Geistiges Aikido
Ende der achtziger Jahre lernte ich einen Engländer kennen, der, um seiner Heroin-Abhängigkeit zu entkommen, zehn Jahre in einem japanischen Kloster verbracht hatte, wo er sich ganz der Verteidigungskunst des Aikido widmete. Dort hatte er manchmal eine einzige Bewegung wochenlang geübt, ehe er sie beherrschte. Ich konnte mich von dem Ergebnis überzeugen, als ich zusah, wie er in einem Pub einen ihn angreifenden Rowdy mit einem Fingerdruck auf den Puls lähmte und durch den Raum führte wie einen fügsamen Hund. Diesem Mann verdanke ich meine ersten Rudimente fernöstlicher Philosophie. Ich erzähle die Geschichte, um gleich dem Verdacht zu entkommen, den die Erwähnung asiatischer Weisheiten automatisch hervorruft: Ach, schon wieder die typisch westliche Sehnsucht nach dem radikal Anderen mit folglich exotischer Entstellung. Das erwähnte Beispiel zeigt doch, dass es allen unüberbrückbaren Kulturunterschieden zum Trotz möglich ist, sich eine fremde Technik anzueignen. Dem würde im übrigen kaum jemand widersprechen, aber nur aufgrund der (zweifelhaften) Annahme, die Technik sei neutral und deswegen überall anwendbar – die Bedienung eines Computers etwa, oder eines Maschinengewehrs. Allerdings trifft dies auf die asiatischen „inneren Kampfkünste“ nicht zu. Diese sind mit dem Erwerb einer sowohl körperlichen als auch geistigen Disziplin eng verbunden, welche von starken philosophischen Voraussetzungen hergeleitet ist – allen voran eben der Einheit von Körper und Geist.
In Aikido oder Tai Chi wird ausschließlich die Energie des Angreifers verwendet, um ihn zu destabilisieren. Die Regel lautet: Abwarten, ausweichen, die Kräfte des Gegners langsam aushöhlen, bis der entscheidende Augenblick kommt, in dem er durch eine einzige Handlung nicht geschlagen, sondern geschickt neutralisiert wird. Hartes kann durch Weiches besiegt werden, weil es diesem keinen direkten Widerstand entgegensetzt. Je stärker der Angreifer, desto wirksamer die Ableitung seiner Kräfte. Auch die klassische chinesische Kriegskunst (wie sie vor 25 Jahrhunderten von Sun Zi festgelegt wurde) basiert auf einem Krieg ohne Schlacht, in dem der Feind verwirrt und überlistet wird. In Gegensatz etwa zu den Annahmen von Clausewitz wird hier Verteidigung als die bestmögliche Attacke gepriesen. Es geht darum, so der Sinologe François Jullien, „die Stellung des Gegners durch die eigene Stellungslosigkeit zu beherrschen“[1]. An diese Prinzipien anknüpfend habe ich übrigens vor einigen Jahren die Vorstellung eines „geistigen Aikido“ entwickelt, in dem, anstatt ideologisch aufzurüsten, um sich gegen die herrschende Doxa zu stürzen, zu versuchen wäre, die Kräfte der meinungsbildende Klasse gegen diese selbst abzuwenden und abzuwarten, bis sie ihr Gleichgewicht verliert und mit einem einzigen Satz außer Kraft gesetzt wird.
All diese Methoden sind Anwendungen eines zentralen Begriffs der chinesischen Philosophie: wei wuwei, das tätige Nichtstun. So meint Laotse: „Mit tätigem Nichtstun werden alle Dinge in Ordnung sein“. In die Politik übertragen bedeutet wei wuwei: Regiert wird am Besten durch Untätigkeit. Nicht mit Verordnungen und Bestrafung bindet der Herrscher das Volk an sich, sondern durch das Vorbild der eigenen Tugend. Konfuzius sagt: „Wie regierte Shun? Er saß bloß seriös und ehrwürdig da, das Gesicht südwärts gewandt, das war‘s“[2]. Wie wir wissen, ist Tatenlosigkeit hierzulande der schlimmste Vorwurf, der einem Entscheidungsträger gemacht werden kann. Davor flüchtet er in symbolische Aktionen, die ihm den Anschein einer sinnvollen Ausübung seiner Funktion verleihen. „Es wundert mich“, meinte einmal eine in Deutschland lebende Chinesin, „welchen Stellenwert das Volle in der westlichen Kultur hat. Alles muss sinnvoll, liebevoll, bedeutungsvoll sein – für einen Chinesen eine gruselige Vorstellung. Etwas Sinnvolles kann nur ein vertracktes, zwingendes, schwerfälliges Ding sein. Wonach er sich sehnt ist die Sinnleere, also gerade das, was den Europäern ein Alptraum ist.“ Dennoch darf die Kluft zwischen beiden Kulturen nicht überschätzt werden. Es lässt sich eine ferne Verwandtschaft zwischen wei wuwei und einem Begriff feststellen, der (obgleich unterdrückt und entstellt) quer durch die Geschichte des Abendlands geistert, der Otium, die Muße. Schließlich wird letztere in Meyers Lexikon wie folgt definiert: als „das tätige Nichtstun, Möglichkeit und zugleich Grundbedingung der Selbstfindung, (…) ja der Freiheit selbst.“
Also hätten wir hier das leuchtende Beispiel einer „Ökonomie der Zurückhaltung“, wenn wir Ökonomie als die Suche nach dem geringstmöglichen Aufwand verstehen. Wie wir wissen steht diese Definition in völligem Widerspruch zur üblichen Bedeutung von der Ökonomie als Wirtschaftslehre. In der abendländischen Ökonomie (wie in der abendländischen Kampfkunst) wird der frontale Einsatz ohne Rücksicht auf Verlust praktiziert. Wachstum als Selbstzweck fordert von allen Akteuren immer mehr Lebensenergie. Zwar ist der technische Fortschritt (etwa die steigende Rechenkapazität eines Computers) ideell-ökonomisch, indem er eine Menge menschlicher Energie einspart, doch faktisch wird die dadurch gewonnene Zeit in Mehraufwand investiert. Um bei der Militärmetapher zu bleiben: Die Perfektionierung der Waffen macht den Krieg weder erträglicher noch kürzer.
Doch zurück zum Aikido-Kämpfer. Die souveräne Haltung in einer Konfliktsituation verdankt er einer mühsam erworbenen Disziplin. Nichts ist für uns weniger spontan, als abzuwarten und auszuweichen. Das will erlernt werden. Spontan reagieren wir auf einen Schlag ganz intuitiv mit einem Gegenschlag. Spontan packen wir den Stier bei den Hörnern. Auf den ersten Blick erscheint uns jede Art von Abweichung, von chinoiserie, als unnötige Zeitverschwendung, Herumschleichen um den heißen Brei. Wir meinen die bessere Strategie zu besitzen, die uns auf den kürzesten, geradlinigen Weg von A nach B führt. Ideell ist hier das Ziel also doch der geringstmögliche Aufwand. Die abendländische Strategie wurde im alten Griechenland gerade in der Hoffnung entwickelt, dass ein frontaler Zusammenstoß ein für allemal endlose, unentschiedene Fehden beseitigen würde. Doch die Geschichte hat uns eines Besseren belehrt. Jeder Krieg sollte der letzte sein und hat nur zum nächsten geführt. Paradox ist eben, dass der Reflex, sich immer wieder in blinden Aktivismus zu stürzen, charakteristisch für geistige Faulheit ist. Hingegen erfordert der Erwerb der Zurückhaltung eine Anstrengung, die auf den ersten Blick viel aufwändiger zu sein scheint, als der Neigung zum Angriff freie Bahn zu lassen. Es ist strenge Disziplin vonnöten, um zu gelassener Untätigkeit zu gelangen.
Sind solche Kriegsmetapher in einem befriedeten Europa fehl am Platz? Dies würde heißen, dass die Gesellschaft jetzt konfliktfrei wäre. Offensichtlich ist das nicht der Fall, vielmehr erleben wir die ›Ausweitung der Kampfzone‹, aber in einem völlig neuen Kontext, nämlich die Generalisierung asymmetrischer Konflikte. Bekannt ist, was diese in militärischem Sinn sind: Eine Armee besitzt die absolute Überlegenheit in Waffen, Logistik und Finanzen. Auf dem Schlachtfeld unbesiegbar, ist es für sie ein Kindesspiel, irgendein Territorium zu erobern (erst dann kommen die echten Probleme, denn Besiegen ist eine Sache, Beherrschen eine andere). Aber Asymmetrie beschränkt sich nicht auf Kriegsführung. Sie herrscht in all jenen Bereichen des Gesellschaftslebens, die Nassim N. Taleb „Extremistan“ nennt[3]. In Extremistan sind die Pole derart weit voneinander entfernt, dass sie inkommensurabel sind, dass es keinen Sinn mehr hat, eine Schnittmenge zu suchen. Zwischen einer multinationalen Handelskette und einem kleinen Einzelhändler gibt es keine freie Konkurrenz. Auch steht das Vermögen der zehntausend Superreichen in keinem Verhältnis zu der entsprechenden Summe, mit der eine Milliarde Superarme überleben muss. Das extreme Ungleichgewicht, meint Taleb, führt wachsend zu unvorhersehbaren Ereignissen. Planung und Prognosen taugen nicht mehr, darum wird das System von überraschenden Krisen erschüttert. Die Tatsache, dass der gesellschaftliche Prozess von den Handlungen (und Fehlern) einer winzigen Minderheit bestimmt wird, darf sehr wohl als asymmetrischer Konflikt interpretiert werden. Ganz gleich, wie diese Entscheidungsträger die eigene Funktion reflektieren, sie besetzen doch das soziale Terrain wie eine Besatzungsarmee erobertes Land besetzt. Warren Buffet, angeblich der reichste Mann der Welt, meint dazu: „Selbstverständlich herrscht Klassenkampf. Aber meine Klasse, die reiche, führt ihn allein und ist dabei, ihn zu gewinnen.“[4] Die Abwesenheit von Widerstand heißt nicht, dass kein Krieg stattfindet. Sie heißt nur, dass die konventionelle Abwehrstrategie, wie sie noch im Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit praktiziert wurde, unmöglich geworden ist.
In asymmetrischen Kämpfen kann nur die chinesische Strategie helfen. Man lässt den Gegner eine Einöde erobern, verweigert jeglicher Kollaboration, macht sich unsichtbar. Es wird keine heroische Schlacht unternommen, sondern die langsame, diskrete Auflösung von innen aufmerksam begleitet. Die Strategie des tätigen Nichtstuns entspricht dem physikalischen Gesetz: Auch Trägheit ist eine Kraft.
Man vermute in diesen Bemerkungen keine hilflose intellektuelle Flucht ins Esoterische. Das Anliegen ist sehr konkret, es geht darum, der jetzt dominanten Form der Aktivität zu entwischen: der des Projekts. Irgendwann fingen alle an, ob Künstler, Manager, Politaktivisten, Spekulanten, Studenten, Existenzgründer oder Kleinkriminelle, von sich zu behaupten, sie seien an einem „Projekt“ bzw. an einer Anzahl von Projekten beteiligt. Auch in meinem Freundeskreis wimmelte es nur so von Projekten. Alle waren Projektmacher geworden und nahmen nicht einmal wahr, wie neuartig diese Situation war. Gewiss hatten Menschen schon immer Projekte im Sinne von „Vorhaben“. Wer seinen Sommerurlaub auf Mallorca plant und einen Flug bucht, hat selbstverständlich ein Projekt. Gegen diesen Wortgebrauch ist nichts einzuwenden. Dennoch würde niemand behaupten, er hause in einem Wohnvorhaben. Hingegen leben heute viele Menschen in einem „Wohnprojekt“. Was soll das heißen? Ist das Wohnen nicht gegeben, sobald man über ein Obdach verfügt? Soll es in die Zukunft projiziert werden?
Es wäre allzu verharmlosend, den inflationären Gebrauch des Wortes als bloße Floskel, als Modeerscheinung zu betrachten. Wir ahnen schon, dass er sehr wohl mit einem bedeutenden Wandel der sozialen Aktivität zusammenhängt. Die Sache ist im Kunstbereich besonders eindeutig. Heute traut sich kein Künstler mehr, ein Werk herzustellen. Ein Werk steht für sich, es kann, ob materiell oder immateriell, als fertiger Gegenstand betrachtet werden. Doch längst hat der Künstler Abschied vom Kunstwerk genommen. An dessen Stelle ist das Kunstprojekt getreten. Ein Kunstprojekt ist, um eine weitere Floskel zu nutzen, ein „work in progress“. Gegenwärtig sind nur Zwischenergebnisse, Skizzen und Pläne. Und Arbeit, denn die Arbeit hat einen ähnlichen Wandel hinter sich. Für den Handwerker besaß das hergestellte Werk einen Wert für sich, unabhängig davon, ob und wie teuer dieses sich verkaufen ließ. Mit dem Erntedankfest feierte der Bauer den Abschluss eines Arbeitszyklus. Selbst die entfremdete Industriearbeit kannte noch solche Momente. Ich sah einmal wie Werftarbeiter mit Tränen in den Augen das Schiff losfahren sahen, das sie monatelang gebaut hatten. Aller Fremdbestimmung zum Trotz war es doch ihr Baby, das sich da von ihnen trennte. Nichts davon ist dem Projektmacher gegönnt. Am Ende seiner Karriere schaut ein Programmierer zurück und sieht nur eine Reihe längst obsoleter Programme, welche in einer Sprache geschrieben sind, die keiner mehr kennt und die nicht einmal einen Sammlerwert haben.
Mit dem Projekt entschwindet das Ideal der Vollendung – im doppelten Sinne der Fertigstellung und der Perfektion. Wer von Projekt zu Projekt navigiert, kennt keinen Hafen, keine Rast. Die Vorstellung, ein Werk zu hinterlassen (das sprichwörtliche Quartett von gepflanztem Baum, gebautem Haus, gezeugtem Kind und geschriebenem Buch), war ein Trost gegen die eigene Vergänglichkeit. Freilich erweist sich die Vorstellung meistens als trügerisch. Nietzsche schreibt irgendwo: Jeder baut ein Haus in der Hoffnung, die Nachkommen werden sich dort gemütlich einrichten, doch diese nehmen das Haus auseinander, um Baumaterial zu gewinnen und wiederum ein Haus für die Nachkommenschaft zu bauen. Die Frage ist: Sind die meisten Menschen im Stande, ohne dieses Gefühl der Beständigkeit und der Weitergabe, so illusorisch es auch sein mag, den Gedanken des Todes zu ertragen? Können sie Erfüllung im trostlosen Projektfluss finden oder werden sie einfach weggespült? Wie Stanislaw Jerzy Lec meinte, es lässt sich schwer feststellen, wer freiwillig mit dem Strom schwimmt. Zwar trösten sich manche Zeitgenossen, indem sie ein „Lebensprojekt Kind“ zur Welt bringen, doch wer möchte schon solche Eltern haben?
Auf der persönlichen Ebene wollen wir aber nicht verweilen, denn im Grunde ist das Projekt eine Form der kollektiven Handlung. Und diese Form unterscheidet sich nicht nur von der individuellen Werkschaffung, sie hat auch die Massenorganisation abgelöst, die in der vorigen Epoche dominierte. Boltanski und Chiapello haben die wesentlichen Differenzen zwischen beiden Modellen hervorgehoben[5]. Im 20. Jahrhundert konnten die Menschen zumindest versuchen, sich gegen die von der Massenorganisation hervorgerufene Standardisierung zu wehren und das Eigene vor der Fremdbestimmung zu bewahren. Im Projekt herrscht aber nicht Standardisierung, sondern Kodifizierung. Die Teilnehmer sind alle verschieden, und doch von der gleichen Art. Sie haben durch die Sequenzierung ihrer „authentischen“ Charaktereigenschaften und die Selektion der projektkonformen Einheiten ihr Einzelprofil kombinatorisch mit fremdbestimmten Anforderungen hergestellt. Das Resultat können wir „Surimi-Individualität“ nennen – nach jenen Krebsfleischimitaten, die aus zerhackter Fischrestmasse, Farbzusätzen und Geschmacksverstärkern bestehen. So wie eine Überwachungskamera von einem Gesicht nur eine geringe Zahl an Messpunkten braucht, um dieses wiederzuerkennen, werden alle ambivalenten oder unnützen Merkmale ausgeblendet – nämlich jene, die nicht zum Code gehören.
Boltanski und Chiappello definieren die jetzige Gesellschaft als „projektbasierte Polis“. Das Projekt sei eine „Grammatik der Handlung“ und als solche keineswegs neutral. Vielmehr stellen diese Grammatik und ihre sämtlichen Deklinationen (befristete Vereinbarungen, explizite und vertraglich geregelte Verkehrsformen, Mobilität, Verfügbarkeit, Flexibilität, soft skills usw.) ein normatives Raster dar. Wer sich der Grammatik des Projekts unterwirft, hat bereits die Logik des herrschenden Systems verinnerlicht, ganz gleich, was der intendierte Zweck seiner Aktivität war. Freilich wird ein Ziel förmlich definiert, doch dieses ist sekundär. Wenn überhaupt erreicht, wird es sowieso zugunsten des nächsten Ziels zur bloßen Etappe deklassiert. Das Ziel steht nur am Anfang, um den Prozess überhaupt in Gang zu setzen. Dann wird der Prozess zum Selbstzweck. Dabei sein ist alles. Ohnehin ist jedes einzelne Projekt bloß ein Baustein in der als Gesamtprojekt begriffenen Lebensführung.
Vor allem zeigt das allgegenwärtige Projektgewimmel, welches Verhältnis unsere Epoche zu der Zeit unterhält. Etymologisch heißt projectare[CS1]: vorwärts werfen. Und tatsächlich sieht die projektbasierte Gesellschaft wie eine endlose Abfolge von Pässen aus. Kaum wurde eine Last nach vorne geschmissen, kommt die nächste hinterher geflogen, die man abfangen, halten und weiter werfen muss. Allein zu diesem temporären Zweck verknüpfen sich Menschen, zerstreuen sich dann wieder, um zum folgenden Projektaggregat zu hüpfen. Die Jetztzeit ist nichts anderes als die Projektion auf einen unerreichbaren Horizont. Es ist leicht zu sehen, woher diese sonderbare Zeitmetaphysik kommt. Sie entsteht zwangsläufig, wenn alle möglichen Aktivitäten der Marktlogik unterworfen sind. Der Markt kennt nur Projekte. Im Kommerz hat ein Gegenstand nur insoweit einen aktuellen Wert, als er einen künftigen Mehrwert verspricht, keine Gegenwart, sondern einen Gegenwert. Investitionsobjekte sind materialisierte Erwartungen. Insofern kann man mit Heidegger behaupten, dass die Jetztzeit aus der Zukunft entsteht. Das Leben eines Investors findet in der Prognosenwelt statt. Alles, was da ist, hat als einzige Daseinsberechtigung einen Gewinnprospekt, der Rest kann ruhig verschwinden. Die Gebäude, Büros und Einkaufzentren um uns herum sind bloß materialisierte Erwartungen, Antizipationen von Profit. Diese konstante Projektion in die Zukunft verleiht der erlebten Zeit eine rein virtuelle Dimension. Sie ist ein Verzicht auf unmittelbare Erfüllung, daher auch auf Glück, wenn wir mit Wittgenstein meinen: „Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich.“[6]
Ein antikapitalistisches Projekt ist zum Scheitern verurteilt. Es ist zwangsläufig systemimmanent, indem es sich der herrschenden Grammatik unterwirft. Dies würde im übrigen erklären, wieso die Grenze zwischen anvisierter Subversion und Marktkonformität so leicht überschritten wird. Wer in seiner Jugendzeit an politradikalen Zusammenhängen teilgenommen hat, ist für die Anforderungen der Betriebswelt bestens ausgebildet. Was wäre also der Ausweg? Entscheidend dafür ist nicht die Frage, was wir tun, sondern wie wir es tun, in welchen Rahmen wir unsere Handlung begreifen und wie wir entsprechend miteinander kommunizieren. Georges Bataille fasst seine Vorstellung einer (Wieder-) Herstellung des souveränen Vorgehens wie folgt zusammen: Es ginge darum, „durch ein Projekt den Bereich des Projekts [zu] verlassen.“[7] Eine höchst paradoxe Perspektive also, aber vor Paradoxien soll man nicht erschrecken, sie sind die Selbstverständlichkeiten von morgen.
[1] 1: François Jullien, Umweg und Zugang. Strategien des Sinns in China und Griechenland, Wien, 1995.
[2] 2: Zitat nach Peter Zarrow, Anarchism and political culture in China, New York, 1990.
[3] Nassim N. Taleb, Der schwarze Schwan, die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse, München, 2008.
[4] New York Times von 26. Nov. 2006
[5] Luc Boltanski, Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz, 2003
[6] Ludwig Wittgenstein, Tagebücher 1914-1916, Frankfurt, 1990.
[7] Georges Bataille, Die innere Erfahrung, München, 1999
von Lichtträger | 11. Dezember 2009 um 09:44
Ubs, ein bisschen kürzer.
Aikido,
Zum Pub:
Kränke nie einen Menschen mit deiner scheinbaren Überlegenheit.
Auch mein Freund zeigte mir “Aikido“, zugegeben, er wahr ein Schüler. Er zeigte mir seinen Lehrer, ein 73 Jähriges Asiatisches dürres kleines Männchen, das einem Windstoss sicher nicht standhalten kann, so dachte ich, hi.
Weit gefehlt.
Sein Lehrsatz: Aikido bedeutet, Stille, Centrum, Stille.
Es war in einer einfachen Halle. Um es kurz zu machen. Er setzte sich für eine Vorführung an seine Schüler auf eine kleine Bühne und bewegte sich nicht, und bat 10 starke Männer, in einer Reihe, ihn, von seinem Platz zu stoßen, es gelang nicht, hi.
Um es mit anderen Worten zu sagen. Wenn deine Weisheit reicht, eine Eskalation und den Puls-Punkt zu kennen, reicht sie auch aus eine Eskalation zu meiden.
Warum ich das sage? Weil zum Thema, Zitat Paoli : . . . dem versuch die herrschende Doxa zu stürzen u.s.w . . . .
Sie durch sich selbst zu destabilisieren, zu stürzen mit ihrem eigenen Satz, nicht als Eingebung aus Ki-ai, sondern aus ihrem Zentrum, Aikido.
Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass sich hier das “stürzungswürdige“ selbst stürzt, ohne handelndes dich, sich seine eigene Entsprechung sucht, eben wu-wei.
Denn was tritt an Stelle der Gestürzten Rhythmen?
Doxa !
Zu Projekten ist zu sagen:
Die Pyramide(Ägypten) ist gebaut, mehr geht fürs erste Mal nicht.
Das Projekt der Vergänglichkeit, Glück, als Moment der Belohnung, als Sucht nach Endorphinen. Der Tod als Angst zu leben, die Angst der Sexualität der Doxa.
Was werden wir nun tun?
Wir werden, das Projekt der Erfüllung und Glück nun verlassen, und in die ultimative Realität eintauchen, der Liebe.
Einigen wird da der Bauch zu schaffen machen, der Sitz der Macht des Eigentums und ähnliches. Er wird sein Recht einfordern und darauf beharren, hi.
Ihr Lieben so ist das nun mal, wenn ihr zum ersten Mal aus dem Meer steigt als Eure Heimat. Eine Zeit lang bleibt ihr nass.
Herzlicht
Ps: Vergleiche mit Religiösen Widerständen und ähnlichem sind nicht beabsichtig, und entbehren jeder Grundlage.
von Musosoph | 05. Januar 2010 um 21:52
So, ja Gelassenheit, also (auch mal) etwas sein lassen; oder
(sich)Sein lassen…
Meine Antwort auf die Frage was ich denn so tue lautet: “Ich b i n Müßiggänger” - Die Entgegnung ist oft: “Ah, Du bist Arbeitslos” (und im Übrigen von sog. Geisteswissenschaftlern nicht minder)- “Alles klar d e n k e ich dann”…
von Johanna von Ägypten | 11. Januar 2010 um 02:01
Der Planet ist im POpatz, die Gesellschaft genauso.
Der Projektboom ist der Kunstboom. Doch wozu ?
An jeder dreckigen Ecke klebt ein Student und ist in irgendwelche Projekte verwickelt. Die können keinen zusammenhängenden Satz äußern, m ü s s e n aber Kunst machen.
Es gibt keinen Mensch der sie braucht. Ihre Projekte sind überflüssig, sie selbst als Mensch sind eine überflüssige Missgeburt,ihre “Kunst” allerhöchsten Kopfgeburten.
Und wie die Kunst so die Gesellschaft: Ohne Sinnlichkeit, ohne Magie, banal und ohne Tiefe. (siehe diese schreckliche Konzeptkunst aus der HGB)
Auch ich bin ein Krüppel. Leider muss ich das hier aus Wissenschaftlichkeit eingestehen. Ich bin durch und durch dumm, hässlich und wünsche mir eine schwere Krankheit, dass alles bald vorbei sein mag.
Ja, man muss mit Würde sagen können:” Ich bin faul wie Sau und schlafe den ganzen Tag.” oder wie die APPD: DUMM UND DEN GANZEN TAG NUR SAUFEN SAUFEN SAUFEN.
Ich hab nichts vor mit meinem Leben ! Und ich bin noch jung. Jung genug, gesund genug und intelligent genug um überall hinzukommen.
Und als Künstler ist man nichts weiter als ein Hamster im Laufrad, was täglich die Welt neu erfinden muss.
Die sollen sich mal ihren eigenen Nihilismus eingestehen und begreifen, dass ein unmittelbarer lebenswerter Alltag unmöglich geworden zu sein scheint.
Stattdessen greifen sie nach den Sternen und übersteigen ihre eigenen Kompetenzen.
Und nicht als Scheintoter Interkontinetalflüge zu machen, um irgendwo in Tokio auszustellen. Zu glauben, man hätte noch ein Leben.
Oder zu glauben, dass Leben würde mit einem großen Abenteuer auf einen warten.
Letztlich gibt es aber tatsächlich einen positiven Aspekt, des erwähnten “Kollektiven”, das Leute eben zusammen was machen, obwohl sie sicherlich spüren, das das Projekt ansich nicht mehr als Beschäftigungstherapie und ersetzbar ist. Aber ich frag mich, ob Freundschaften und allgemein das soziale Zusammensein solche Umwege und Rechtfertigungen über Projekte überhaupt braucht.
Kann man nicht als Endverbraucher, die Missgeburt die jeder ist, nicht einfach lustig zusammen Weiber aufreisen gehen und Playstation zocken ?
Die Kunstgesellschaft ist doch eine Illusion von vielen.
von Johanna von Ägypten | 11. Januar 2010 um 04:07
Wie führt man ein einfaches Leben ?
Das Leben in Meditation ist mir dann doch auf Dauer zu langweilig. Ansonsten wäre ich schon nach Tibet ausgewandert. Ich brauch den Kampf und die Herausforderung.
Hier enstehen aber nur Humanismus,Familien mit Kindern und Cafehäuser zum Ausruhen. Das ist für mich ein Klima zum ersticken. Psychoterror von Frauen.
Einen Colt in der Tasche !
Das Schielen nach Indien ist für mich keine Alternative. Da gehören alle Wohl-fühl-fanatiker, Familienbewussten und chronisch Kranken hin abgeschoben. Dann können die sich mit ihrer Harmlosigkeit gegenseitig langweilen und kuscheln.
Die Sinnleere der Projekte zeigen doch den Bankrott unseres Humanismus. Die Menschen haben sich nichts mehr mit zuteilen und machen trotzdem weiter bis in alle Ewigkeit. Das erinnert doch an Godot. Ist das vielleicht damit gemeint ?
Alles rast zwar in den Projekten aufs Nirgendwo zu, aber wirkliche Verwegenheit und Verrücktheit, dazu sind die doch alle zu kleinkariert, zu brav.
Über Projekte zu verhandeln ist nichts intensives.
von bert blau | 22. Februar 2010 um 14:21
Kann das tätige Nichts-Tun kapitalismus-beendend wirken?
Wenn der antikapitalist zum Aikido-Meister wird, wie ist dann sein prokapitalistischer Gegner beschaffen?
Der anti-kapitalistische Aikido-Meister sitzt, und findet sein Zentrum, findet sich..usw… doch seine Überlegenheit zeigt er nur einem Angreifer - nur den Angreifer kann der Aikidomeister besiegen.
Es muss gefragt werden: wird der antikapitalistische Aikidomeister, der sich im Zustand tätigem Nichts-Tuns befindet (und dabei seine Kämpfe sicherlich sämtlich gewinnt), auf einen prokapitalistischen, einen kapitalistischen Gegner treffen?
Ich frage: Ist nicht der Kapitalist, der sich in Bewegung befindende Aikidomeister? Meistert er es nicht besser als jeder andere die Energien seiner Gegenüber, die sich gegen ihn richten oder lediglich an ihn richten, um zu lenken, und sie seiner eigenen Energie einzuverleiben? Ich glaube, dass dies ein Wesenmerkmal heutiger kapitalistischer Vorgehensweise ist, ist nicht anzuzweifeln.
Wird es also überhaupt zu einer Konfrontation zwischen anti-kapitalistischen Aikido-meister und kapitalistischen Aikidomeister kommen können, wenn beide ihre Stärke nur zeigen können, wenn sich etwas gegen sie richtet? Nein. Vielmehr deutet sich hier ein Ringen um Raum, Territorium an.
Der Kampf des Antikapitalistischen Aikido-Meisters nützt lediglich dem Aikidomeister selbst, da er in seinem Ignorieren des Kapitalistischem uninteressant für den Kapitalisten wird. Der Kapitalist bietet sich dem, der nach ihm schielt, um diesen sich zu eigen zu machen. Er übergeht den anti-kapitalistischen Aikidomeister, was ihm leicht füllt, denn eine Massenbewegung anti-kapitalistischer Aikidomeister ist nicht vorhanden.
Dem antikapitalistischen Aikidomeister gelingt es freien Raum nur für sich selbst zu gewinnen. Wobei er ihn nicht eigentlich gewinnt, sondern neu-schafft. Es schafft es, sich raus zu halten.
Jedoch wird erst eine Nutzung dieses von ihm geschaffenen Raumes (und diesen Raum zu bezeichnen und über seine Nutzung nachzudenken, davor fürchten sich die Denker, außer vielleicht unser geliebter Slowene Zizek) zu einer sichtbaren, Wirkung-entfaltenen anti-kapitalistischen Gegenwelt führen.