Auftragswerk des Schauspiel Leipzig

atlas (UA)

von Thomas Köck
und dann am ende immer die geschichte die die zeit in eine ordnung bringt was die zeit von sich aus ja nun einmal nicht hinkriegt eine ordnung die zeit schafft immer unordnung die die geschichte dann am ende aufräumen muss und wer entscheidet dann wessen zeit eigentlich weggeworfen wird wer entscheidet das dann eigentlich welche zeit in welcher geschichte eigentlich
Ein Kind, das es gar nicht hätte geben dürfen, begibt sich im Heimatland seiner Eltern auf die Suche nach der Großmutter, die ihre Tochter schon lange tot glaubt.
Und zwei junge Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben geraten in den Strudel einer nationalen Historie, in dem sich ein Wir formiert, dem sie nicht angehören.

Die Figuren in Thomas Köcks neuem Stück legen Zeugnis ab von ihren Biographien, die unsichtbar an historischen Ereignissen hängen. Die Mutter berichtet, wie sie schwanger wurde, damals, als Vertragsarbeiterin, als die sie in die DDR geholt wurde, mit dem großen Versprechen von Austausch und Bildung und Bruderland, aber eigentlich nichts davon mitbekommen hat, exakt festgelegt war ihr Leben, fünf Quadratmeter pro Person, bis sie allerdings schwanger wurde, was ja gar nicht erlaubt war. Der Vater als Dolmetscher zwischen den Welten, der das Leben genoss, bis die eine Welt kaum noch erinnerbar war und die andere plötzlich auseinanderfiel und sich lange nicht mehr zusammensetzen ließ. Sie erzählen davon, wie sie sich in den übriggebliebenen Zwischenräumen niederließen, einrichteten. Die ferne Großmutter, die auf einer anderen Flucht das Kind verlor und auf einer Insel strandete, die sich für immer in sie einschrieb. Und die Tochter, die das verbindende Glied sein möchte und dann doch in ihrer eigenen, einsamen Zeit hängen bleibt.

Die Familie bildet eine Genealogie von Aus-der-Zeit-Gefallenen, jeder in seinem individuellen Unzeit-Limbus, aus dem heraus sie sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begegnen und aneinander vorbeigehen. Aber sie sprechen sich mit ihren Erzählungen in die Geschichte hinein, in der sie nicht vorgesehen waren, und decken eine Gleichzeitigkeit von Gestern und Heute auf. In den vietnamesischen Migrationsbiographien identifiziert Thomas Köck in diesem Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig eine evidente Aktualität, welche den Geschichten ein überzeitliches Flirren verleiht. Die Fragen bleiben brennend: Wer geht und wer kommt, wer darf ankommen, wie viel wert ist ein Leben, wessen Geschichte wird gehört, wer sind wir und wer sind die anderen?

Nach dem Leipziger Nachspiel von „paradies fluten (verirrte sinfonie)“ ist „atlas“ das zweite Stück von Thomas Köck, das in der Diskothek zur Aufführung kommt. Thomas Köck wurde für seine Theatertexte bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kleist-Förderpreis, dem Dramatikerpreis der österreichischen Theaterallianz, dem Stückepreis des Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreises. 2018 erhielt er den renommierten Mülheimer Dramatikerpreis. Seine Stücke werden u. a. am Burgtheater und am Schauspielhaus Wien, am Nationaltheater Mannheim und am Thalia Theater Hamburg gespielt.

Der Hausregisseur des Schauspiel Leipzig Philipp Preuss inszeniert mit „atlas“ zum ersten Mal in der Diskothek, der Spielstätte für Gegenwartsdramatik.
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Premiere am 27. Januar 2019

Nächste Termine

https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
So, 27.01. 20:00
Premiere, Uraufführung
Diskothek

Team

Bühne & Kostüme: Ramallah Aubrecht
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Carsten Rüger