Expertengespräche

am Schauspiel Leipzig
Seit der Spielzeit 2015/16 lädt das Schauspiel Leipzig regelmäßig Gäste ein, um die übergreifenden Themen der Spielzeiten oder einzelner Inszenierungen weitergehend zu diskutieren. In knapp zwanzig Veranstaltungen, in Gesprächen unter der Moderation von Dr. Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung oder in Vorträgen, hat sich auf diese Weise der theatrale Diskurs am Schauspiel Leipzig in unterschiedlichste Bereiche weiterverzweigt.

Die Reihe der spielzeitbegleitenden Expertengespräche in der Moderation von Dr. Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung wird auch in der Spielzeit 2018/19 sowie in der Spielzeit 2019/20 fortgesetzt.

Auf dieser Seite finden Sie die Rückblicke auf die Veranstaltungen der vergangenen Spielzeiten sowie eine Vorschau der geplanten Expertengespräche der aktuellen und der kommenden Spielzeit.

Expertengespräche „Miteinander / Ensemble“

in der Spielzeit 2019/20

Dreißig Jahre später

Die Ereignisse des Herbstes ’89 jähren sich zum dreißigsten Mal. Diese Zeit steht schon länger im Fokus der Betrachtungen. Weniger diskutiert ist die Dekade, die darauf folgte: die 90er Jahre. Eine Zeit der Umbrüche, in der viele Weichen gestellt wurden (wirtschaftlich, sozial, politisch), die das Land entscheidend prägten — und die uns in der Folge möglicherweise noch heute beschäftigen. Diese Zeit war der Startpunkt für sehr gegensätzliche Entwicklungen einer ganzen Gesellschaft. Welche Chancen entstanden? Welche Verluste gab es? Wie verschieden wurde sie erlebt, und was bedeutet sie für die Gegenwart?
Den Auftakt der Reihe in der Moderation von Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung machte im April ein Gespräch mit Jana Hensel und Frank Richter über die gesellschaftlichen Entwicklungen von 1989 bis heute. Am 13. Juni 2019 diskutieren Ursula Lehmann-Grube und Andreas Voigt über die 90er Jahre in Leipzig, die beide aus sehr spezifischen Blickwinkeln verfolgen konnten: Ursula Lehmann-Grube als Frau des damaligen Oberbürgermeisters, die ihren Mann von Hannover nach Leipzig begleitete, und Andreas Voigt als Filmemacher und Langzeit-Dokumentarist Leipziger Lebensläufe.
Die Gespräche drei und vier der Reihe finden im Herbst 2019 jeweils vor Vorstellungen von „89/90“ statt.
Was auf dem Gebiet der DDR in den Jahren um 1989 passierte, hatte Parallelen im gesamten Ostblock: Die kommunistische Welt- und Wirtschaftsordnung brach zusammen. Es begann die gesellschaftliche, politische und ökonomische Transformation im Geiste des Neoliberalismus. Diese Transformation erreichte später auch alte Gewissheiten der Bundesrepublik. Der Historiker Philip Ther legte mit „Die neue Ordnung des alten Kontinents“ eine wegweisende Analyse vor, wie die neue Wirtschaftsordnung im Laufe der 90er Jahre die Gesellschaft(en) veränderte — mit tiefgreifenden Folgen bis heute: Die Diskrepanz zwischen Land und Stadt, zwischen Aufschwung und Stillstand, zwischen neuem Wohlstand und neuer Armut, sie nahm auch dort ihren Anfang.
9. Oktober 2019
Philip Ther

Dreißig Jahre später (III)

Das Ende der Gewissheiten
In „Endspiel“ diskutierte und hinterfragte der Historiker llko-Sascha Kowalczuk die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zustände und Geschehnisse, die zum Ende der DDR geführt haben. Eine kritische Bestandsaufnahme und zugleich eines der Standardwerke zur jüngeren deutsch-deutschen Geschichte. Mit „Die Übernahme. Wie die DDR Teil der Bundesrepublik wurde. 1989 — 2019“ geht Kowalczuk mit einem erneuten Blick auf diese Zeit ein und verlängert die Fragestellung auf die Geschehnisse und Entwicklungen bis in unsere Tage.
28. November 2019
Ilko-Sascha Kowalczuk

Dreißig Jahre später (IV)

Einigung oder Übernahme

Expertengespräche „ICH ICH ICH ICH ICH“

in der Spielzeit 2018/19

Egozentrik und Gesellschaft. Wie modern ist Faust?

Die Expertengespräche der Spielzeit 2018/19 haben ausgehend vom Spielzeitmotto die aktuelle „Faust“-Inszenierung im Blick.
Die Inszenierung des „FAUST“ widmet sich der Gegenüberstellung des Einzelnen und der Gesellschaft, Fragen von Konvention und Individuum.
Das Motto der Spielzeit, „ICH ICH ICH ICH ICH“, gilt einer lauter werdenden Gesellschaft in einer Zeit, in der Selbstverwirklichung rücksichtsloser, umfassender ausgelebt wird als zuvor. Konzepte eines radikalen Individualismus prägen die Arbeitswelt, Familienverhältnisse und Politik. Es sieht so aus, als müsste man sich selbst verwirklichen, als gäbe es keine andere Wahl. Was bringt uns dazu? Und kann man dem Zwang zum Besonderen entfliehen?

Der Soziologe Andreas Reckwitz (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)) fühlt in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ einer Gegenwart den Puls, die das Einzigartige prämiert und sich mit dem Durchschnittlichen langweilt. 
Reckwitz nimmt das Ideal der Selbstverwirklichung in den Blick und fragt, welche Folgen der Kult um Originalität und das Besondere hat. Er folgt diesem Streben – hinein in ein Geflecht aus radikal ausgelebtem Individualismus und Besonderheitsdruck, Selbstoptimierung und Frustration. Die Selbstverwirklichungs-Gesellschaft kennt viele Verlierer. Mit den Möglichkeiten wachsen auch die Unzufriedenheiten. Bei allem Streben nach Individualisierung – was ist ihr Preis? Und wie sehr passen sich gerade die Virtuosen der Einzigartigkeit an eine Gesellschaft an?

1. Dezember 2018
Prof. Andreas Reckwitz

Egozentrik und Gesellschaft.

Auch Heinz Bude ist den Dynamiken der Gesellschaft auf der Spur. Wie verhält sich der Einzelne zur Gemeinschaft? Wo entsteht Unzufriedenheit – und welche Kräfte setzt sie frei? Die oft zitierte „Mitte der Gesellschaft“, wie stellt sie sich heute dar? Und wie war sie früher strukturiert? Welche Umbrüche stehen bevor, welche sind noch nicht verarbeitet?

Anne Bohnenkamp-Renken, Leiterin des Goethe-Hauses Frankfurt am Main, ist eine der herausragenden Persönlichkeiten der gegenwärtigen Goethe-Forschung. Anhand der historisch-kritischen Edition des „Faust“-Textes arbeitet sie daran, den jahrzehntelangen Schreib- und Schaffensprozess Goethes näher zu beleuchten, die gesellschaftlich-historischen Umbrüche und ihre Einflüsse auf das Werk freizulegen – und dabei ein Drama zu entdecken, das bereits pointierte ökonomische, wissenschaftliche und ethische Fragestellungen der Moderne und damit Themen der Gegenwart formuliert.

2. Februar 2019
Prof. Heinz Bude
Prof. Anne Bohnenkamp-Renken

Wie modern ist Faust?

Die Ereignisse des Herbstes 89 jähren sich zum dreißigsten Mal. Weniger diskutiert ist die Dekade, die darauf folgte: die 90er Jahre. Eine Zeit der Umbrüche, Startpunkt für sehr gegensätzliche Entwicklungen einer ganzen Gesellschaft. Wie wurde diese Zeit erlebt, und was bedeutet sie für das Heute?  

Eine Reihe weiterer Expertengespräche am Schauspiel Leipzig: „Dreißig Jahre später“. Zum Start diskutiert Dr. Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung) mit Jana Hensel (Berlin) und Frank Richter (Dresden): „Entwicklungen von 1990 bis heute“. Die Schriftstellerin Jana Hensel setzt sich seit „Zonenkinder“ 2002 literarisch und diskursiv mit dem deutsch-deutschen Zusammenleben auseinander.  Frank Richter gehörte zur Dresdner „Gruppe der 20“ und war Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen.
4. April 2019
Jana Hensel
Frank Richter

Dreißig Jahre später (I)

„Entwicklungen von 1990 bis heute“
Ursula Lehmann-Grube zog mit ihrem Mann aus Hannover nach Leipzig, als Hinrich Lehmann-Grube 1990 zum Oberbürgermeister der Stadt Leipzig gewählt wurde. 2009 erschienen ihre Erinnerungen an diese Jahre: „Als ich von Deutschland nach Deutschland kam. Leipziger Tagebuch 1990/91“ — unmittelbare Beobachtungen der Entwicklungen, Konflikte und Mentalitäten in dieser Stadt. Der Filmemacher Andreas Voigt hat zur selben Zeit diese Entwicklungen mit seiner Kamera aufgefangen: Seine Dokumentarfilme porträtieren die Menschen dieser Stadt, wie sie mit den Herausforderungen der Jahre umgehen und sie erleben. Einerseits ist es an der Zeit, sich mit diesen Beobachtungen heute noch einmal zu beschäftigen — andererseits geht an beide Gäste die Frage: Wie sehen sie die Entwicklung zum Heute?
Für dieses Expertengespräch ist das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig mit seiner neu gestalteten Ausstellung zur Entwicklung dieser Jahre der ideale Ort.

13. Juni 2019
Ursula Lehmann-Grube
Andreas Voigt

Dreißig Jahre später (II)

„Leipzig in den 90er Jahren“

Expertengespräche „Angst oder Liebe“

in der Spielzeit 2017/18
In den Gesprächen der Spielzeit 2017/18 näherten sich Experten aus verschiedensten Wissensbereichen und Erfahrungsgebieten der Inszenierung „Kasimir und Karoline“ von Ödon von Horváth und dem Doppelprojekt „Die Maßnahme / Die Perser“ nach Brecht und Aischylos sowie „Wolken.Heim“ von Elfriede Jelinek an.
Der Publizist Willi Winkler war im Rahmen der begleitenden Vorträge zum Doppelprojekt „Die Maßnahme / Die Perser“ am 22. November 2017 zu Gast am Schauspiel Leipzig. Das Thema seines Vortrags war: „Die grauenhafte Unbedingtheit. Der deutsche Linksextremismus und 'Die Maßnahme'“.
Vor vierzig Jahren fand in der Bundesrepublik Deutschland mit dem sogenannten „Deutschen Herbst“ der Terror seitens der Rote Armee Fraktion seinen Höhepunkt. „Die Maßnahme“ gehörte zu den zentralen Texten, die innerhalb der RAF immer wieder zitiert wurden, insbesondere im Kreis der in Stammheim Gefangenen. Welches Denken seitens der RAF diesem Bezug zugrundelag und wie sehr literarische Bezüge generell eine Rolle spielten im theoretischen Denken und im Selbstverständnis der RAF, behandelt der Vortrag Willi Winklers, der 2007 mit der „Geschichte der RAF“ eines der Standardwerke veröffentlicht hat.

22. November 2017
Willi Winkler

Die grauenhafte Unbedingtheit.

Der deutsche Linksextremismus und „Die Maßnahme“
Begleitend zur Inszenierung „Die Maßnahme / Die Perser“ sprechen der Osteuropa-Historiker und Publizist Prof. Karl Schlögel und Dr. Jens Bisky von der Süddeutschen Zeitung über die historischen Entwicklungen in der UdSSR und die stalinistischen Schauprozesse im Moskau der 1930er Jahre.
9. Dezember 2017
Prof. Karl Schlögel

„Die Maßnahme“. Realität und Fiktion.

Anlässlich der Inszenierung von „Kasimir und Karoline“ und der Leipziger Uraufführung des Stückes im Jahre 1932 nimmt der Soziologie Prof. Heinz Bude die Entwicklung proletarischer Strukturen in den Blick. Für die gegenwärtige Situation erfasst Bude eine Vielzahl von Beschäftigten, die sich in einfachen, gering bezahlten und gesellschaftlich wenig anerkannten Dienstleistungsverhältnissen befinden, deren Problem auch darin besteht, dass sie keine weiteren Karrierechancen mehr bieten. Den entscheidenden Unterschied zu vorangegangenen proletarischen Bewegungen macht Bude darin aus, dass es heute in der Regel keine „Bewegung“ mehr gibt, die diesen Beschäftigten eine geeinte Stimme und gewerkschaftliche Organisation geben könnte. Problematisch wird es auch, so Heinz Bude, wenn seitens der Gemeinschaft dauerhaft Ansehen und Wertschätzung unterbleiben – und sich auf diese Weise Konkurrenzverhältnisse und Behauptungsversuche weiter verschärfen, auch im Wege der Abwertung anderer gesellschaftlicher Gruppen.
11. Januar 2018
Prof. Heinz Bude

Kein starker Arm nirgends.

Das andere Proletariat im alten und neuen Kapitalismus.
Im Gespräch beleuchten Dr. Jens Bisky (Süddeutsche Zeitung) und der Publizist und Historiker Gerd Koenen unterschiedliche revolutionäre Denker der russischen Geschichte und ihre Perspektiven. Dabei geht es auch um die russische Literatur, u.a. um Dostojewskis „Dämonen / Böse Geister“ sowie um Iwan Turgenjews Prosagedicht „Die Schwelle“ (1878), in der eine junge Revolutionärin vor einem nicht näher benannten Gericht steht, das ihre Bereitschaft zu umfassender „Tat“ prüft – und sie für diese Aufgabe schlussendlich nominiert.
Weitere Themen des Gesprächs waren Radikalisierungstendenzen, auch in der jüngeren deutschen Geschichte, sowie die Frage einer gegenwärtig „postkommunistischen“ Situation. Gerd Koenen legte jüngst sein Buch „Die Farbe Rot“ vor – eine weit gefasste Analyse des Kommunismus in seinen historischen Entwicklungen, Bedingungen und Folgen.

12. Januar 2018
Gerd Koenen

Die Radikalität der Gedanken und die Radikalisierung der Wirklichkeit.

Erzählungen vom Kommunismus und ihr Verhältnis zur Realität.
„Wolken.Heim“ war 1988 Jelineks Durchbruch auf dem Theater — mit einer Thematik, die auch heute wieder vermehrt in den Raum gestellt wird. Über Orientierungssuchen in der Vergangenheit, Debatten der Gegenwart und Konstruktionen deutscher Identität diskutiert Jens Bisky im Anschluss an die Aufführung  von „Wolken.Heim“ mit dem Historiker Herfried Münkler („Die Deutschen und ihre Mythen“), sowie dem Publizisten Robert Misik, der im Wiener Falter und im Standard die aktuelle Entwicklung Österreichs begleitet sowie regelmäßig in der taz schreibt.
8. April 2018
Prof. Herfried Münkler und Robert Misik

Was ist deutsch?

Expertengespräche „Woher Wohin“

in der Spielzeit 2016/17
In der Saison 2016/17 fanden in der Moderation von Dr. Jens Bisky von der „Süddeutschen Zeitung“ vier Gespräche statt, die sich speziell mit dem Motto der Spielzeit auseinandersetzten, „Woher Wohin“.
Parallel zu Produktionen wie „89/90“ und „KRUSO“ und den aktuellen politisch-gesellschaftlichen Debatten in Deutschland konzentrierten sich die ersten Gespräche auf die Frage der gewachsenen Entwicklung und der aktuellen Beziehung zwischen Ost und West: „Ist der Osten anders?“ und „Die Gesellschaft der Empörten“. Dem europäischen Blick und der Frage nach der Zukunft der EU angesichts diverser konträrer Wahlen und Volksabstimmungen galt die dritte Debatte. Das vierte Gespräch diskutierte das Spielzeitmotto mit Bezug auf die aktuelle Bedeutung der Religionen.
Gäste waren Prof. Heinz Bude und Dr. Gregor Gysi, der Politikwissenschaftler Prof. Hans Vorländer und der Soziologe Dr. Oliver Nachtwey, Daniel Cohn-Bendit und die EU-Abgeordnete Róża Thun sowie Dr. Johann Hinrich Claussen von der Evangelischen Kirche Deutschland und Rena Tali.
Einige der interessantesten Impulse der Debatten finden Sie hier.

Mit Bezug auf Brecht / Eislers Lehrstück, das das Schauspiel Leipzig in einem Doppelprojekt mit Aischylos' „Persern“ koppelte, begann eine Veranstaltungsreihe, die sich näher mit der „Maßnahme“ auseinandersetzte. Prof. Martin Sabrow sprach über das Selbstverständnis der kommunistischen Eliten in den 1920er Jahren, und Prof. Helmuth Kiesel beschrieb die Parallelen des Werks zu religiösen und totalitären Strukturen. Unter dem Titel „Ist der Osten anders?“ sind diese Gespräche im Verlag Theater der Zeit als Band 143 in der Reihe „Recherchen“ dokumentiert.

Expertengespräche zu „Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen“

in der Spielzeit 2015/16
Im Zusammenhang mit dem Doppelprojekt „Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen“ (Aischylos / Jelinek) wurden auf Einladung des Schauspiel Leipzig erstmals spezielle Inhalte und Fragestellungen der Thematiken beider Stücke vertieft. Elf Gespräche in der Moderation von Dr. Jens Bisky von der „Süddeutschen Zeitung“ diskutierten im Anschluss an die Vorstellungen mit Gästen aus Wissenschaft, Kirche und Stadtgesellschaft. Alle Gespräche im Überblick und weitere Informationen hier.
Unter dem Titel „Du weißt ja nicht, was die Zukunft bringt“ sind diese Gespräche im Verlag Theater der Zeit als Band 124 in der Reihe „Recherchen“ dokumentiert.
„Das Buch „Du weißt ja nicht, was die Zukunft bringt“ versammelt Ansätze darüber, wie man über Flucht sprechen kann – ungewöhnlich und unaufgeregt.“
taz