Kasimir und Karoline

von Ödön von Horváth
Du hast in mir drinnen gewohnt und bist aber seit heute ausgezogen aus mir — und jetzt stehe ich da wie das Rohr im Winde und kann mich nirgends anhalten.
Einfach nur auf das Oktoberfest gehen, ein Eis essen und etwas Spaß haben. Das ist der Wunsch von der Karoline. Für den Kasimir aber geht das nicht so einfach, nachdem er gerade gestern erst arbeitslos geworden ist. Und so trennen sich die Wege der beiden. Während die Karoline sich ander­­weitig orientiert — interessierte männliche Begleitung ist reichlich zur Stelle —, versucht der Kasimir, sein Leben zu verdauen. Am Ende des Rummel-Tages, unter dem Gekreische aus Riesenrutsche und Hippodrom, werden sich einige Verhältnisse neu gefügt haben.

„Und die Liebe höret nimmer auf“ hat Horváth, aus der Bibel entnommen, dem Stück als Motto vorangestellt. Ein Motto, das sich für seine Figuren als zu groß erweist. Mit „Kasimir und Karoline“ gelang Horváth ein berührendes Psychogramm über Aufstiegswillen und Abstiegsängste, über die unstillbare Sehnsucht nach Nähe und die Karriere der Kälte.
Die „Stille“, die Horváth immer wieder in die Dialoge seiner Figuren notierte, ist dafür ebenso ein scharfes Brennglas wie die Oktoberfest-Lieder, die „Kasimir und Karoline“ als Kontrast der Fröhlichkeit durchziehen — als letztes Mittel gegen die Stille und die Kälte.

85 Jahre nach der Uraufführung am Leipziger Schauspielhaus steht „Kasimir und Karoline“ nun auf dem Spielplan des Schauspiel Leipzig. Intendant Enrico Lübbe inszeniert damit, nach zuletzt „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Berliner Ensemble 2012, zum fünften Mal ein Stück des österreichischen Dramatikers, der zu den herausragenden Autoren des 20. Jahrhunderts zählt, insbesondere wegen der poetisch-markant verdichteten Sprache seiner Figuren.
Musikalisch wird die Aufführungen Philipp Marguerre mit dem Verrophon begleiten. Als Mitglied des Glasmusikensembles sinfonia di vetro ist er einer der profiliertesten Spieler weltweit für die großen Glasharmonika- und Verrophonsoli der Opernliteratur Donizettis, Strauss’ oder jüngst George Benjamins an führenden Opernhäusern wie der Bayerischen Staatsoper, der Mailander Scala oder dem Royal Opera House Covent Garden.      
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Pressestimmen

nachtkritik.de
Enrico Lübbes „Konzentration auf die Sprache ist ein Gewinn. Exakt pointieren die Darstellenden die Dialoglast, die darum nicht erdrückt. Auch ohne Geschrei und expressive Ausbrüche kehren sie ihr Inneres nach außen, wird das triste Seelenleben deutlich.“
MDR Kultur
„Das ganze Ensemble lässt sich auf einen besonderen Rhythmus ein und trägt zu einem Gesamtkunstwerk bei. [...] Ein Abend, der etwas für Zuschauer ist, die sich von kluger Entschleunigung mitnehmen lassen.“
LVZ
„Die Zivilisation schenkt Horváths Figuren keinen Schutz, keine Ruhe. Der Mensch als Tier. Antilopen in der Angst vor dem Raubtier, Raubtiere auf der Suche nach Beute. Der Transfer in die heutige Wettbewerbsgesellschaft ist leicht zu ziehen. Das alles bringt die Inszenierung scharf auf den Punkt. [...] Es liegt an den Schauspielern, das präzise Wortgerüst mit Leben, Gefühlen, Symbolik zu füllen – und sie tun es gut, meist sehr gut.“
Leipzigs Neue Seiten
„Das Glasharfenspiel (Philipp Marguerre) statt Tanzmusik passt in das Inszenierungskonzept, psychedelisch aufgeladen, unterstreicht es den düsteren Charakter des Sozialdramas, welches als Beziehungspsychogramm eingekleidet ist.“
Theater heute
„Die Figurenarchitektur unterstreicht Horváths trockenen Tonfall, spürt ihm bis in seine letzten Verästelungen nach und seziert ihn so hochsensibel.“
Premiere am 16. September 2017

Nächste Termine

https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Mi, 06.06. 19:30 — 22:00
Zusatzvorstellung
Große Bühne

Spieldauer

ca. 2:30, eine Pause

Besetzung

Wenzel Banneyer als Kasimir
Anne Cathrin Buhtz als Dem Merkl Franz seine Erna
Roman Kaminski als Kommerzienrat Rauch
Roman Kanonik als Der Angestellte
Katharina Schmidt als Karoline
Andreas Keller als Landgerichtsdirektor Speer
Philipp Marguerre als Der Glasharfenspieler
Michael Pempelforth als Schürzinger
Felix Axel Preißler als Der Merkl Franz
Susen Schneider als Juanita
Alexandr Sterlev als Der Ausrufer

Team

Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Bianca Deigner
Verrophon / Einstudierung der Chöre: Philipp Marguerre
Dramaturgie: Torsten Buß
Licht: Ralf Riechert

Trailer

Interview

Intendant Enrico Lübbe und Chefdramaturg Torsten Buß im Gespräch über ihre Arbeit an „Kasimir und Karoline“ mehr lesen