White Passing (UA)

von Sarah Kilter
// Gewinner des Stückewettbewerbs der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin 2021

Eine teure Handtasche ist ein Statussymbol. Man beweist einen bestimmten Geschmack, ein entsprechendes Milieu und dass man es sich leisten kann. Logisch, so jemand ist materialistisch und sicher nicht links. Hat man allerdings ein kostspieliges Tattoo, sagen wir, für mehr als 500 €, kratzt das landläufig nicht am Image einer antikapitalistischen Gesinnung — solange das Motiv stimmt. Ihmchen empfindet das als scheinheilig. Wie auch so vieles andere, das sie ihrer deutschen Heimat attestiert. Selbst im engen Freundeskreis und erst recht vor der eigenen Charlottenburger Haustür lauern die blinden Flecken, die niemand sehen will. Gerade nicht diejenigen, die sich als besonders reflektiert verstehen.
Wieso Ihmchen dafür einen geschärften Blick hat? Sie steht eben nur mit einem Bein in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Mit dem anderen steht sie auf der Badstraße im Wedding, wo sie zeitweise beim algerischen Vater aufgewachsen ist. Dieser Teil von ihr ist gewissermaßen undercover, denn irgendwie „sieht man das nicht bei ihr“, das Migrantische. Sonst hätte man doch ganz anders Verständnis gehabt, hätte das mit einbezogen und Rücksicht genommen! Doch darum bittet die Erzählerin nicht. Auch richtigstellen will sie nichts. Aber einen Perspektivwechsel bietet sie an. Und eine erweckende Nacht im (anders) geteilten Berlin.
Mit „White Passing“ zeigt die Autorin Sarah Kilter ein feines Gespür für die Ambivalenzen und Widersprüche unserer Gesellschaft. Formstark weiß sie diese über die verschiedenen Ebenen des Textes auszuspielen und macht in ihrer Abrechnung selbst vor der eigenen Person nicht halt: mit dem Verschnitt von AutorIn und Werk. Wäre sie in diesem Umgang nicht so unprätentiös humorvoll, es könnte einem das Lachen im Halse stecken bleiben.

„White Passing“ von Sarah Kilter ist eines von drei Gewinnerstücken der Autorentheatertage 2021 des Deutschen Theaters Berlin. Die Jury, bestehend aus Dramatiker Lukas Bärfuss, Schauspielerin Fritzi Haberlandt sowie Musiker und Regisseur Schorsch Kamerun, hat sie unter 212 Einsendungen ausgewählt. Zusammen werden die Texte in einer Langen Nacht der Autor_innen in Berlin zur Uraufführung gebracht. Als Partnertheater realisiert das Schauspiel Leipzig die Inszenierung von „White Passing“. Die Regie übernimmt Thirza Bruncken, die nach „Drei sind wir“ und „Lebendfallen“ zum dritten Mal die Diskothek-Bühne bespielt.

Sarah Kilter wurde 1994 in Berlin geboren. Sie studierte von 2016 bis 2020 Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Ihre Stücke liefen in Werkstattinszenierungen am Hans Otto Theater in Potsdam, am bat-Studiotheater sowie in der Box des Deutschen Theaters Berlin. Ihr erstes Hörspiel „Mädchen-Liegestütze“ wurde 2019 im Deutschlandfunk Kultur urgesendet.
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Premiere am 04. September 2021

Team

Inszenierung: Thirza Bruncken
Bühne und Kostüme: Christoph Ernst
Dramaturgie: Marleen Ilg
Bühnenmeister: Konrad Ruda
Licht: Thomas Kalz
Theaterpädagische Betreuung: Babette Büchele