Schäfchen im Trockenen

nach dem Roman von Anke Stelling
In Berlin plötzlich den Jackpot zu verlieren, auch bekannt als günstiger Mietvertrag einer Altbauwohnung in einem der Szeneviertel, ist keine besondere Geschichte. Diese Kündigung einem guten Freund zu verdanken allerdings schon. Resi, ihrem Mann und den vier Kindern steht deshalb bald ein Umzug bevor. Ihr Einkommen als Freischaffende ist den aktuellen Mietpreisen im Prenzlauer Berg nicht gewachsen und die Familie sieht sich bereits in den Platten von Marzahn.
„Selber schuld, Katapult“, denn sie hätten sich auch im Hausprojekt „K 23“ beteiligen und eine Wohnung an der Seite Resis ältester Freunde beziehen können. Das war allerdings vor dem Artikel. In besagtem Essay für eine überregionale Zeitung setzt sich die vierfache Mutter selbstironisch mit der Kluft im eigenen Freundeskreis auseinander. Die einen haben den begehbaren Kleiderschrank in einem Eigenheim, die anderen nicht.
Weil man über so was aber nicht redet, erntet sie Ablehnung und die Kündigung des Mietvertrags. Während ihr von der selbstgewählten Freundesfamilie vorgeworfen wird, sich fälschlich zum Opfer zu stilisieren, heißt es für die verstoßene Schriftstellerin nun „Alles muss raus“ — eine Portion Selbstmitleid inklusive. Denn dass heute diejenigen den begehbaren Kleiderschrank haben, die auch auf Holzestrich in der Küche groß geworden sind, ist für sie kein Zufall. Das ist der eigentliche Skandal. Ihre Eltern hatten ein Sechziger-Jahre-West-PVC gehabt. Resi fühlt sich betrogen, von ihrer Mutter und dem guten Zureden, dass alle gleich sind und alles möglich. Deshalb will sie das geschickt Kaschierte offenlegen, ihre Kinder schonungslos aufklären und so für etwas Beigeschmack sorgen zum Crémant vor der mild beigen Hausprojektfassade.

Mit „Schäfchen im Trockenen“ gewinnt die Autorin Anke Stelling 2019 den Preis der Leipziger Buchmesse. Es „ist ein scharfkantiger, harscher Roman, der wehtun will und wehtun muss, der protestiert gegen den beständigen Versuch des besänftigt Werdens und dadurch den Kopf frei macht zum hoffentlich klareren Denken“, lautet die Begründung der Jury. Es klingt wie eine Aufforderung, hinzugucken, an alle diejenigen, die wie die Freunde der Protagonistin die Unterschiede nicht sehen wollen. Die Erzählung der gleichen Chance für alle bekommt mit Resis Geschichte Konkurrenz. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Die Bearbeitung dieses Romans für die Bühne des Schauspiel Leipzig übernimmt die Regisseurin Thirza Bruncken. Im Anschluss an Festengagements am Stadttheater Koblenz und am Düsseldorfer Schauspielhaus führten sie ihre Inszenierungen u. a. ans Schauspiel Köln, Hamburger Schauspielhaus, Volkstheater Wien, Schauspiel Frankfurt, Theater Dortmund, Nationaltheater Weimar, an die Münchner Kammerspiele und das Residenztheater München. Ihre Inszenierung „Stecken, Stab und Stangl“ von Elfriede Jelinek am Deutschen Schauspielhaus Hamburg wurde 1999 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Nach den Uraufführungen „Lebendfallen“ von Enis Maci und „Drei sind wir“ von Wolfram Höll setzt Bruncken mit „Schäfchen im Trockenen“ ihre formstarke Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Texten in Leipzig fort.
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Premiere am 13. März 2021

Nächste Termine

https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Sa, 13.03.
Premiere
Hinterbühne

Team

Bühne & Kostüme: Christoph Ernst
Dramaturgie: Marleen Ilg