PAY ATTENTION!

Eine urbane Langzeitbespielung
Wer zu Beginn des Jahres im Leipziger Zentrum war, konnte eine zumeist leere Stadt erleben. Sehr viele der Einrichtungen, die eine Innenstadt zur Innenstadt machen und ihre Strukturen bestimmen, hatten coronabedingt komplett oder weitgehend geschlossen: Läden, Cafés, Kultur, Gastronomie, Unterhaltung, Freizeit. Die Struktur der Stadt, das Gefühl der Gesellschaft sind durch Corona unterbrochen worden. Unter der Pandemie-Situation hat sich der öffentliche Raum verändert, und ‚Öffentlichkeit‘ auch.
Gleichzeitig hat die Bedeutung der digitalen Transformation weiter zugenommen: Ihre Möglichkeiten eröffneten unter Corona viele Handlungsräume, die das öffentliche Leben aufrechterhalten haben: Schule und Studium, Arbeit, Einkaufen und auch nicht wenige Kulturangebote der Städte wurden mehr oder weniger notgedrungen ins Internet verlegt.
Die digitale Transformation aber beeinflusst nicht erst seit Corona-Zeiten unser Leben in allen Einzelheiten, und sie hat erhebliche Auswirkungen auf den öffentlichen Raum. Seit sich die Idee des Universalkaufhauses ins Internet verlegt hat, sind die Kaufhausketten der Innenstädte in der Dauerkrise. Die Corona-Pandemie ist dabei das Öl im Feuer der Konkursmasse.
Die Digitalisierung wie auch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie strukturieren den öffentlichen Raum neu. Wie geht es weiter mit dem urbanen Leben? Mit dem Zusammenleben, dem Leben in der Innenstadt? Was macht eine Innenstadt zum Stadtzentrum? Welche Strukturen werden zukünftig ‚Öffentlichkeit‘ bestimmen? Welche Leerstellen entstehen und welche Formen von Begegnung sind zukünftig in einer durchgeimpften Stadtgesellschaft vorstellbar, mit und ohne digitale Endgeräte?
Anstatt Theater in der Ortlosigkeit des Internets zu zeigen, stellen wir uns dem sich gerade vollziehenden Strukturwandel der Öffentlichkeit. Wir positionieren uns konkret in der Stadt und erklären Leipzig zur neuen Spielstätte: Pay Attention! Es geht um eine Aufmerksamkeit für den Wandel in unserem Stadtraum.
Wir alle werden unsere Stadt neu entdecken müssen. Wir als Stadttheater wollen, nicht zuletzt entsprechend diesem Begriff, unsere Stadt neu entdecken. Wir wollen der Stadt begegnen – und wir wollen uns darin neu begegnen. Leipzig hat viele Häutungen durch. Von denen wollen wir erzählen. Und die jüngste, aktuelle, von der nicht ganz klar ist, wie sie verläuft, wie sie sich entwickelt, was in ihr passieren wird – der wollen wir ins Angesicht schauen.
Wir wollen Orte aufsuchen, die sich verändert haben. Vor Längerem oder erst vor Kurzem. Orte des Lebens, Orte des Zusammenlebens, die es jetzt vielleicht nicht mehr sind, aber es lange waren, wollen wir wieder zu Orten der Begegnung machen, und zu Orten der Diskussion. Unsere vierte Bühne wird die Stadt.