Auftragswerk des Schauspiel Leipzig

DIE KUNST DER WUNDE (UA)

Was ist hier aus dem Lot geraten? Warum schauen mich die Leute in der Bahn auf meinem Weg zur Arbeit so schief von der Seite an? Was ist geschehen, seitdem die Welt zum global village wurde und sich schleichend das Gefühl in mir breitmachte, ich könnte den Anschluss verlieren, dann meinen Job samt meinen Freunden, samt sozialem Ruf? Ein diffuser, nicht ganz fassbarer Grauschleier der Angst und Paranoia entsteht aus einem Gespräch von Stimmen: Gehe ich jetzt mit meiner Selbstoptimierung und Erschöpfung einkaufen oder google ich lieber gleich die nächste ärztliche Konsultationsstelle? „Ich bin ein Gewaltakt wie ich über die Straße gehe, JEDER kann es sehen.“
Schlaglichter auf Diskursfronten und Ängste einer Gesellschaft: Darin stehen Stimmen von Queer-Feministinnen denen von weißen Männern gegenüber, Alt gegenüber Jung, Journalistinnen auf Opfersuche einem Ärzteteam, das sich um ein krankes „Staats-Baby“ kümmern möchte. Alle wollen gehört, gesehen, geliebt und verstanden werden, jeder versucht auf der richtigen Seite zu stehen. Viele Ichs geistern durch einen vielfach gebrochenen Gesellschaftszustand, suchen ihren Sinn, ihre Realitäten, ihr Zuhause, ihre Fronten, rangeln darum, stattfinden zu dürfen. Am Ende fragen sie sich, wer in ihrer Zusammenkunft eigentlich die Regeln gemacht hat. Wer führt den Diskurs? Welche Normen formen uns in unserem alltäglichen Zusammensein, wer hat die Deutungshoheit über die Normen? Wer bestimmt sie und wann werden sie problematisch?
Die Schweizer Autorin Katja Brunner schreibt ihr neues Stück „DIE KUNST DER WUNDE“ für das Schauspiel Leipzig. Sie erschreibt sich gesellschaftspolitische Themen mit einer eigenwillig komischen wie verdichteten Sprache. Ihre Text-Anamnese ertastet die wunden Stellen und Repräsentationen einer diversen Gesellschaft, bohrt tief mit drängenden Fragen, um die Krankengeschichte eines aus den Fugen geratenen Staates aufzunehmen, der um unsere Fürsorge bittet. Ein Gesellschaftskaleidoskop tut sich auf. Bedeutungen verschieben sich und werfen ein Licht auf teilweise schmerzliche Fragen und Facetten unserer Gegenwart, die dringend einer Untersuchung unterzogen werden müssten. Katja Brunner lässt ein Stimmengewirr auftreten, das menschliche Abgründe aufreißt, und schafft es, darin stets sowohl das Komische als auch das Absurde ausfindig zu machen.

Katja Brunner, geboren 1991 in Zürich, studierte u. a. Szenisches Schreiben an der UdK Berlin. 2013 gewann sie den Mülheimer Dramatikerpreis und wurde in der Kritikerumfrage von Theater heute zur besten Nachwuchsautorin gewählt. In ihren Stücken behandelt sie Themen an den Grenzen des menschlichen Zusammenlebens, ob sie sich mit Menschen im Alter, Kindesmissbrauch oder dem Mythos Schweiz beschäftigt. 2017 hatte ihr Stück „geister sind auch nur menschen“ seine Deutsche Erstaufführung in der Diskothek des Schauspiel Leipzig.

Bereits in der vergangenen Spielzeit inszenierte die Regisseurin Katrin Plötner erfolgreich eine Uraufführung in der Diskothek: „Frau Ada denkt Unerhörtes“ von Martina Clavadetscher, das zum Heidelberger Stückemarkt sowie den Autorentheatertagen 2020 am Deutschen Theater Berlin eingeladen wurde.
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Premiere am 09. Januar 2021

Nächste Termine

https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Sa, 09.01. 20:00
Premiere
Diskothek

Team

Autorin: Katja Brunner
Bühne: Anna Brandstätter
Kostüme: Johanna Hlawica
Musik: Constantin John
Dramaturgie: Benjamin Große