Expertengespräche zu Brecht / Eislers „Die Maßnahme“

Das Schauspiel Leipzig hat das berühmteste Lehrstück von Brecht / Eisler, „Die Maßnahme“ aus dem Jahr 1930, gekoppelt mit dem ältesten überlieferten Drama der Menschheit, Aischylos’ „Die Perser“ aus dem Jahr 472 vor Christus.
Bereits zur Uraufführung hochgelobt und hart kritisiert, zählt „Die Maßnahme“ zu den umstrittenen Stücken des 20. Jahrhunderts und hat eine äußerst komplexe Rezeption erfahren, nicht zuletzt auch durch Brechts eigenes Aufführungsverbot.

In einer Reihe von Vorträgen und Gesprächen hat das Schauspiel Leipzig begleitend zur Aufführungsserie einige Gäste eingeladen, den Komplex „Die Maßnahme“ näher zu beleuchten.

Den Anfang machte Prof. Martin Sabrow, der 2017 eine vielbeachtete Biographie über das Leben des jungen Erich Honecker vorgelegt hat. Prof. Sabrow, Direktor des Instituts für Zeithistorische Forschung in Potsdam, sprach am 1.4.17 über das Verhältnis zwischen Einzelnem, Partei und Gesellschaft in der Auffassung der KP und ihrer Funktionäre in den 1920er Jahren.
1. April 2017
Prof. Martin Sabrow

Das Mandat der Gewissheit.

Zum Selbstverständnis kommunistischer Herrschaft im 20. Jahrhundert.
Brecht und Eisler legten der „Maßnahme“ 1930 ihre Lehrstücktheorie zu Grunde. Der Heidelberger Germanist Prof. Helmuth Kiesel befragte am 6.5.2017 das Stück auf Parallelen zu religiösen Strukturen generell und zu ästhetisch-politischen Kontexten der Zeit der Entstehung.
6. Mai 2017
Prof. Helmuth Kiesel

„Die Partei hat tausend Augen“.

Das Lehrstück und die politische Religion: „Die Maßnahme“ im Spannungsfeld zwischen liturgischen und totalitären Strukturen.
Der Publizist Willi Winkler war im Rahmen der begleitenden Vorträge zum Doppelprojekt „Die Maßnahme / Die Perser“ am 22. November 2017 zu Gast am Schauspiel Leipzig. Das Thema seines Vortrags war: „Die grauenhafte Unbedingtheit. Der deutsche Linksextremismus und 'Die Maßnahme'“.
Vor vierzig Jahren fand in der Bundesrepublik Deutschland mit dem sogenannten „Deutschen Herbst“ der Terror seitens der Rote Armee Fraktion seinen Höhepunkt. „Die Maßnahme“ gehörte zu den zentralen Texten, die innerhalb der RAF immer wieder zitiert wurden, insbesondere im Kreis der in Stammheim Gefangenen.
Welches Denken seitens der RAF diesem Bezug zugrundelag und wie sehr literarische Bezüge generell eine Rolle spielten im theoretischen Denken und im Selbstverständnis der RAF, behandelt der Vortrag Willi Winklers, der 2007 mit der „Geschichte der RAF“ eines der Standardwerke veröffentlicht hat.
22. November 2017
Willi Winkler

Die grauenhafte Unbedingtheit

Der deutsche Linksextremismus und „Die Maßnahme“
Begleitend zur Inszenierung „Die Maßnahme / Die Perser“ sprechen der Osteuropa-Historiker und Publizist Prof. Karl Schlögel und Dr. Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung über die historischen Entwicklungen in der UdSSR und die stalinistischen Schauprozesse im Moskau der 1930er Jahre.
9. Dezember 2017
Prof. Karl Schlögel im Gespräch mit Dr. Jens Bisky

„Die Maßnahme“. Realität und Fiktion

Im Gespräch beleuchten Dr. Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung) und der Publizist und Historiker Gerd Koenen unterschiedliche revolutionäre Denker der russischen Geschichte und ihre Perspektiven. Dabei geht es auch um die russische Literatur, u.a. um Dostojewskis „Dämonen / Böse Geister“ sowie um Iwan Turgenjews Prosagedicht „Die Schwelle“ (1878), in der eine junge Revolutionärin vor einem nicht näher benannten Gericht steht, das ihre Bereitschaft zu umfassender „Tat“ prüft – und sie für diese Aufgabe schlussendlich nominiert. Weitere Themen des Gesprächs waren Radikalisierungstendenzen, auch in der jüngeren deutschen Geschichte, sowie die Frage einer gegenwärtig „postkommunistischen“ Situation. Gerd Koenen legte jüngst sein Buch „Die Farbe Rot“ vor – eine weit gefasste Analyse des Kommunismus in seinen historischen Entwicklungen, Bedingungen und Folgen.
12. Januar 2018
Gerd Koenen im Gespräch mit Dr. Jens Bisky

Die Radikalität der Gedanken und die Radikalisierung der Wirklichkeit.

Erzählungen vom Kommunismus und ihr Verhältnis zur Realität.