Auftragswerk des Schauspiel Leipzig

DIE KUNST DER WUNDE (UA)

von Katja Brunner
Was ist hier aus dem Lot geraten? Warum schauen mich die Leute in der Bahn auf meinem Weg zur Arbeit so schief von der Seite an? Was ist geschehen, seitdem die Welt zum global village wurde und sich schleichend das Gefühl in mir breitmachte, ich könnte den Anschluss verlieren, dann meinen Job samt meinen Freunden, samt sozialem Ruf? Ein diffuser, nicht ganz fassbarer Grauschleier der Angst und Paranoia entsteht aus einem Gespräch von Stimmen: Gehe ich jetzt mit meiner Erschöpfung nach Hause zum Internet-Shoppen oder google ich lieber gleich die nächste ärztliche Konsultationsstelle? „Ich bin ein Gewaltakt wie ich über die Straße gehe, JEDER kann es sehen.“
Viele Ichs geistern durch einen vielfach gebrochenen Gesellschaftszustand, suchen ihren Sinn, ihre Realitäten, ihr Zuhause, ihre Fronten, rangeln darum, stattfinden zu dürfen. Sie werfen Schlaglichter auf Diskursfronten und Ängste einer Gesellschaft. Am Ende fragen sie sich, wer in ihrer Zusammenkunft eigentlich die Regeln gemacht hat. Wer führt den Diskurs? Welche Normen formen uns in unserem alltäglichen Zusammensein, wer hat die Deutungshoheit über die Normen? Wer bestimmt sie und wann werden sie problematisch?

Katja Brunner erschreibt sich gesellschaftspolitische Themen mit einer eigenwillig komischen wie verdichteten Sprache. Sie lässt ein Stimmengewirr auftreten, das menschliche Abgründe aufreißt, und schafft es, darin stets sowohl das Komische als auch das Absurde ausfindig zu machen.

Geboren 1991 in Zürich, gewann Katja Brunner 2013 den Mülheimer Dramatikerpreis. Ihr Stück „geister sind auch nur menschen“ war von 2017 bis 2019 als Deutsche Erstaufführung im Repertoire der Diskothek des Schauspiel Leipzig zu sehen.


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Pressestimmen

Die deutsche Bühne
Brunner wirft ein breites Panorama darüber auf, wie wir über Körper sprechen, wie wir über Körper verfügen und vor allem, wie wir Körpern Gewalt antun - das aber nicht immer gleich verurteilen.
DLF Kultur heute
„Brunners Text erweist sich als Sprachkunstwerk. Über Worte mit ähnlichen Sounds verbindet sie unterschiedliche Themen und Ebenen miteinander. Dafür gibt es kaum Figuren oder Handlung. Katrin Plötner lässt Posen sprechen. […] Der Ansatz mit Körperzeichen zu arbeiten ist spannend. […] Allmählich zeichnen sich Typen, fast schon Charaktere ab. […] Zum Schluss gibt es noch eine spannende Steigerung. Entspannt hockt Darstellerin Anne Cathrin Butz in der Bühnenmitte und plappert aus der Position der Privilegierten heraus. Die Mitspieler um sie herum wechseln immer wieder hektisch zwischen den verschiedenen Posen des Abends als würden ihre Körper unwillkürlich auf die Macht des Staates reagieren. Katja Brunner hat mit „Die Kunst der Wunde“ einen starken Text geschrieben, der mit Sprachmacht und Witz die Bandbreite eines eher philosophischen Gedankens vermittelt. Katrin Plötner schafft es die vielfältigen Ebenen klar herauszuarbeiten und verständlich zu machen.“
LVZ
„Buhtz, Grafe, Jalali, Lange und Schmidt werden zu Projektionsflächen gesellschaftlicher Positionen. Mit viel Gefühl für den Sprachrhythmus und manchmal fast clownesken Choreografien in der kaum Halt gebenden Aufblasbühne gelingen schöne Theatermomente. Der aufzählende, abgehackte Gedankenfluss lässt sich als Stilmittel durchaus begründen, wenn man darin die digital perforierte Gegenwart mit ihren Ablenkungen heraushören will.“
nachtkritik
„Nach zweimaliger pandemiebedingter Verschiebung kommt mit mehr als einem Jahr Verspätung, finally, Katja Brunners neues Stück ‚Die Kunst der Wunde‘, ein Auftragswerk des Schauspiels Leipzig in der Regie von Katrin Plötner in der Diskothek zur Uraufführung. Und es ist dieses raumgreifende Bild der Weichzelle, das die Inszenierung von Beginn an dominiert: Ein Raum, der vor (Selbst-)Verletzung schützen soll, wird hier zur Institution, die Wunden überhaupt erst zufügt. Und er bleibt zugleich ein Kunst-Raum für Brunners Textflächen, die sich viel vorgenommen haben. [...] Nichts Geringeres nämlich als die Befragung des ‚Staats‘ und all jener sozialen Körper, die ihn formieren und ihrerseits von ihm in existentieller Weise geprägt werden.“
Premiere am 30. April 2022

Nächste Termine

Spieldauer

ca. 1:20

Team

Autorin: Katja Brunner
Kostüme: Johanna Hlawica
Dramaturgie: Benjamin Große
Licht: Thomas Kalz
Theaterpädagogische Betreuung: Babette Büchele

Trailer