Residenz-Themenschwerpunkt 2: Breaking the Spell

Feministische Performance und Praktiken des Zusammen-Seins
Der Themenschwerpunkt „Breaking the Spell. Feministische Performance und Praktiken des Zusammen-Seins“ entwickelt, präsentiert und reflektiert mit einem internationalen Team von KünstlerInnen neue feministische Sprachen sowie politische Perspektiven auf Theater und Performance.

Ausgangspunkt ist eine Beobachtung der aktuellen Programme: Performance-Künstlerinnen wie Kate McIntosh oder das Berliner Kollektiv She She Pop und Produktionen, die noch zur Premiere ausstehen, wie „Forces of Nature“ von Ivana Müller oder „The Juliet Duet“ von Halla Ólafsdóttir und Erna Ómarsdóttir, befragen mit feministischem Bewusstsein das Wesen unseres Zusammenlebens und versuchen, polarisierende Trennungen zu überwinden, um alternative Gemeinschaften zu imaginieren. Gleichzeitig suchten sie in der Wahl der künstlerischen Mittel nach neuen Formen politischer Verständigung. Diesen Ansätzen möchten wir mit „Breaking the Spell“ mehr Raum geben und sie in dieser Spielzeit inhaltlich vertiefen. Der Begriff des Feminismus ist dabei nicht unbedingt (nur) als ein Thema zu verstehen, sondern als eine Logik, als Arbeitsstruktur.

Wir laden KünstlerInnen und TheoretikerInnen ein, die Visionen eines kreativen Feminismus mit der Körperlichkeit von Performance und der Zusammenkunft mit dem Publikum zu verbinden. Sie praktizieren die Ökologie menschlicher Beziehungen, wertschätzen diese als produktive Arbeit. Sie reagieren auf dringende Herausforderungen heutiger Gesellschaften, indem sie politische Strategien auf der Grundlage von Empathie und gegenseitiger Achtsamkeit aufbauen. Gleichzeitig reflektieren sie einen neuen Materialismus, indem Aufmerksamkeit und Sinne auf die Wahrnehmung menschlicher und nicht-menschlicher Umgebungen (darunter Pflanzen, Tiere, Landschaften) gelenkt werden, um von ihnen zu lernen. Diese künstlerischen Ansätze basieren auf einer vorbehaltlosen Neugier auf den Anderen und das Andere. Eine Neugier, die nach Begegnung strebt und nicht nach Aneignung. Eine Neugier, die die Fähigkeit verlangt, zuzuhören, anstatt Antworten zu liefern.

„Breaking the Spell“ richtet den Fokus auch auf eine Strömung von performativen Experimenten der jüngeren Zeit, die sich in kleinerem Maßstab abspielen, unspektakuläre Zusammenkünfte, die aber von Dauer sind und hartnäckig in ihren Folgen. Es geht um künstlerische Praktiken, die in ihren Rhythmen, Beziehungen mit den ZuschauerInnen und ihrem Blick auf die Zeit tiefgehend politisch sind. Sie verweigern sich dem schrillen Wettbewerb um neue und lauthals vorgebrachte Ideen.

Mit dem Themenschwerpunkt kreieren wir ein Veranstaltungsformat, das sich zwischen künstlerischen Residenzen, Bühnenproduktion, Präsentation, Ausstellung, Workshops und Seminaren bewegt. Der Spielort Residenz in der ehemaligen Baumwollspinnerei wird zu einem „Container“, der gleichzeitig physischer Raum und metaphorische Logik ist: Er beherbergt Produktionen, Begegnungen, Diskurs und akkumuliert Wissen. Der Container ist kein materieller Transportbehälter, sondern eine Vorstellung von einem Performanceraum jenseits der tradierten Dichotomie von „Black Box“ und „White Cube“.

Das Projekt wird gemeinsam mit den beiden Warschauer KuratorInnen und DramaturgInnen Marta Keil und Grzegorz Reske entwickelt und geleitet. Ihre Perspektive ist geprägt vom Populismus und der extremen gesellschaftlichen Polarisierung während der vergangenen fünf Jahre in Polen. Zunehmende nationalistische Tendenzen, Fremdenfeindlichkeit, Rückschritte in den Frauenrechten, die Leugnung des Klimawandels und soziale Ungleichheiten sind zweifellos Phänomene, die weltweit zu beobachten sind, wenn auch in unterschiedlicher Intensität und verschiedenen Manifestationen. Die osteuropäische Perspektive kann hier die Innenansicht einer extremen Form von sozialen und politischen Rückschlägen liefern: Grundlegende Rechte von Frauen und der LGBTQ+ Community werden ebenso wie Kultur und Freiheit bedroht und in Frage gestellt. Daher bringen beide KuratorInnen ein starkes Bedürfnis mit, feministische Kunstpraktiken zu stärken und weiterzuentwickeln, die zahlreiche belastbare Alternativen aufzeigen, die es wagen, soziale Beziehungen anders zu denken und zu praktizieren, und in ihrer Arbeit auf den Aufbau sozialer Bindungen und einer Praxis von Zuhören und Empathie setzen.

Marta Keil und Grzegorz Reske treten häufig als kuratorisches Tandem ResKeil in Erscheinung. Ihre Zusammenarbeit begann 2012, als sie die künstlerische Leitung des Festivals Konfrontacje Teatralne in Lublin übernahmen (2013–2017) und es zu einem der wichtigsten internationalen Festivals der darstellenden Künste in Polen machten. Eine ihrer letzten Arbeiten war „Common Ground“ — eine Spielzeit bei Komuna Warszawa (2020 — in Zusammenarbeit mit Tim Etchells).

Seit 2019 leiten sie gemeinsam mit vier KünstlerInnen das Performing Arts Institute (InSzPer) in Warschau, eine unabhängige Organisation mit dem Ziel, die freie Performanceszene in Polen weiterzuentwickeln.
In der Residenz arbeiteten sie 2020 mit Lina Majdalanie und Rabih Mroué an der Produktion „Last but not last“.
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In Zusammenarbeit mit Marta Keil & Grzegorz Reske, Warschau