Undine (UA)

Ein Musiktheaterprojekt von Anna-Sophie Mahler
Undine kommt aus dem Element Wasser und hat die Fähigkeit, verschiedene Gestalten anzunehmen. Im festen Glauben, durch Liebe zu einem Menschen mit ihm und seiner Welt vereint zu werden, verwandelt sie sich in eine Frau und betritt Land. Doch schnell erkennt sie: Zu groß sind die Qualen, die Entbehrungen, zu hoch der Preis, ein Mensch zu sein. Sie sieht, wie grausam und herrisch Menschen mit ihresgleichen und der Natur umgehen können. Der gute Wunsch nach der glücklichen Vereinigung beider Sphären erfüllt sich nicht.
Vom Menschen domestiziert, verraten und zurückgestoßen, geht Undine zurück ins Wasser. Von dort aus rechnet sie ab: Sie lässt Wellen und Fluten gegen die Erde und deren alte Ordnungsprinzipien anrollen. Sie rebelliert gegen ein weit ausgeworfenes Netz aus Projektionen, das ihre Identität als schöne Meerjungfrau einfangen soll, und verweigert, durch einen sehnsuchtsvollen Kuss wiedererweckt zu werden.
In Mythen von Undinen und Meerjungfrauen spiegeln sich die Sehnsüchte des Menschen, mit der Natur in paradiesischem Einklang zu leben. In der europäischen Sagenwelt trägt Undine dabei viele Namen und taucht in unterschiedlichsten Gestalten auf: Als Sirene, Wassergeist, kleine Meernixe, unbändiges Naturkind oder geheimnisvolle Fremde geistert sie durch verschiedene Zeiten. Erzählungen, Opernstoffe und große Orchesterwerke tragen ihren Namen.

Anna-Sophie Mahler beschwört in ihrem Projekt die schöne Undine kein weiteres Mal herauf. Auf der Grenze von Theater und Musiktheater begibt sie sich auf eine Recherchereise in Kanäle, Schleusen und für die Industrie trockengelegte Sümpfe und Auenwälder. Was sie beim Freilegen ihrer Undine findet, ist vielleicht nur noch die Erinnerung an eine Nixe, eine Wiedergängerin, zusammengesetzt aus Versatzstücken zivilisatorischer Überreste und Wassermythen. Diese Undine kann von keinem intakten Ursprung und keiner heilenden Einheit der Natur mehr künden. Musikalisch und theatral inszeniert, begegnet uns eine hybride Wasserfrau, die sich längst nicht mehr den unzähligen stoffgeschichtlichen Zuschreibungen fügen will.
Die hier gefundene Undine kann sich sowohl aus Elektronik als auch aus biologischen Organismen zusammensetzen. Der Mythos erlangt Aktualität, indem Fragen der Gentechnik und Cyborgisierung in seine Inszenierung aufgenommen werden. Wie steht es in unserer durchtechnisierten Umwelt um unser Verhältnis zur Natur? Wie kann ein Zusammenspiel in Zukunft wieder gelingen?

Die Schauspiel- und Opernregisseurin Anna-Sophie Mahler inszeniert nach „Eriopis“ und „La Bohème. Träume // Leipzig“ zum dritten Mal am Schauspiel Leipzig. Ihre Theaterarbeiten zeichnen sich oft durch das Verweben von dokumentarischen Texten und Musik aus. Sie arbeitet sowohl an großen Schauspiel- und Opernhäusern, u. a. am Thalia Theater Hamburg oder der Deutschen Oper Berlin, als auch in der freien Szene mit ihrer Gruppe CapriConnection. Ihre Inszenierung „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen wurde zum Theatertreffen 2016 nach Berlin eingeladen.
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Team

Bühne und Kostüm: Katrin Connan
Musikalische Leitung: Michael Wilhelmi
Dramaturgie: Benjamin Große, Kathrin Veser