Auftragswerk des Schauspiel Leipzig

OST (UA)

von Wolfram Höll
Mascha bleibt nicht mehr viel, als zu zählen: Wer außer ihr ist noch da und wer ist schon gegangen? Wie viele Körner gibt eine Sonnenblume noch her, welche davon sind zu essen oder der Erde anzuvertrauen, so dass eines fernen Tages viele daraus wachsen? Wer wird es bis zu diesem Tag schaffen? Das Magenknurren ist außen kaum zu hören, alles Getier samt seinen Geräuschen schon getilgt und selbst die Saiten der Bandura hat Väterchen Stalin geschluckt. Mascha hungert in der Stille in diesem Jahr 1933 in Charkiw.

1941/42: Die „Internationale“ in den Klassenzimmern ist ebenfalls verstummt. Wer abtransportiert wird nach Deutschland, ist OST-Arbeiter. So wie Dussja und wieder Mascha. Sie sind die Fracht in diesen Waggons, welche sie liefern an die Rüstungsfabrik in Coswig/Anhalt. Zumindest zusammen. Das sind sie. Es ist, was bleibt. Dort müssen sie das Schwarze messen, das Gelbe pressen. Ab jetzt von früh bis spät. Nebeneinander. Bis eine mitgenommen wird.

Am Küchentisch in Coswig kommt 1962 die Familie zusammen. Die „Internationale“ wieder in der Luft, jedem Kind eine Bemme auf den Teller. Vom Vater eigenhändig — nein, einhändig, also mit einer nur — geschmiert. Aber wie? Eine Hand fehlt. Und im Jahr 2000 fehlt der zweite Teller. Die Mutter isst nicht mit. Leistet Gesellschaft und Vorschub dem Kind, damit es tüchtig essen kann. Weil es nicht reicht, das Essen, an diesem Tisch, für zwei.

Wolfram Hölls Schreiben zeichnet sich durch präzise Rhythmik und eine feine Konturierung seiner Geschichten aus. In diesem Stil legt er mit „OST“ einen kaleidoskopischen Theatertext vor. Seine Szenen verorten sich zwischen der Ukraine, Polen, der DDR und dem heutigen Osten Deutschlands. Über einen zeitlichen Bogen von 1933 bis ins Jahr 2025 legen die verschiedenen Zeitebenen historische Momentaufnahmen frei, denen — zum Teil biographisches — Archivmaterial zugrunde liegt. Die Poesie der Sprache behauptet sich hier in einem produktiven Kontrast zum brutalen Geschehen, von dem sie erzählt. Im Zentrum steht die Frage, wie sich solche historischen Erfahrungen fortschreiben — nicht nur in politischen Strukturen, sondern in Biographien, Familien und Erinnerungen.

Wolfram Höll ist Autor und Hörspielregisseur. Für das Schauspiel Leipzig ist „OST“ seit 2013 bereits die fünfte Uraufführung eines seiner Texte in der Diskothek. Drei dieser Stücke wurden zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen, wobei Wolfram Höll zwei Mal den Mülheimer Dramatikpreis erhielt.

Für diese Uraufführung zeichnet die Regisseurin Thirza Bruncken verantwortlich, die bereits „Drei sind wir“ (2016) für das Leipziger Publikum umsetzte. Andere Inszenierungen führten sie u. a. an das Schauspiel Köln, Volkstheater Wien, Schauspiel Frankfurt, Theater Dortmund, Nationaltheater Weimar, Düsseldorfer Schauspielhaus, Residenztheater München und an die Münchner Kammerspiele. 2021 war sie mit ihrer Inszenierung von Sarah Kilters „White Passing“ vom Schauspiel Leipzig bei den Autor:innentheatertagen Berlin eingeladen. Mit bereits über 50 Vorstellungen ist dieses Stück fester Teil des Diskothek-Repertoires.
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Premiere am 11. Dezember 2026
Diskothek

Nächste Termine

https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Fr, 11.12. 20:00
Premiere
Diskothek

Team

Regie, Bühne & Kostüme: Thirza Bruncken
Dramaturgie: Marleen Ilg