Alle Artikel 2008

Das D-Wort

Zu Beginn der französischen Revolution war der Abt Sieyes eine der einflussreichsten Stimmen des Dritten Standes. Als im Juli 1789 heftig debattiert wurde, welche Staatsform die absolute Monarchie nunmehr ersetzen sollte, machte er diese klare Aussage:

„Unsere Absicht ist es nicht, die nationale Regierung einem demokratischen Regime zu unterwerfen. In einer Demokratie werden die Gesetze von den Bürgern selbst gemacht und die Beamten direkt von den Bürgern ernannt. Hingegen sieht unser Plan vor, dass die Bürger ihre Abgeordnete in die gesetzgebende Versammlung mehr oder minder unmittelbar wählen. Also hört unsere Gesetzgebung auf, demokratisch zu sein, um repräsentativ zu werden. Gewiss können die Völker Einfluss auf ihre Repräsentanten ausüben, aber das Gesetz dürfen sie nicht selber sprechen und weniger noch ausführen.”

Schließlich wurde entschieden, die repräsentative Regierungsform zu adoptieren, diese wiederum „Demokratie” zu nennen, also den Begriff durch die Beschwörung seines bloßen Namens zu ersetzen. So ist es geblieben. Jeden Morgen am Berliner Hauptbahnhof werden Pendlermassen, die gar nicht so aussehen, als ob sie jemals irgendeinen Aspekt ihrer konkreten Lebensbedingungen mitbestimmt hätten, mit der Parole begrüßt: „400 Meter von hier regiert das Volk”.

Außer Haus

Zwei thematisch verwandte Termine:

Am Dienstag, 21. Oktober um 20 Uhr in der NGBK, Oranienstraße 25, 10999 Berlin: aus der Reihe „Nichtstun in der modernen Gesellschaft“: „Motivation“ von Armin Chodzinski, unterbrochen und kommentiert von Guillaume Paoli

Am Samstag, 22. November um 18 Uhr, Hebbel am Ufer (HAU3) Berlin, im Rahmen des Symposiums „Ökonomien der Zurückhaltung“: „Demotivationstraining“, Vortrag von Guillaume Paoli

Krisengespräch

Falls es auf Erden Menschen gibt, die die Leipziger Volkszeitung nicht lesen: Hier ein Interview, das in dieser Zeitung in leicht gekürzter Fassung am 9.10.08 unter dem Titel „Wall Street ist nahezu überall“ erschien.

Sie schreiben in der Satzung Ihrer Prüfgesellschaft für Sinn und Zweck:
„Die Mitgliedschaft endet mit dem Tod oder mit der Abschaffung des
Kapitalismus.“ Angesicht der aktuellen Wirtschaftslage: Sind Ihnen plötzlich die Mitglieder abhandengekommen?

Ganz im Gegenteil, gerade jetzt ist es angebracht, die Ökonomie radikal in Frage zu stellen, allem voran dieses merkwürdige Konstrukt namens „Kapitalismus“, das kein Mensch vermag, wirklich zu begreifen. Bisweilen ist nicht die Welt untergegangen, wohl aber die Wahnlehre, wonach Märkte sich selbst regulieren können, eine Sottise, die seit einem Vierteljahrhundert von allen Regierungspolitikern und Wirtschaftsexperten eifrig vertreten wird. Selbstverständlich wird sich die „Prüfgesellschaft“ mit diesen Themen befassen.

Sie haben gesagt, es ginge Ihnen als Philosoph auch darum, über
alternative Gesellschaftsformen nachzudenken. Jetzt, wo der Kapitalismus
tatsächlich zu bröckeln scheint – wird Ihnen da mulmig?

Alternative Gesellschaftspläne gibt es zuhauf. Es ist momentan nicht interessant, darüber zu reden, denn das Problem liegt nicht im Wollen oder Wünschen, sondern im Können. Ob wir es mögen oder nicht: Als global vernetzte Wirtschaftshandelnde sind wir alle Teile eines Superorganismus, der womöglich im Begriff ist, gegen die Wand zu steuern. Aber gegenwärtig kann der globale Organismus keine Entscheidung treffen. Das Bewusstsein bleibt bei Individuen und Interessengruppen gefangen, die gegeneinander wirken. >> Weiterlesen

Blonder Untergang

Es fehlte nicht viel und Europa wäre bis heute menschenleer geblieben. Als vor 11 Jahrtausenden Gruppen der Art Homo sapiens, aus Ostafrika stammend, den Urwald des Nordens zu besiedeln begannen, trafen sie auf eine derart feindliche Umwelt, dass bald nur noch wenige Clans überlebten. Dort war nämlich das Sonnenlicht zu schwach, um in genügendem Ausmaß ihre dunkle Haut zu durchdringen. Haut und Haare waren deswegen schwarz, weil mit Melanin pigmentiert. Melanin ist ein endogener Sonnenschutz, der ausreichend Licht durchlässt, um die Bildung des lebenswichtigen Vitamin D zu ermöglichen, doch gleichzeitig die UV-Strahlung genügend filtert, um schädlichen Effekten vorzubeugen. Ein millionenjähriger Evolutionsprozess hatte den Menschenkörper mit der richtigen Menge an Melanin ausgestattet, so dass dieser bestens an die afrikanische Sonne angepasst war. Mehr Melanin hätte zu Rachitis geführt, weniger Melanin zu Hautkrebs. (Melanin ist nicht mit Melamin zu verwechseln, jener Chemikalie, die heute hergestellt wird, um chinesische Säuglinge zu vergiften.)

Doch die Evolution hatte nicht vorgesehen, dass einige Menschen auf die Idee kommen würden, sich in anderen Klimazonen niederzulassen. Da schlug der genetische Vorteil in einen Nachteil um. Für das fahle Nordlicht war ihre Pigmentierung zu stark. Bald litten sie unter einem Mangel an Vitamin D, zumal sie sich gerade mitten in der Eiszeit befanden und frische Nahrung entsprechend knapp war. Also schien Homo Europeus zum Aussterben verurteilt. Nur noch ein Wunder konnte ihn retten. Und ein Wunder geschah - in der Verkörperung der Blondine. Vor 10.000 Jahren fand eine seltene Gen-Mutation unter Europäern statt. Einige Individuen wurden mit blonden Haaren, blauen Augen und weißer Haut geboren. Mit anderen Worten, sie waren mit einer geringeren Dosis an Melanin ausgestattet. In Afrika hätten diese Mutanten keine Überlebenschance gehabt, doch in ihrem nördlichen Habitat hatten sie keine UV-Überdosis zu befürchten. Und sie konnten genug Vitamin D bilden, um gesund zu sein. Da die blonde Minderheit besser angepasst war, wurde sie zur dominanten Gruppe. Die Evolution hatte eine Antwort auf die veränderten Klimabedingungen gefunden. So weit die übliche Erklärung der Geschichte. Sie übersieht aber die entscheidende Frage: Wie konnte sich diese äußerst seltene Anomalie rasch genug ausbreiten, um ein Aussterben der Bevölkerung zu verhindern? Gemäß der geringen Menschenzahl wäre ein natürlicher Ausleseprozess zu langsam gewesen, um die Abwärtstendenz rechtzeitig umzukehren. >> Weiterlesen

Wollt ihr ewig sterben?

Ray Kurzweil lebt noch. Neulich hat er wieder ein Interview gegeben. Erinnern Sie sich an Ray Kurzweil? Vor acht Jahren war er der Liebling der Feuilletons mit der Ankündigung: „Es ist nur noch eine Frage von Jahren, und unsere Maschinen werden intelligenter sein als wir. Nur noch wenige Jahrzehnte, und wir sind unsterblich.“ Was heißt wir? Natürlich nicht der überkommene Homo sapiens, der ist bloß ein Übergangsstadium. Nein, der Supermensch, die Verschmelzung von Mensch und Maschine, ein mit Milliarden sich selbst reproduzierender Nanoroboter gespicktes Wesen mit einem im Gehirn implantierten Supercomputer und jeder Menge Gen-veränderter Ersatzorgane im Lager. Supermensch wird keine Naturprodukte mehr brauchen, sondern im Labor hergestellte Hühnerbrüste und Rucolasalat fressen. Seine Denkleistung wird millionenfach steigen, und wenn ihm diese Welt nicht mehr gefällt, dann wird er im Nu in eine andere, virtuelle Welt umsteigen und sich der vollkommenen Illusion grenzenlos hingeben.

Obgleich Kurzweils Ideen in den USA sehr populär sind, sind sie in Europa eher auf Gleichgültigkeit und Verachtung gestoßen. Ihm wurde zum Beispiel erwidert, dass die Verwechslung von Intelligenz mit Rechenkapazität keine intelligenteren Maschinen hervorbringen kann, wohl aber stupidere Menschen. Gespottet wurde vor allem über seine plumpe Auffassung des (an sich bereits diskutablen) platonischen Dualismus, in der „Leib und Seele“ mit „Hardware und Software“ übersetzt wird. Wenn ein Notebook stirbt, so Kurzweils Argument, kann man die Software von einem Back-up auf einen anderen Computer spielen. So wird es mit uns geschehen: Wenn unsere körperliche Hardware kaputtgeht, dann werden die Dateien unseres Geistes auf eine neue Hardware übertragen und das Leben geht weiter. Gerade da zeigt sich, dass Kurzweil trotz aller Technikbegeisterung keinen wissenschaftlichen, sondern einen religiösen Standpunkt vertritt, denn die Wissenschaft kennt sie nicht, diese abstrakte Seelensoftware, die getrennt von unseren Verdauungsproblemen, Veranlagungen, sexuellen Erfahrungen und Krankheiten existieren sollte. >> Weiterlesen