Auftragswerk des Schauspiel Leipzig

Für meinen Bruder (UA)

von E. L. Karhu
Deutsch von Stefan Moster
Untrennbar scheinen sie verbunden: „Ich“ — sie, die Schwester aus E. L. Karhus neuestem Stück, laut Selbstbefund „hässlich“ und evtl. dick — und „er“, ihr Bruder, „ein schöner Mann, der schöne Frauen liebt“. Eine Paarung der Gegensätze ist das Zusammenleben der beiden, der Bruder für die Schwester ein Türöffner zum Leben, zur Ausschweifung, zum Begehren; sie für ihn ein notwendiger Gegenpol, die Bestätigung seiner Lebensweise, diffuse und doch starke Anziehung. Wie zwei Himmelskörper in gebundener Rotation umkreisen sich die beiden unaufhörlich.

E. L. Karhu beschreibt in ihrem neuen Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig eine Symbiose zweier entgegengesetzter Figuren. Das System, das die beiden bilden, ist eines von Beobachten und Beobachtetwerden, in dem die Grenzen zwischen den Geschwistern mimetisch verschwimmen — und in das andere Personen willentlich-unwillentlich hineingezogen werden.

Doch was genau ist dieses geschwisterliche Doppelgestirn? Eine dysfunktionale Abhängigkeitsbeziehung? Ein Spiel aus Faszination für Absonderliches? Ein morbides soziologisches Experiment? Karhu schreibt zwischen und jenseits all dieser Kategorien, immer haarscharf am Horror vorbei, am Psychothriller, und meint doch den Schrecken des Alltäglichen, den kleinen Voyeurismus von nebenan, den Ekel, der morgens mit am Frühstückstisch sitzt.

E. L. Karhu gehört zu den erfolgreichsten gegenwärtigen Theaterautorinnen Finnlands. Nach der Deutschsprachigen Erstaufführung von „Prinzessin Hamlet“ und der Uraufführung von „Eriopis“ ist „Für meinen Bruder“ das dritte Stück Karhus, das auf der Bühne der Diskothek zu sehen ist.

Mit „Für meinen Bruder“ stellt sich Elsa-Sophie Jach als Regisseurin dem Leipziger Publikum vor. Sie hat Regie an der Theaterakademie Hamburg und Szenisches Schreiben an der UdK Berlin studiert. 2018 wurde sie für „Das Erdbeben in Chili“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg von der Zeitschrift Theater heute als Nachwuchsregisseurin des Jahres genannt. Gemeinsam mit dem Autor Thomas Köck inszenierte sie 2018 dessen Uraufführung „die zukunft reicht uns nicht (klagt, kinder, klagt!)“, die für den Nestroy 2018 nominiert und zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen war. Ebenfalls gemeinsam mit Thomas Köck inszenierte sie „Dritte Republik“, das 2019 zum Festival Radikal jung eingeladen war. Darüber hinaus hat sie mehrere Uraufführungen von Autorinnen wie z.B. Enis Maci inszeniert.
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Pressestimmen

DLF Fazit
Elsa-Sophie Jach hat die Erzählerfigur aufgespalten in zwei männliche und zwei weibliche Ensemblemitglieder, quasi in eine multiple Erzählerpersönlichkeit. Alle vier sind in sehr phantastische bunte Kostüme gesteckt, in Fabelwesen, die nichts mit dem Realismus, den dieser Text phasenweise auch auszeichnet, zu tun haben. […] Die Dramatik hat etwas von der Berliner Schule – wir kennen das von Filmen oder von einer Dramaturgie, die lange sehr linear immer wieder um ein ganz zentrales Thema kreist – dieser symbiotischen Beziehung zwischen dem sehr schönen Bruder und der hässlichen Schwester – die aber dann zu einem sehr späten Zeitpunkt plötzlich umschlägt, zu einem Wendepunkt, und man merkt, diese hässliche Schwester entwickelt dann doch ihr eigenes Leben.
Kunst und Technik
Das [parlieren] tun die vier Schwestern Amal Keller, Teresa Schergaut, Thomas Braungart und Patrick Isermeyer akustisch brillant. Die Bühne hat Marlene Lockemann sehr peppig gestaltet: Aus löchrigen Zähnen schlängelt sich eine Zunge zum Keks aus der Prinzenrolle. Dessen oberer Teig hebt und senkt sich, und die Schokofüllung wird als Drehscheibe genutzt. Gleichermaßen passend sind die grellen Kostüme von Aleksandra Pavlović, deren schreienden Farben knallbunte Plasteteilchen anhaften. Das hat was.
LVZ
„Für meinen Bruder“ der finnischen Autorin E.L. Karhu, ein Auftragswerk des Schauspiels Leipzig, wurde am Samstag in der Diskothek uraufgeführt, begeistert aufgenommen vom Publikum. Regisseurin Elsa-Sophie Jach lässt den Monolog der namenlosen Schwester von vier Personen sprechen (Deutsch von Stefan Moster). Zwei Frauen, zwei Männer teilen sich rein in den eigentlich beklemmenden Bericht von Ausnahmezuständen in gesellschaftlicher Isolation. In den starken Momenten vervielfacht die Choreografie der Stimmen Angst und Bedrohung. […] Überlebensmittel sind Süßigkeiten aller Art. Das greift das Bühnenbild (Marlene Lockemann) auf, das von einer Zunge dominiert wird, die an eine Fruchtschlange erinnert und als Rutsche zu einer Art Doppelkeks führt. Auf der es hinabgeht, aber auch hinauf. Und von der in Streifen ein Vorhang hängt, den Amal Keller, Teresa Schergaut, Thomas Braungardt und Patrick Isermeyer ins Verhüllspiel einbeziehen. Immer bleibt die Viererbande in Bewegung, krabbelt, rennt und tanzt sich die Seele in den Leib. Sie halten das Unbedarfte und das Gespenstische zusammen.
Premiere am 16. April 2022
Diskothek

Nächste Termine

https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Die Vorstellung muss leider entfallen.
Mo, 06.06. 20:00 — 21:50
Diskothek
https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Sa, 25.06. 20:00 — 21:50
Diskothek

Spieldauer

ca. 1:50, keine Pause

Team

Autorin: E. L. Karhu
Musik: Max Kühn
Dramaturgie: Georg Mellert
Licht: Thomas Kalz
Theaterpädagogische Betreuung: Amelie Gohla