Ein Berg, viele (UA)

von Magdalena Schrefel
//Gewinnerstück des Kleist-Förderpreises für junge Dramatikerinnen und Dramatiker 2020

Pearl ist eine junge, ambitionierte Dokumentarfilmerin. Für ihren aktuellen Film arbeitet sie an zwei Handlungssträngen. Der eine spielt im England des 18. Jahrhunderts. Dort ist ein Geograph der Verzweiflung nahe. Der Flussverlauf kann so nicht stimmen. Aufzeichnungen und Maßangaben türmen sich im Arbeitszimmer, jedes kleine Detail soll seinen Weg in die anwachsende Landkarte finden. Um sich die Biegung des Niger auf dem afrikanischen Kontinent zu erklären, nimmt er gedanklich ein natürliches Hindernis an. Vom alten Europa aus setzt er in seine Karte ein fiktives Gebirge namens „Kong“ und füllt damit ihren letzten weißen Fleck. Das ferne Land ist nun vermessen. Mit der Karte ist ein Bild entworfen und ein wissenschaftliches Instrument zum Reisen. Schnell wächst der Ruhm des Geographen. Aber keine Reise kann von den Kong-Bergen berichten. Doch die europäische Autorität behauptet sich weiter, wo vor Ort längst keine Zweifel mehr bestehen.

Parallel dazu macht sich Pearl im Heute auf an die Ränder Europas. An der Schwelle eines informellen Staates „Berg Kong“ trifft sie auf einen jungen Mann — er nennt sich Ismael. Der Grenzwächter verwehrt ihr zwar den Zutritt, wird für sie aber zur zentralen Begegnung ihrer Recherche. In seiner Geschichte findet Pearl den Plot ihrer Reportage. Seine Schicksalsschläge sind das Futter ihres Filmmaterials.

Im Gegenüber beider Erzählstränge, zwischen Afrika und Europa, wird eine über Jahrhunderte fortlaufende, (post-)koloniale Wirkweise erkennbar. Die Geschichte dieser Dynamik wird bis heute vor allem aus einem Blickwinkel erzählt: Pearls Film bildet da keine Ausnahme — allem aufklärerischen Anspruch zum Trotz. Vielmehr entblößt sich in den Momenten der Aufnahme, wie eine Sensationslogik unsere Bilder der Welt ausliest. Zielsicher konstruiert Pearl, was sie zu erzählen wünscht und was sie vorzufinden meint. Was sie zu recherchieren vorgibt, hat sie eigentlich schon im Gepäck: ihr Bild von der anderen Seite des Tellerrands.



Für „Ein Berg, viele“ erhält Magdalena Schrefel den Kleist-Förderpreis für junge Dramatikerinnen und Dramatiker 2020. Bereits zum 25. Mal vergeben die Stadt Frankfurt (Oder), die Dramaturgische Gesellschaft und das Kleist Forum Frankfurt (Oder) den mit einer Uraufführung verbundenen Nachwuchsförderpreis. Der in Wien geborenen Autorin „gelingt es mit ihrer szenischen Setzung“, so die Jury, „die Konstruktion von Grenzen aufzuzeigen, ob geografisch, politisch oder ideologisch. Sie hinterfragt ihren Nutzen und Urheberschaften und beschreibt, wie Scheinwelten und -autoritäten erschaffen werden. Dafür überlagert Magdalena Schrefel zeitgenössische, historische und fiktive Referenzen. Gleichzeitig erstreckt sich entlang ihrer vielfältigen Sprachfarben auch das Potenzial von gemeinsamen Linien, um Welt zu beschreiben und Utopien zu formulieren.“

Mit dem Leipziger Debüt von Magdalena Schrefel stellt sich auch die Regisseurin Pia Richter dem Publikum am Schauspiel vor. Neben Einladungen ihrer Arbeiten zur „Young Actors Week“ in Salzburg, zum „Your Chance“-Festival in Moskau, zum „Körber Studio Junge Regie“ in Hamburg und zum „Summer UP“ am Theater Heidelberg inszenierte sie außerdem am Landestheater Schwaben, Landestheater Tübingen, Theater Regensburg und Theater Koblenz.
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Pressestimmen

Deutsche Bühne online
„Kann man die Welt erforschen, ohne sie zu erobern? Und was zeigt eine Karte, die aus dieser Erforschung entsteht – wirklich die Welt oder (nur) die subjektive Sicht darauf? Große Fragen, die die junge Autorin Magdalena Schrefel in ihrem Stück ‚Ein Berg, viele‘ stellt und klug, aber undogmatisch beantwortet.“
nachtkritik
„In der Uraufführung von Regisseurin Pia Richter spielen die Schauspielerinnen und Schauspieler Paulina Bittner, Thomas Braungardt, Anne Cathrin Buhtz und Patrick Isermeyer alle Rollen abwechselnd. Jeder ist mal jede. Mal Filmerin, mal Gefilmter. […] Mal Europäer, mal Afrikaner. Mal Kind, mal Erwachsener. Eine gelungene inszenierte Metapher für den Zufall der Geburt. In schnellen Wechseln überzeugen die Schauspieler in diesen Charakteren, in die sich die Zuschauer trotz der permanent wechselnden Rollenverteilung immer wieder neu reindenken können.“
Premiere am 26. September 2020

Nächste Termine

https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Do, 01.10.
Schauspiel unterwegs, Eröffnung der Kleist-Festtage 2020
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Fr, 09.10. 20:00 — 21:30
Diskothek
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Sa, 31.10. 20:00 — 21:30
Diskothek

Spieldauer

ca. 1:30, keine Pause

Team

Bühne & Kostüme: Julia Nussbaumer
Dramaturgie: Marleen Ilg
Licht: Thomas Kalz