig mehr als eine Generation&#8221; eine eigenständige Entwicklung genommen. Die Zeitspanne sei zu kurz für die Herausbildung eines Volksstamms gewesen.</p>
<p>Nun, ich möchte jetzt nicht den Begriff der „Ehtnie“ diskutieren, dessen Definition ohnehin schwammig ist. Aber wäre ich der Rechtsanwalt von Gabriela S. gewesen, hätte ich versucht zu argumentieren, dass die Ostdeutschen eine viel ältere Bevölkerungsgruppe als die DDR sind. Die Elbe war ja bereits vor Jahrhunderten ein Grenzfluss, der das römisch-imperiale Einflussgebiet von der unzivilisierten Germania slavica trennte. Natürlich waren die kleinen Siedlungen dort eher ihren slawischen Nachbarn zugewandt, als den fernen Staaten im Westen. Aus dem Westen kamen dann die Raubritter, um sie zu überfallen und zu unterjochen. Da lief ein regelrechter Western ab, nur Jahrhunderte früher und in die andere Richtung gedreht, ein Eastern sozusagen. Dies mag erklären, wieso im Osten Karl May und Indianer-Rollenspiele heute noch so beliebt sind. Und wir können annehmen, dass nach der Wende die Ankunft westdeutscher Neueigentümer und Manager als eine Art Wiederholung der Urszene erlebt wurde. Es kursierte ja die ironische Parole: „Bauernland in Junkerhand.“ Viel früher als von der SED wurde von den Junkern bereits eine Kommandowirtschaft praktiziert, die den Untertanen kaum Handlungsspielräume überließ. Eine bleibende Folge davon ist die kulinarische Misere in Mecklenburg-Vorpommern oder in Brandenburg. Nicht der Staatssozialismus ist daran schuld, dass dort der hungrige Besucher auf Asia-Imbisse und schlechte Pizzerias angewiesen ist. Eine Kochtradition gab es nie, weil es nie ein freies Kleinbauerntum gab. Hingegen hat die Kochkunst in Thüringen die DDR gut überstanden, weil Thüringen kein Junkerland war und der DDR eher zufällig angeschlossen wurde.  <span id="more-241"></span></p>
<p>„Ostelbier“ - das war im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein gängiger Begriff, der von den Restdeutschen meist abwertend gemeint war. Eine der ersten Schriften Max Webers ist der „Lage der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland“ gewidmet, und die Beschreibung hört sich wie eine Vorankündigung der DDR-Verhältnisse an: „Der mangelnde spezifisch geschäftliche Erwerbssinn der Herren und die stumpfe Resignation der Arbeiter ergänzten einander und waren die psychologische Stütze der Betriebsweise wie der politischen Herrscherstellung der Grundaristokratie.“</p>
<p>Auch das Wort „Halbrussen“, womit DDR-Bürger im kalten Krieg beschimpft wurden, hatten bereits die Nazis verwendet. Im zweiten Weltkrieg wurden die Bewohner der Ostgebiete verdächtigt. ihrer nicht rein germanischen Herkunft wegen sich der roten Armee allzu leicht zu ergeben.</p>
<p>Es könnte also sein, dass viele Merkmale, die den Ostdeutschen zugeschrieben werden, älterer Provenienz als die DDR sind. Und selbst wenn das nicht stimmt, bleibt doch, dass die Vorurteile gegenüber den Ostdeutschen tiefe Wurzel haben. Wenn heute Thilo Sarrazin behauptet, „in Schwaben wird es immer mehr Maschinenbau und mehr Unternehmertum geben, als in der Uckermark“, dann bezieht er sich nicht auf die jüngere Geschichte, sondern auf eine quasi biologische Differenz, wahrscheinlich ein Ost-Gen, der die Menschen im Kampf ums Dasein benachteiligt. Natürlich ist das Unfug, aber wenn der Unfug von vielen Menschen geteilt und propagiert wird, führt er tatsächlich zu einer ethnisch begründeten Diskriminierung.</p>
<p>Was ich sagen wollte ist folgendes. Wenn über die Ostdeutschen gesprochen wird, dann meistens nach der Prämisse, diese hätten spezifische Charakterzüge, die von den EU-Normen abwichen. Und es wird implizit oder explizit angenommen, dass diese Besonderheiten eine Hinterlassenschaft der SED seien. Mit anderen Worten: Der sozialistische Staat hätte es tatsächlich geschafft, den neuen Menschen nach seinem Vorbild zu modellieren. Das ist natürlich Quatsch. Gerade weil der Staatssozialismus seinen utopischen Neumensch nicht verwirklichen konnte, konnten sich in der Bevölkerung bereits vorhandene Charakterzüge und Umgangsformen erhalten. Und wenn schon neue Aspekte sich zur DDR-Zeiten entwickelt haben, dann nicht positiv von der Partei geplant, sondern ungewollt, als Nebeneffekte und meistens, um die Lücken des Systems auszugleichen.</p>
<p>Es ist mit den Menschen wir mit der Landschaft. Man fährt im Osten auf gepflasterten Alleen, bewundert die alten Bäume, und Dörfer, die nicht wie Puppenhäuser aussehen, das Auge wird nicht ständig von der Werbung angegriffen - Doch hat dieser besondere Charme gar nichts mit Sozialismus zu tun, sondern mit Ursprünglichkeit.</p>
<p>Da war die BRD viel erfolgreicher. Der sozialistische Neumensch ist nicht zum Leben erweckt worden, wohl aber der rheinisch-kapitalistische. Dieser wäre die historische Besonderheit, die es zu untersuchen gälte. Um nur ein Beispiel zu nennen: In den spätvierziger Jahren gab es kaum einen Unterschied zwischen Arbeitertraditionen im Ruhrgebiet und in Sachsen. Nur haben sich in Sachsen diese Traditionen zumindest bis zur Wende erhalten, während sie im Ruhrgebiet längst verschwunden sind. Also ist der entscheidende Punkt nicht, wie wir so oft hören, dass der Sozialismus in seinem Versuch, den Menschen zu verändern, gescheitert ist. Nein, der entscheidende Punkt ist, dass diese Veränderung dem Kapitalismus gelang.</p>
<p>Sie werden bemerkt haben, dass ich gerade viele Stereotypen bemühe. Würden Sie mich auffordern, diese Behauptungen empirisch zu belegen, würde ich in Erklärungsnot geraten. Andererseits sind Stereotypen wichtig, weil Menschen sich doch nach Stereotypen verhalten . Identität und Nicht-Identität lassen sich nicht objektiv begrenzen, Gefühle nicht wissenschaftlich ermessen. Wenn wir schon über DEN Osten und DEN Westen sprechen, dann können unsere Aussagen keine objektive Genauigkeit haben, sondern bestenfalls zu dem Urteil führen: „Es ist was dran.“ Ich bitte, dies zu berücksichtigen.</p>
<p>Mein Vortrag heißt „wie der Osten die westliche Kulturgrenze durchlässiger machte“. Damit wird zweierlei impliziert: Erstens, dass es zwischen Frankreich und Westdeutschland eine stark markierte Kulturgrenze gibt, zweitens, dass den Franzosen die Ostdeutsche Mentalität auf gewisser Weise vertrauter ist, als die ihrer unmittelbaren Nachbarn. Der erste Punkt ist, glaube ich, ziemlich offensichtlich. Vor einiger Zeit erschien in Frankreich ein Buch über den französisch-deutschen Ideenverkehr mit dem schönen Titel: „Im Garten der Missverständnisse.“ Es ist frappierend, wie sich mindestens seit der Aufklärung beide Länder mit den gleichen Themen, den gleichen Problemen auseinandersetzen, doch jeweils auf eine eigene Art. Sei es in der Kunst, in der Geisteswissenschaft, in der Literatur oder der Mode, die Geschichte zeugt von einer frappierenden Parallelität und einer ebenso frappierenden Quasi-Abwesenheit von Überbrückungen. Der Punkt ist, glaube ich, ziemlich bekannt und gut dokumentiert, darum werde ich jetzt nicht darauf näher eingehen. Meine zweite Hypothese, die größere emotionale Nähe der Franzosen zu Ostdeutschland, ist schwieriger zu belegen. Da kann ich mich nur auf persönliche Eindrücke und Diskussionen beziehen, wobei der außergewöhnliche Erfolg in Frankreich von Filmen wie „Goodbye Lenin“ oder „Das Leben der Anderen“ auch als Symptom gedeutet werden kann.</p>
<p>Ich kann mich aber auch auf meine eigene Erfahrung beziehen, und diese Überlegungen sind auch für mich ein Versuch, die eigene Wahrnehmung zu begreifen. Ich war als Jugendlicher ein paar Mal in der BRD, kam mit der festen Überzeugung zurück, ich hätte in diesem Land nichts zu suchen und hielt mich lange Zeit davon fern. Hingegen kam ich vor zwanzig Jahren in die Noch-DDR und erfuhr sofort ein familiäres Verhältnis zu ostdeutschen Menschen. Seltsamerweise kam mir dort vieles bekannt vor. Ein Zeitlang hatte ich sogar fast nur Kontakt zu Ossis. (Zugegeben: auch mal zu Westberlinern, aber auch sie grenzen sich stark vom gemeinen Wessi ab). Es ist nicht, dass ich westdeutsche Beziehungen abgelehnt hätte, sie ergaben sich einfach nicht. Natürlich hat sich die Lage nach und nach normalisiert. Wenn ich heute mit Deutschen in Verbindung bin, weiss ich oft nicht einmal, woher sie stammen und es ist meistens nicht die unmittelbare Frage, die sich stellt. Aber selbst diese Annäherung zu BRD-Bürgern und zur westdeutschen Kultur erfolgte für mich auf Umwegen, vom Osten aus, sozusagen. Haben Sie keine Angst, ich werde Sie nicht weiter mit meiner eigenen Biographie langweilen, sondern werde versuchen, die Hypothese einigermaßen plausibel zu machen.</p>
<p>Ich habe vorhin von der gescheiterten Transformation der DDR und dem dadurch entstandenen Gefühl einer größeren Ursprünglichkeit gesprochen. Was Frankreich betrifft, selbstverständlich hat das Land denselben grundlegenden Transformationsprozess wie die BRD hinter sich. Nur sind die Franzosen rückwärts dahin gelaufen, mit den Augen immer nach hinten gerichtet, nach Traditionen die einen umso größeren symbolischen Platz annahmen, als sich von ihnen die erlebte Wirklichkeit entfernte. Sie wissen schon: das gute Leben, das gute Essen, die Witze, das Akkordeon, das Aperitif, die Kunst, sich Zeit zu lassen, all diese Dinge, die vom Kino und von der Werbung ständig zelebriert und von den Touristen eifrig gesucht werden, all diese Dinge haben mit dem Leben von 95% der heutigen Bevölkerung nicht im Geringsten zu tun. Dennoch machen sie den Großteil des Selbstbildes der Franzosen aus. Da hätten wir vielleicht eine erste Komponente, die Franzosen und Ostdeutsche verbindet: die nostalgische Selbsttäuschung. Das meine ich gar nicht abwertend, im Gegenteil: die Sehnsucht nach Identität, nach Wurzeln, kann meines Erachtens eine durchaus positive, dynamische Rückkoppelung haben. Ohne Wurzeln sehen wir wie anorganisch kultivierte, holländische Tomaten aus.</p>
<p>Ich möchte aus einem interessanten Dokument zitieren, nämlich einem Ratgeber, den die Industrie- und Handelskammer für Manager und Unternehmer herausgegeben hat, die Geschäftsbeziehungen mit Franzosen aufnehmen möchten. Es ist deswegen interessant, weil da auf praktische Erfahrungen zurückgegriffen wird, mit dem Ziel, Mentalitätsunterschiede möglichst zu glätten. Diese Unterschiede werden ziemlich derb auf die Formel zusammengebracht: „Die Deutschen lieben die Franzosen, nehmen sie aber nicht wirklich ernst; die Franzosen bewundern die Deutschen, lieben sie aber nicht wirklich.“ Demnach versuchten die ersten, geliebt, die zweiten ernst genommen zu werden. Was genau französischerseits ernst genommen, doch nicht geliebt wird, ist bekannt. Es sind die vermeintlichen Tugenden, womit die Deutschen assoziiert werden: Ordnung, Genauigkeit, Organisation, Fleiß, Pünktlichkeit, Effizienz und eine Höllenangst vor Chaos und Improvisation. In Frankreich gelten diese Tugenden als Vorteilhaft, gewiss, aber niemals liebenswert. Sie gehören zur Zweckrationalität, zum Reich der Notwendigkeit, doch ohne Verstöße gegen diese Tugenden wäre das Leben grau und traurig.</p>
<p>Bitte nehmen Sie das nicht für bare Münze. Wir sind wieder im symbolischen Bereich der Selbstdarstellung. In der Wirklichkeit ist die Arbeitsproduktivität nicht geringer in Frankreich, als in Deutschland. Nur gehört es selbst für ein französisches Arbeitstier zum gutem Ton zu behaupten, am liebsten sei es faul, während der deutsche Faulenzer es zu behaupten pflegt, er stürze sich ganz gern in die Arbeit.</p>
<p>Lange Zeit spielte der stereotypische Blick auf die Deutschen auch eine Rolle in der Bewertung der DDR. Es wurde weitgehend geglaubt, dass der Sozialismus, der in der Sowjetunion oder in Polen erfolglos war,  in Ostdeutschland dank der preußischen Tugenden der Bevölkerung wirklich funktionierte. Mit der Wende wurde mit Erleichterung vernommen, dass dies gar nicht der Fall war. Ganz im Gegenteil, die ostdeutschen Bürger hatten sich mit dem verwalteten Chaos und der geringen Produktivität bestens arrangiert. Von Fleiß, Pünktlichkeit und Effizienz keine Spur. Besser noch: Zwischen den ersten Montagsdemos und der deutschen Einheit herrschte im Lande ein Zustand, den Christoph Links „das wunderbare Jahr der Anarchie“ genannt hat. Da legten die Bürger völlig unerwartete Tugenden zu Tage wie Spontaneität, Selbstorganisation und Ungehorsam. Endlich herrschte eine revolutionäre Stimmung in Deutschland! Zweifelsohne hat diese Sympathie eine Rolle in der außergewöhnlichen Großzügigkeit gespielt, mit der die ersten Trabitouristen im Sommer 1990 von Franzosen empfangen wurden.</p>
<p>Doch zurück zum Benimm-Kodex der IHK. Empfohlen wird, die besonderen gallischen Sitten zu berücksichtigen, vor allem natürlich die zentrale Stellung des Essens. Viel schwieriger sei aber die richtige Kommunikationsebene herzustellen:</p>
<p>„Um Franzosen für Ihr Verhandlungsziel zu gewinnen, sollten deutsche Geschäftsleute „sympathisch“ wirken. Franzosen sind sehr emotional. Wenn Sie gemocht werden, ist der erste Schritt für eine Geschäftspartnerschaft schon getan. Sich öffnen und sich als Mensch zeigen, das wirkt oft Wunder bei Franzosen.“</p>
<p>Es sagt wahrscheinlich nichts über den Deutschen an sich, wohl aber über den deutschen Unternehmer, dass die IHK es für nötig hält, ihn zu raten, er solle sich als Mensch zeigen. Doch ist die Sache nicht so einfach, denn:</p>
<p>„Gesprächsthemen sind mit Bedacht zu wählen. Der deutsche Besserwisser kommt in Frankreich nicht gut an. Die deutsche Direktheit gegenüber den Franzosen wird demnach als Beweis für den deutschen Machtanspruch und nicht als Aufrichtigkeit empfunden.“</p>
<p>Hier lässt sich eine klare Parallele zu den gestörten deutsch-deutschen Beziehungen, der sprichwörtlichen „Mauer in den Köpfen“ ziehen. Wir wissen ja, wie die Figur des „Besserwessis“ die Nachwende vergiftet hat. Zumal der Machtanspruch der West-Ankömmlinge  oft real  genug war. Es waren ja in erster Linie neue Hauseigentümer, neue Chefs sowie Studenten, die die Einheimischen Demokratie lehren wollten. Also können wir annehmen, dass die Wahrnehmung der Westdeutschen in Frankreich und in der DDR eine Ähnliche war und analoge Kränkungen auslöste. Vielleicht hätte es damals geholfen, wenn die IHK auch einen Benimm-Ratgeber für den Umgang mit Ostlern veröffentlicht hätte. Das hielt sie nicht für nötig. Als einmal ein westdeutscher Geschäftsmann von einem französischen Journalisten über seine Geringschätzung des Ostens befragt wurde, sagte er: „Ich weiss, dass bestimmte Dinge für Sie normal sind, aber von meinen Landsleuten kann ich sie nicht akzeptieren.“</p>
<p>Doch nicht nur der Blick auf die Westdeutschen verbindet ihren Ost- mit ihrem Westnachbarn. Eine andere Gemeinsamkeit ist offensichtlich. Im Unterschied zur BRD hatten wir in Frankreich eine starke kommunistische Partei, die in der Gesellschaft eine zentrale  Rolle spielte. Zwar ist die KPF nur zweimal kurz an der nationalen Regierung beteiligt gewesen, dennoch hatte sie bis in die spätachtziger Jahre eine quasi-hegemoniale Macht in zahlreichen Stadträten, Betriebsgewerkschaften, Bauernverbänden, Verwaltungen und Vereinen. Lange Zeit hat sie auch das intellektuelle Leben des Landes geprägt. Wurde ein Autor in den fünfziger Jahren von der KPF als „Hitlero-Trotzkyst“ oder „geile Natter“ beschimpft, dann hatte er keine Chance mehr, einen großen Verlag zu finden. Noch in den sechziger Jahren konnte Sartre über Foucault schreiben, dieser sei „die letzte Waffe der Bourgeoisie im Kampf gegen den Marxismus.“ Zwar musste sich Foucault nicht deswegen fürchten, von der Staatssicherheit verhaftet zu werden, doch blieb die dumme Anklage nicht ohne Konsequenz für seine damalige Rezeption. Sie zeugt vor allem von dem politischen Klima jener Zeit.</p>
<p>Das heisst, selbst wer nicht in der Partei war, musste sich nichtsdestotrotz gegenüber der Partei positionieren – und wer sich nicht positionierte, dem wurde umso mehr eine feindliche Haltung unterstellt. Also waren viele Franzosen mit dem Duktus, den Denkschablonen und der Paranoia des Parteiapparats bestens vertraut.</p>
<p>Um ein persönliches Beispiel zu erwähnen: Mit siebzehn hatte ich meinen ersten Job bei der kommunistischen Gewerkschaft CGT. Davon wurde ich nach einem kleinen Schauprozess mit der Begründung entlassen: Schuld an der Misere der Arbeiterklasse seien kleinbürgerliche Anarchisten wie ich. Fortan stand ich auf einer schwarzen Liste, was selbstverständlich keine schwerwiegenden Folge hatte. Es ließen sich andere Arbeitgeber finden. Aber wenn ich mit DDR-Bürgern spreche, müssen sie mir nicht lange erzählen, wie es damals mit den Funktionären war. Andeutungen und Witze werden sofort verstanden.</p>
<p>Um es noch einmal zu betonen: ich spreche nicht über politische Gemeinsamkeiten, sondern über die kulturellen und psychologischen Folgen. Eine möchte ich die heroische Verdrängung nennen. Worum geht’s? Wir wissen, wie in der BRD die Nazi-Vergangenheit behandelt wurde. Bis 1968 herrschte das komplette Schweigen, danach die schuldbeladene Aufarbeitung. In der DDR erfolgte ein anderes Modell, nach der bekannten Mär: Die Arbeiterklasse hat den Faschismus siegreich bekämpft, alle Nazis sind im Westen, und die Partei ist der Garant für die Unschuld der Bevölkerung. So unglaubwürdig die Erzählung, sie war hilfreich, um sich der Vergangenheit zu entledigen. Nun konnte man optimistisch in die Zukunft schauen. Dasselbe Szenario der heroischen Verdrängung herrschte in Frankreich. Gegen die Besatzer hatte die selbsternannte „Partei der 75000 Hingerichteten“ und hinter ihr das ganze Volk einen heroischen Widerstand geleistet. So konnte einiges unter den Tisch gefegt werden. Zum Beispiel, dass die Deportation der Juden von französischen Behörden, französischen Polizisten, französischen Eisenbahnern unter dem gleichgültig bis zustimmenden Blick der Bevölkerung durchgeführt worden war.</p>
<p>Gewöhnlich wird Verdrängung als etwas Schlechtes betrachtet. In der Bewältigung einer traumatischen Erfahrung kann aber  Verdrängung eine durchaus positive Rolle spielen. Sie ermöglicht einem, das Blatt zu drehen, anstatt in eine fortdauernde Trauerarbeit zu versinken. Vor allem führt die heroische Verdrängung, zu keinem schamgeladenen Schweigen, im Gegenteil wird viel über das Trauma gesprochen, doch als definitiv überwunden. Und wir können annehmen, dass selbst die Parteilosen der Partei für diese Lebenslüge dankbar waren.</p>
<p>Wie auch immer, die Art der Vergangenheitsbewältigung hat eine vorhandene Differenz verstärkt, die zur kulturellen deutsch-französischen Grenze erheblich beiträgt.</p>
<p>Wenn am Stammtisch von der angeblichen Dummheit oder dem Egoismus des Volkes die Rede ist, wird der Deutsche gewöhnlich sagen: „So sind die Deutschen“. Niemals werden Sie einen Franzosen sagen hören: „So sind die Franzosen“. Er wird sagen:“die Menschen sind doof“, „die Menschen sind egoistisch“ usw. Das heisst, wo der Deutsche eine Meinung über den besonderen, nationalen Charakter äußert, geht der Franzose gleich zur allgemeinen, anthropologischen Ebene über. Der Franzose wird von dem Deutschen denken, dieser sei unfähig, über den partikularen Tellerrand zu schauen, der Deutsche wird dem Franzosen wiederum vorwerfen, er mache sich mit der eigenen Verantwortung zu leicht. Und wahrscheinlich haben beide recht.</p>
<p>Dieser Unterschied hat tiefe historische Gründe. Da müssen wir mindestens auf Napoleon zurückgehen, der andere Länder überfiel, nicht in Namen der eigenen Nation, sondern in Namen der Freiheit, der Menschenrechte und des Universalismus. Um Mensch zu sein muss man erst einmal Franzose werden. Heute noch staunen französische Touristen, dass in anderen Ländern kein französisch gesprochen wird. Nun, wie wir wissen,  entstand die deutsche Nation im Befreiungskampf gegen die französische Besatzung. Da das Universale bereits von Frankreich beansprucht war, hob der deutsche Nationalismus das Besondere hervor, den Sonderweg, die besondere Mission. Diese Vorstellung kulminierte mit den Nazis, doch mit ihrem Untergang hörte sie nicht auf. Im Gegenteil, seitdem wird ständig mit der besonderen Schuld, der besonderen Verantwortung der Deutschen argumentiert. So sind die Deutschen.</p>
<p>Nun, mit der DDR wird die Sache komplizierter. Aus westdeutscher Sicht sind die Ostdeutschen eine Besonderheit innerhalb einer Besonderheit, da sie noch eine zweite Diktatur erduldet haben. So kann ein Schuldtransfer stattfinden. Wenn am Stammtisch von Stasi-Geschichten die Rede ist, sagt der Westkunde nicht: „So sind die Deutschen“, sondern „So sind die Zonis“  anders gesagt: Wir hätten uns das nicht gefallen lassen. Zumindest diese Schuld haben wir nicht. Heute noch wird von Ostdeutschen erwartet, dass sie sich ausdrücklich vom Unrechtsstaat distanzieren und ihre demokratische Assimilierung unter Beweis stellen. Und dagegen weigern sie sich. Eine kollektive Schuld wird nicht anerkannt. Wenn im Osten furchtbare IM-Geschichten erzählt werden, dann wird nicht auf die subnationale Schuld, sondern auf die Schwäche, die dunkle Seite der Conditio humana verwiesen. Also nicht: So sind die Ostdeutschen, sondern: So sind die Menschen. Paradoxerweise wird hier also die Negation des Besonderen zum Bestandteil des kollektiven Selbstbewusstseins. Indessen sind die Ostdeutschen ein bisschen Franzosen geworden.</p>
<p>Das Wort Gesellschaft hat zwei Bedeutungen. Gesellschaft ist einerseits eine große Anzahl von Personen, die miteinander verknüpft sind, (ich werde hierfür von Gesellschaft A sprechen), es ist andererseits eine Form, ein System, (das ich Gesellschaft B nenne). Die „italienische Gesellschaft“ ist vom Typ A, die „kapitalistische Gesellschaft“ vom Typ B. Aus historischen Gründen, die ich jetzt nicht ausführen werde, wird in der BRD viel weniger zwischen Gesellschaft A und Gesellschaft B unterschieden, als in Frankreich. Wenn hier jemand „unsere Gesellschaft“ sagt, weiß man nie genau, ob er die Anzahl der Menschen oder das soziale System meint. Die Gegenüberstellung wird er gar sinnlos finden, er wird sagen: Wir sind alle Teil des Systems, wir sitzen in einem Boot. Selbst wenn er gegen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich protestiert, dann deswegen, weil das Boot der Gesellschaft auseinander zu brechen droht. Solche Aussagen kommen mir immer seltsam vor. In Frankreich würde kein Mensch „UNSERE Gesellschaft“ sagen, sondern DIE Gesellschaft, die da&#8230; Zwischen Gesellschaft A und Gesellschaft B wird stark differenziert, was selbstverständlich ein nachhaltiges Erbe der französischen Revolution ist. Mit anderen Worten, es wird eine gewisse Autonomie der Bevölkerung gegenüber dem bestehenden sozialen System postuliert.</p>
<p>Damit komme ich zu einem der grössten Missverständnissen zwischen Osten und Westen. Da viele Westdeutsche ohne es gar wahrzunehmen sich mit Gesellschaft B, mit der eigenen Gesellschaftsordnung überidentifizieren, vermuten sie, dass Ostdeutsche, die irgend etwas Positives über ihre Vergangenheit erläutern, sich ebenfalls mit dem damaligen System identifizieren. Wenn Westdeutsche über die DDR sprechen, haben sie ausschließlich ein politisches System im Kopf. Und da dieses System diktatorisch gewesen sei, habe es der Gesellschaft keine Freiräume gelassen. Es ist daher unverständlich, dass Menschen irgend etwas aus dieser Vergangenheit retten oder verteidigen wollen. Doch wenn Ostdeutsche über ihre Erfahrung sprechen, reden sie über etwas ganz anderes, nämlich die Lebensformen und Verhältnisse, die nicht durch die direkte Gestaltung der Partei existierten, sondern unbeabsichtigt, dank der Unfähigkeit des Systems, seine Pläne zu erfüllen. Hinter der offiziellen Vergesellschaftung konnten sich die DDR-Bürger viele Bereiche des sozialen Lebens informell aneignen.</p>
<p>Als Beispiel möchte ich aus einem Nachwende-Bestseller zitieren, „der Gefühlsstau“ von dem Ost-Psychoanalytikern Hans-Joachim Maaz. In einem Kapitel mit dem Titel „die äußere Mangelsituation“ schreibt er Folgendes:</p>
<p>(&#8230;) „Beziehungen (im Volksmund: Vitamin B) waren eine Form der gegenseitigen Hilfe durch Abhängigkeit. Wer von einem Bekannten durch dessen Beruf oder Stellung erwarten konnte, irgendwann mal einen Vorteil zu ergattern, dem wurden auch Engpasswaren oder -Dienstleistungen angeboten, aufgehoben und heimlich verkauft. So konnte sich ein einzigartiges Netz von Bestechung, Schieberei, Korruption und Abhängigkeit entwickeln - auch die kleinen Diebstähle aus Betrieben und Baustellen gingen auf diese Verhältnisse zurück. Der heimliche Waren-und Naturalienhandel, durch Schmiergelder in Fluss gehalten, hatte zu einer Situation geführt, die vom Volksmund so zusammengefasst war: Obwohl es nichts gab, hatte jeder alles.“ (&#8230;)</p>
<p>Wie wir sehen wurde diese Form der Vergesellschaftung nicht vom Staat positiv und gewollt produziert, sie war eine Folge des Systemversagens und der Mangelwirtschaft. Wir haben hier das Beispiel einer spontanen Organisation, die dann entsteht, wenn die Lücken der offiziellen Wirklichkeit genügend Freiräume offerieren. Es ist aber bemerkenswert, wie negativ  Maaz diese Situation bewertete. „Schieberei, Korruption, Schmiergelder“, das sind Worte eines Staatsanwalts. Eine solche Anklage könnte ebenso von Ost-Parteifunktionären oder West-Wirtschaftsexperten kommen. Aber was ist daran so schlimm, durch einen informellen Waren- und Dienstleistungsverkehr ein System der gegenseitigen Hilfe zu etablieren? Ist es nicht eher eine positive Leistung, die sogar an ein Wunder grenzt, alles zu bekommen obwohl es nichts gibt?</p>
<p>Überdies sprechen wir nicht von Sizilien, in der DDR gab es doch keine Mafia, der Beziehungsgeflecht verlief horizontal und gewaltfrei. Was ist also dagegen einzuwenden? Als ich Hans-Joachim Maaz mehrere Jahre nach Erscheinung seines Buches diese Frage stellte, räumte er ein, damals noch von dem westlichen Wertesystem verblendet gewesen zu sein. Was er früher als Kränkung betrachtete, nennt er heute eine Tugend. Letztes Jahr sagte Maaz in einem Spiegel-Interview, die Ostdeutschen seien „krisentauglicher“ als die Westdeutschen, weil sie „ auf verschüttete und abgewertete Fähigkeiten zurückgreifen können; sie können in einer Mangelwirtschaft improvisieren, sich gegenseitig helfen.“</p>
<p>Damit komme ich auf Frankreich zurück, denn diese Situation zeigt gewisse Ähnlichkeiten mit einer in lateinischen Ländern weit verbreiteten Mentalität. Damit meine ich einen spontanen Volksanarchismus, welcher paradox mit einer ausgeprägten Staatsgläubigkeit einhergeht. „Vitamin B“ heisst auf französisch „Système D“ (für „la débrouille“, sich zu helfen wissen) Hoch geschätzt wird derjenige, der sich durch Beziehungen und halblegale Tricks kleine Vorteile verschafft und den Sachzwängen einigermaßen entzieht. Viele Menschen in Frankreich werfen einen nostalgischen, wenn nicht verklärten Blick auf das frühere Leben im Arbeiterviertel oder auf dem Dorf, als der direkte Tauschverkehr soziale Wärme erzeugte. Ich verweise auf die vielen französische Filme, die auf diese Nostalgie gebaut sind.</p>
<p>In deutschen Medien wird oft über den ausgeprägten Staatsfetischismus der Franzosen gestaunt, und dies zurecht. Franzosen jammern über Sarkozy in der gleichen Weise, wie DDR-Bürger Honecker-Witze erzählten. Sie glauben an die quasi imperiale Macht des Staatspräsidenten (eigentlich meckern sie vor allem, weil Sarkozy seine imperiale Funktion missbraucht). Sie sind überzeugt, dass der Staat imstande ist, alles zu richten, wenn er es nur will. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Denn diese Überzeugung hat auch eine dynamische Komponente. Dem Staat wird deswegen eine große Selbstständigkeit verliehen, weil ihm Gegenüber eine Gesellschaft steht, also „Gesellschaft A“, die zumindest an die Möglichkeit der eigenen Selbständigkeit glaubt. Und das ist keine rein theoretische Idee. Aus Erfahrung weiss mann: Die Straße kann immer ein Gesetz kippen. In ihrer Ausgabe von heute stellt die Süddeutsche Zeitung mit Bedauern fest: „Frankreich richtet seine Wirtschaftsprinzipien nach Protesten aus“. Diesbezüglich vermerkt die Broschüre der IHK, die ich vorhin erwähnt habe:<br />
„Die im Konsens getroffene Entscheidung in der deutschen Politik, die zudem auf Kompromissen beruht, kennt man in Frankreich kaum. Kompromiss ist durchaus ein negativ besetzter Begriff.“</p>
<p>Zurück zu Ostdeutschland. Mit dem Aufstand des Herbstes 1989  trennte sich Gesellschaft A entschieden von Gesellschaft B, wie es die Parole „Wir sind das Volk“ deutlich zum Ausdruck bringt.  Deshalb rief dieser Aufstand für Franzosen Erinnerungen an den eigenen Aufstand in dem Mai 1968 wach. Heute liegen diese Ereignisse weit hinter uns. Sie haben aber sichtbare Spuren hinterlassen. Damit meine ich die ironische Distanz gegenüber der aktuellen Gesellschaftsordnung, wie sie im Osten der Republik dekliniert wird, nach dem Motto: Ich habe schon den Untergang des Sozialismus erlebt, den Kollaps des Kapitalismus werde ich auch verkraften. Oder um das schöne Nachwende-Epitaph eines Ostberliner Bauarbeiters zu zitieren: „Eijentlich hat sich hier nichts verändert, außer det Jesellschaftssystem.“</p>
<p>Zum Schluss möchte ich anmerken, dass obwohl ich im Präsens gesprochen habe, es ist gut möglich, dass all diese Überlegungen nur noch historisch relevant sind. Mehr als zwanzig Jahre sind nach der Wende vergangen. In Berlin-Prenzlauer Berg, wo ich wohne, sind über 90% der Einheimischen ausgezogen, um von Wohneigentümern aus dem kapitalistischen Ausland abgesetzt zu werden. In der Leipziger Innenstadt, wo ich arbeite, wird kaum noch gesächselt. Ich habe mit jungen Leuten zu tun, die als die Mauer fiel Kleinkinder waren und von dieser ganzen Problematik keine Ahnung haben. Sie haben ja andere Probleme zu bewältigen, die Welt ist eine andere, komplexere geworden. Sicherlich sind noch Ostler-Reservate zu finden. Einige haben es schließlich geschafft, sich in der neuen Republik zu behaupten. Doch ist die Ausstreuung des Ost-Gedankenguts zu schwach, um das Gesamtspektrum merklich zu beeinflussen. „Was kann der Westen von dem Osten lernen?“ fragt diese Veranstaltungsreihe. Angebrachter wäre vielleicht: Was hätte der Westen von dem Osten lernen können? Dennoch wissen wir, wir manche totgeglaubte Vorstellungen und Dispositionen ein unterirdisches Dasein weiter führen, bis sie völlig überraschend zu Tage wieder treten. Und es ist zu hoffen, finde ich, dass die positiven Eigenschaften des Ostens ein solches Schicksal haben werden.</p>
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		<title>nomen est omen</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 20:43:36 +0000</pubDate>
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Sarazenen ist ein Begriff, der ursprünglich einen im Nordwesten der arabischen Halbinsel siedelnden Volksstamm bezeichnete. Im Gefolge der islamischen Expansion wurde der Begriff in lateinischen Quellen und im christlichen Europa als Sammelbezeichnung für die muslimischen Völker, die ab ca. 700 n.Chr. in den Mittelmeerraum eingedrungen waren, verwendet, meist in angstgeprägtem Sinn. Diese Worterklärung, die die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="margin-bottom: 0cm; font-weight: normal; text-decoration: none;">
<p><span style="font-size: medium;"><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">Sarazenen ist ein Begriff, der ursprünglich einen im Nordwesten der arabischen Halbinsel siedelnden Volksstamm bezeichnete. Im Gefolge der islamischen Expansion wurde der Begriff in lateinischen Quellen und im christlichen Europa als Sammelbezeichnung für die muslimischen Völker, die ab ca. 700 n.Chr. in den Mittelmeerraum eingedrungen waren, verwendet, meist in angstgeprägtem Sinn. Diese Worterklärung, die die Sarazenen als Angehörige eines von Gott heilsgeschichtlich verstoßenen Volkes deutete, wurde bei den christlichen Autoren des Mittelalters seit dem Aufkommen des Islam zu einem anti-islamischen Topos, der in der europäischen Literatur über die Kreuzzüge und den Islam weitere Verbreitung erlangte.</span></span></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><span style="font-size: medium;"><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">Das Wort </span></span></span><span style="font-size: medium;"><em><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">saracenus</span></span></em></span><span style="font-size: medium;"><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;"> und seine volkssprachlichen Entsprechungen haben im Verlauf ihrer mittelalterlichen Bedeutungsentwicklung neben der primären  Bedeutung „islamischen Völkern zugehörig“ zum Teil auch die weitere Bedeutung „fremdartig, alt“ angenommen.</span></span></span></p>
<p><span style="font-size: medium;"><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">Besonders in Frankreich und der Schweiz ist noch heute der Familienname </span></span></span><span style="font-size: medium;"><em><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">Sar(r)azin</span></span></em></span><span style="font-size: medium;"><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;"> verbreitet, in der  deutschsprachigen Schweiz auch </span></span></span><span style="font-size: medium;"><em><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">Saratz</span></span></em></span><span style="font-size: medium;"><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">, in Italien </span></span></span><span style="font-size: medium;"><em><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">Sar(r)aceno.</span></span></em></span><span style="font-size: medium;"><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;"> Vorläufer solcher Namen ist im Mittelalter ein in den lateinischen Quellen seit dem 11. Jh. vielfach dokumentierter Name oder Beiname </span></span></span><span style="font-size: medium;"><em><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">Saracenus</span></span></em></span><span style="font-size: medium;"><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">, der in vielen Fällen wegen einer „sarazenischen“ Herkunft des Trägers, in anderen Fällen aber auch nur wegen eines zeitweisen Aufenthaltes bei den „Sarazenen“ entstand.  Sofern der Name erst im Spätmittelalter in Gebrauch kam, ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, dass er im Hinblick auf die mögliche Bedeutung „Zigeuner“ gewählt wurde.</span></span></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><span style="font-size: medium;"><span style="text-decoration: none;"><span style="font-weight: normal;">Gegenwärtig prominentes Beispiel in Deutschland ist Bundesbankvorstandsmitglied und SPD-Politiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Thilo_Sarrazin">Thilo Sarrazin</a>.</span></span></span></p>
<p style="margin-bottom: 0cm;">(Wikipedia)</p>
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