Nina May von der LVZ schreibt gerade einen Artikel über die Entwicklung eines Tarnumhangs, der seinem Träger angeblich unsichtbar macht und fragt mich, wie sich die Faszination des Unsichtbarseins interpretieren lässt. Hier meine kurze Antwort:
Unsichtbar werden ist einfach die zu Ende gedachte Folge von Anonymisierung und Virtualisierung. Anonymität ist eine Errungenschaft der bürgerlichen Entwicklung und sie bedeutet vor allem, ungesehen sein. Der Stadtbewohner hatte sich vom kollektiven Auge des Dorfes emanzipiert, das war damals schon ein Schritt in Richtung Unsichtbarkeit. Die Stadt befreit von der sozialen Kontrolle, die Plattenbausiedlung noch besser als das alte Stadtviertel, selbstverständlich. Niemand sieht, mit wem ich zu tun habe, wie ich meinen Tag verbringe usw. Dann sind Billigflüge eine weitere Etappe in der Produktion der Chamäleon-Menschen. Sie ermöglichen dem guten deutschen Familienvater Kinder in Thailand zu ficken, also die Futterung des inneren Schweins in Billiglohnländern unbemerkt zu verlagern. Der unsichtbare Mensch kann unbestraft verbotene Dinge tun. Das ist schon ein wichtiges Motiv. Was bleibt von der Moral, wenn die Angst vor der Bestrafung weg ist?
Unsichtbar sein heißt aber auch, andere zuzugucken, ohne selbst gesehen zu werden. Es entspricht dem alten Wunsch: Wenn ich nur wüßte, was die Leute über mich sagen, wenn ich nicht da bin. Und es hängt noch mehr mit der voyeuristischen Phantasie zusammen, in jedes Schlafzimmer eindringen zu können. Auch der Zuschauer von reality-shows ist unsichtbar. Das ist der wichtige Punkt bei Porno-Webcams: Nicht, dass eine Exhibitionistin vor dem Kamera onaniert, sondern dass Millionen unsichtbarer Voyeure gleichzeitig zuschauen - und onanieren. Der Reiz liegt nicht an dem Gesehenen, sondern an der phantasierten Community der Nichtgesehenen.
In der virtuellen Welt wird das Versprechen der totalen Anonymität eingelöst. Ein Nebeneffekt ist die Furcht vor dem direkten, körperlichen Kontakt. In Zügen oder Straßenbahnen sind zahlreiche Menschen mit Ohrenstopseln unterwegs, die alles tun, um sich von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Sie sind die idealen Kunden für unsichtbar machende Tarnanzüge (die übrigens für das Militär aus Angst vor dem fairen Nahkampf entworfen wurden). Sich Auge in Auge auszutauschen, wird zunehmend als nicht auszuhaltende Aggression erlebt. Es geht nur über Mails, sms, Chatrooms, mit dem Nachteil, dass man nie ganz sicher sein kann, ob eine Nachricht von einem real existierenden Mensch oder von einer Chimäre stammt. Wir leben bereits unter unsichtbaren Kreaturen. Auch die Struktur und die Einrichtungen der Macht sind unsichtbar, und nicht einmal eine Tarnkappe würde helfen, sie durchzuschauen oder sich von ihnen zu entziehen.