Auftragswerk des Schauspiel Leipzig

Vendetta Vendetta (UA)

Thomas Köck
Die Dinge sind ja nicht immer schon gewesen, wie sie jetzt sind. Gesellschaft nicht, Gefühle nicht und die Menschen, gewissermaßen als Schnittstelle dazwischen, auch nicht. Verändert haben sich über die Jahrhunderte aber nicht nur die Gesellschaften und die Gefühle, sondern auch die Art und Weise, sie auszudrücken oder einzuhegen. Dabei gehört der Versuch, der Emotionen über die Musik habhaft zu werden, sie zu befrieden, zu regulieren und zu kultivieren, zu den Ur-Techniken einer Gesellschaft.
In der Oper der Renaissance etwa, dem großen „Kraftwerk der Gefühle“, ist der emotionale Extremzustand, der in Musik gegossen ist, geradezu Normalität, vom Gefühl der ewigen Liebe bis zu unstillbarem Hass und ewiger Rache: vendetta, vendetta!
Was aber war zuerst da, die Sprache oder der Gesang? Und gab es vielleicht eine Zeit, als es diese Unterscheidung so gar nicht gab? Manchen Theorien nach ist das Singen im Chor dem eigentlichen Sprechen vorangegangen: Das Singen in der Gruppe war Teil einer ersten Kommunikation, und es fing an zu verschwinden mit dem Aufkommen der artikulierten Sprache.
Weil es sich mit der Geschichte aber verhält wie mit der Musik, liegt die Wahrheit nicht in der linearen Abfolge von Fakten (Tönen), sondern in der parallelen Bewegung ebendieser: Viele Geschichten, viele Melodien, die nicht ohneeinander erzählt werden können. Eine parallele Geschichte der Polyphonie.

Thomas Köck, der sich in seinen Texten stetig auseinandersetzt mit den Folgen und Spuren des menschlichen Handelns, ökonomisch, ökologisch und global, verfolgt in seinem neuen Text für das Schauspiel Leipzig Kraft und Geschichte der Emotionen. Mit einem Chor aus Menschen, die im Leipzig der Gegenwart leben, befragt er gemeinsam mit dem Musiker Andreas Spechtl die Geschichte von Liebe, Wut, Recht und Rache. Ein Chor gegen die Vereinzelung, aber auch: gegen die Gleichmacherei. Das gemeinsame Singen als „simultane Andersartigkeit“ und doch auch: als Abhängigkeit voneinander.

Thomas Köck zählt zu den führenden Stimmen der Gegenwartsdramatik. Für seine Theatertexte wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Text & Sprache des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2018 und zweimal mit dem Mülheimer Dramatikerpreis: für „paradies spielen (abendland. ein abgesang)“, den dritten Teil seiner Klimatrilogie, 2018 und 2019 für „atlas“, uraufgeführt in der Diskothek des Schauspiel Leipzig. Gemeinsam mit Andreas Spechtl entwickelt er unter dem Label „ghostdance“ hauntologische Readymades. Spechtl ist neben seiner Arbeit als Theatermusiker und verschiedenen Soloprojekten auch Sänger, Gitarrist und Songwriter der Gruppe Ja, Panik. Der Bühnen- und Kostümbildner Martin Miotk arbeitete u. a. am Residenztheater München und an der Deutschen Oper Berlin sowie auch als Regisseur für Theater und Film.
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Team

Musikalische Leitung: Andreas Spechtl
Bühne und Kostüme: Martin Miotk