Residenz-Themenschwerpunkt 1: Humus im Treibhaus der Daten

Veranstaltungen

Auflösung // doublelucky productions (Berlin) / Artists in Residence
(Performance & Installation)
25. + 26.11., 10.–12.12., 20:00, Residenz

Anna Schimkat & Hauptmeier | Recker (Leipzig)
(Konzert-Performance)
27.11., 20:00, Residenz

Betriebsrat der Lebewesen // Club Real (Berlin/Wien)
(Lecture Performance, Empfang, Diskussion)
03. + 04.12., 20:00, Residenz

Datenbilder // HGB Leipzig
(Performative Installationen und Gespräche)
08.12., 20:00, Residenz (mit Caro Eibl, Jonas Rossmeisl, Yannick Harter und Prof. Clemens von Wedemeyer)
09.12., 20:00, Residenz (mit Alicia Franzke, Fabian Hampel, Jonas Rossmeisl und Prof. Joachim Blank)

Walking & Falling oder 1 + 1 = 1 // Stefanie Wenner (Dresden/Berlin)
(Lecture Performance)
15.12., 20:00, Residenz
Seit dem Beginn ihrer Zusammenarbeit 2004 beschäftigt sich das Performancekollektiv doublelucky productions mit neuen Technologien, insbesondere dem Potenzial und den Folgen der Digitalisierung. In „Dead Cat Bounce“ (2005), einer Performance über Online-Trading, handelten sie auf der Bühne live Aktien an der Wall Street, in „Anonymous P.“ (2014), einer theatralen Installation zum Thema Privatsphäre, hackten sie die Handys des Publikums. In der Residenz produzierten sie 2018 „The Hairs Of Your Head Are Numbered“, ein Stück über Körper im digitalen Zeitalter, das sie am live gemessenen Puls der ZuschauerInnen ausrichteten. Ihre Produktionen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht nur über digitale Technologien sprechen, sondern diese konkret nutzen. Ihr Interesse zielt nie auf die Technik selbst ab, sondern stets auf die Frage, wie wir mit Technologien unser Zusammenleben gestalten.

Auch in der neuen Kooperation der Residenz mit doublelucky productions wird das Thema Digitalisierung nicht im virtuellen Raum verhandelt, sondern im Bühnenraum. Es geht darum, das Unsichtbare digitaler Infrastrukturen sichtbar und erfahrbar zu machen. Das Theater ist ein Erfahrungsraum, zudem ein kollektiver, in dem die Strukturierung unserer Lebenswelt gemeinsam reflektiert und imaginiert werden kann. Das kann gelingen, weil das Theater ein geschützter Ort ist — anders als das Internet.

Die Erfahrungen der vergangenen Spielzeit zeigten hinlänglich, dass sich eine Theatererfahrung nicht einfach ins Digitale übertragen lässt. Mit dem „Treibhaus der Daten“ bauen doublelucky productions in der Residenz einen hybriden Raum, der Distanz zum Digitalen erlaubt, damit kritische Beobachtung möglich bleibt; einen Raum, der — im schlimmsten Fall trotz physisch getrennter ZuschauerInnen — eine temporäre Gemeinschaft herstellt, die über ihr Handeln auch in der physischen Welt reflektiert. Dieser Raum wird im Herbst 2021 sowohl von der Gruppe selbst als auch von verschiedenen Gästen bespielt.

Dieses algorithmische Treibhaus ist eine Installation, die mit dem Publikum wächst und Daten wuchern lässt. Ein alternatives Ökosystem der friedlichen Koexistenz von menschlichen und nichtmenschlichen Entitäten. Im algorithmischen Treibhaus werden Daten nicht ausgelesen, sondern ausgesät. Sie werden sich befruchten, teilen, blühen, morphen und am Ende zu Humus zerfallen für eine neue, ungesehene Blütenpracht.

Alle Anwesenden tragen im „Treibhaus der Daten“ zum Wildwuchs bei. BesucherInnen spenden beim Betreten des Raums zwei oder drei Daten von ihren Smartphones — ein Foto, eine E-Mail, ein Lieblingslied, vielleicht den Zuckerspiegel auf der Gesundheits-App. Diese Daten werden der Sorge und Pflege der Gemeinschaft überlassen. Sie gehen auf eine anonyme Reise durch Raspberry Pies, Apples und Bildschirme, werden extrapoliert, gekreuzt, nach neuen Kategorien geordnet. Es entsteht ein Porträt der Gemeinschaft als mobile Datenträger, aber auch ein Bild der Möglichkeiten der digitalen Gemeinschaft. Geladene Gäste werden zu diesem Thema wild wuchernd philosophieren, phantasieren oder musizieren.

Das algorithmische Treibhaus ist zugleich Bühnen-Setting für die neue installative Performance von doublelucky productions, die in der Residenz zur Premiere kommt und sich mit dem Themenfeld Auflösung und Resonanz beschäftigt.

Auflösung war eine der zentralen Erfahrungen des Jahres 2020. In Auflösung ist die Welt, wie wir sie kennen: das gesellschaftliche Leben, der Handel, das Bildungswesen, Beziehungsgeflechte, die künstlerische Praxis, Tourismus, Solidarität und Freiheit. Vielleicht muss man sagen: die Welt, wie wir sie benutzen. In Auflösung ist aber auch die Welt, wie sie seit Jahrtausenden existiert, in einem fragilen Gleichgewicht mit Schwankungen und Mutationen. In Auflösung sind Solidarität und Demokratie. In Auflösung ist unser Konzept von Wahrheit. In Auflösung ist die Vorstellung vom Individuum.

Der Mensch ist nicht „unteilbar“, sondern setzt sich aus vielen Teilen, Materialien und Lebewesen zusammen. Etwa zwei Kilo Mikroben leben in jedem von uns, das Virenerbgut im menschlichen Genom liegt bei 8 %. Wir leben mit Mikroben, Mineralien, Gasen, Tieren und anderen Menschen in permanentem Austausch und lebensnotwendigen Verbünden. Das erfolgreichste System der Evolution ist nicht the survival of the fittest, es ist die Symbiose.

Wenn nicht die Stärksten, nicht einzelne HeldInnen, sondern Symbiosen und Gefüge von Lebewesen und Materien das erfolgreichste Überlebensmodell bilden, können wir froh sein, dass unser Weltbild, das auf dem Modell vom survival of the fittest beruht, und als solches von der Biologie spätestens im 20. Jahrhundert in die Politik gewandert war, in Auflösung ist.

Wir lösen uns auf und treten in Resonanz mit allem, was uns umgibt, was in uns ist. Wir umgeben die Umgebung. Als atmende Wesen kreieren wir Atmosphäre. Wir bilden systemische Kollektive. Wir kreieren einen Raum, der die aktuelle Auflösungserfahrung verstärkt wahrnehmbar macht — jedoch nicht als Weltuntergangsszenario, sondern als eine mögliche Alternative. Wir sprengen den Panzer, machen uns sensibel, erweitern unser Weltbild um die Anerkennung der Handlungsmacht nicht-menschlicher, lebendiger Materie. Pflanzen, Viren, Mikroben, Holz, Klang, Information und Datenströme: Willkommen im neuen Ökosystem.

Seit 2004 entwickelt die Gruppe doublelucky productions um Chris Kondek und Christiane Kühl in kontinuierlicher Zusammenarbeit mit dem Musiker Hannes Strobl und in temporären Kollaborationen mit KünstlerInnen anderer Sparten Performances und Installationen, die national und international touren. Auszeichnungen erhielten sie u. a. vom Goethe-Institut und 3sat/ZDFtheaterkanal.

doublelucky productions interessieren sich für die unsichtbaren Infrastrukturen, die unsere gesellschaftliche, ökonomische und private Lebenswelt bestimmen: von High Frequency Trading über Social Profiling zu Affective Computing. Im Bühnenraum schaffen sie Situationen, die diese digitalen Architekturen sicht- und erfahrbar machen. Aktuell liegt ihr Fokus auf der Erforschung von Verbindungen zu organischen Netzwerken und der Möglichkeit weit gefasster Interspezies-Kommunikation.

www.doubleluckyproductions.org
Der Datengarten ist bereits bestellt. Hier geht’s zum Säen und Ernten.


mehr anzeigen
In Zusammenarbeit mit doublelucky productions, Berlin