Die Rättin

nach dem Roman von Günter Grass
für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Döpke
Was bleibt noch zu sagen, wenn katastrophale Entwicklungen sich miteinander potenzieren und die Welt, wie wir sie kennen, schlechterdings zugrunde geht? Ein namenloser Erzähler umkreist in einer Raumkapsel die verwüstete Erde und wähnt sich im Dialog mit einer Rättin, die vom Untergang der Menschheit und der Vorherrschaft ihrer eigenen Spezies auf dem Planeten zu berichten weiß. Existiert die Rättin nur in seinen Träumen? Sie selbst behauptet das Gegenteil: Er sei derjenige, der nicht mehr existiert, genau wie der gesamte Rest der Menschheit, die sich zuerst ihrer Lebensgrundlagen beraubt und schließlich im „Großen Knall“ selbst vernichtet habe. Doch die Ratten hätten überlebt, wie sie auch schon die Sintflut überlebt hätten, obwohl Noah keines ihrer Paare auf der Arche habe mitnehmen wollen. Auf den Trümmern der Menschheit würden sie nun eine solidarische Zivilisation aufbauen.
Dieser posthumanen Vision zum Trotz entwickelt der Erzähler seine eigenen Geschichten. Er entwirft unter anderem Filmskripte für einen gewissen Oskar Matzerath, der zum Medienzar avanciert ist und bald sechzig wird. So bekommen es in munterer Polyphonie Dornröschen und Rapunzel, der Bundeskanzler, die Kapitänin Damroka, der Kunstfälscher Malskat und 130 gotische Punks miteinander zu tun. Jacob und Wilhelm Grimm sammeln soziale Daten und übernehmen zeitweise die Regierungsgewalt. Nach den Kanzlerkindern Hans und Margarethe wird gefahndet, nachdem sie in den Wald gelaufen sind. Und ein Forschungsschiff, das in See stach, um die Quallendichte als Indikator für das gestörte ökologische Gleichgewicht zu messen, sucht nach der versunkenen Stadt Vineta als Ort weiblicher Utopie.

Zeit seines Lebens meldete sich Günter Grass (1927–2015) immer wieder als politischer Moralist zu Wort. Der Roman „Die Blechtrommel“ begründete 1959 seinen Weltruhm. „Die Rättin“ erschien 1986, wenige Monate vor der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnete das Buch als „ungenießbar“, Fritz Joachim Raddatz sah darin einen „Prosaentwurf von geradezu explosiver Phantasie, eine Unheilprophetie säkularen Ausmaßes“. 1999 wurde Günter Grass der Nobelpreis für Literatur verliehen.

Der Disput zwischen Rättin und Erzähler bildet den Ausgangspunkt für die Inszenierung von Hausregisseurin Claudia Bauer, die auf der Großen Bühne die Spielzeit 2021 / 22 eröffnen wird. Mit Andreas Auerbach und Vanessa Rust werden Bühne und Kostüme von Bauers bewährtem Team entworfen, das am Schauspiel Leipzig zuletzt für „Meister und Margarita“ und „Süßer Vogel Jugend“ (eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2020) zusammengearbeitet hat. Die musikalische Leitung übernimmt mit Hubert Wild ein Künstler, der am Haus ebenfalls kein Unbekannter ist: als Regisseur des David-Bowie-Musicals „Lazarus“, als musikalischer Leiter unter anderem für „Wolken.Heim“ oder auch als Sänger im Musiktheaterprojekt „La Bohème. Träume // Leipzig“.
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Premiere am 08. Oktober 2021

Besetzung

Julia Berke, Patrick Isermeyer, Roman Kanonik, Amal Keller, Tilo Krügel, Julia Preuß, Teresa Schergaut, Hubert Wild, Philipp Adrian Djokic, Matthis Heinrich, Leonard Meschter, Ellen Neuser, Ronja Oehler, Ronja Rath, Laura Storz, Paula Vogel, Leonard Wilhelm

Team

Kostüme: Vanessa Rust
Dramaturgie: Matthias Döpke
Bühnenmeister: Patrick Ernst
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Theaterpädagische Betreuung: Amelie Gohla