Süßer Vogel Jugend

Tennessee Williams
Deutsch von Nina Adler
St. Cloud, eine Kleinstadt irgendwo an der Küste Floridas: Der nicht mehr ganz junge Beau Chance Wayne, einst Objekt der Begierde der halben Stadt, kehrt zurück an seinen Geburtsort. Seine Schauspielkarriere ist gescheitert, bevor sie eigentlich losging, und nun lebt er davon, einsamen Herzen die große Liebe vorzuspielen. Aktuell ist er der Spielgefährte des alternden Hollywoodstars Alexandra del Lago, so abgebrüht wie tablettensüchtig, ihrerseits inkognito als Prinzessin Kosmonopolis auf der Flucht vor dem Scherbenhaufen ihres einstigen Ruhms. Wayne hofft, durch sie endlich an ein lukratives Engagement zu kommen — und dadurch seine Jugendliebe Heavenly aus dem Kleinstadtmief zu befreien. Was er nicht weiß: Ihre vergangene Beziehung hat bei der Angebeteten nachhaltige gesundheitliche Spuren hinterlassen, und ihrem Vater, dem brutalen Emporkömmling und reaktionären Politrüpel Tom „Boss“ Finley, ist jedes Mittel recht, den ungeliebten Schatten der Vergangenheit wieder loszuwerden. Denn die Erinnerung an die „Besudelung“ seiner Tochter kann Finley gar nicht gebrauchen, steht sein Wahlprogramm doch für Law & Order und moralische sowie rassische Reinheit.

Tennessee Williams zeichnet in „Süßer Vogel Jugend“ das Bild einer durch und durch narzisstischen, von Gewalt und Verachtung durchzogenen Gesellschaft, in welcher der andere immer nur Mittel zum Zweck ist. Eine zynische und brutalisierte Politik bildet den Hintergrund des moralischen Verfalls der Menschen in St. Cloud, wo die Möglichkeit eines sanfteren Miteinanders höchstens in einer verblassenden Erinnerung, flüchtig wie der titelgebende Vogel, aufblitzt — oder in der sentimentalen Anerkennung eines gemeinsamen Gescheitertseins. Aber am Ende, so weiß Alexandra del Lago, kann in dieser unbarmherzigen Welt doch nur eine(r) bestehen: die „Oberbestie unter Kannibalen“.
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Pressestimmen

Das Theatermagazin
„Michael Pempelforth wirft sich selbstlos mit grotesker Wattewampe in das rassistische Politmonster Boss Finnley, der bei Widerspruch über Leichen geht. Seine ungerührte Lächerlichkeit macht ihn nur gefährlicher. Doch seine Tochter übertrifft selbst ihn: Diese Heavenly ist die verstrahlte Hülle enttäuschter Jungmädchenträume, ein zerschmolzenes Reaktorskelett voll tödlicher Bösartigkeit und brutaler Härte gegen sich und andere. Wenn Julia Preuss in ihrem Rüschenröckchen grässlich überschminkt an der Rampe steht (Kostüme Vanessa Rust), ihren Selbsthass ins Publikum schleudert und sich dann plötzlich mit der Aussicht auf eine Shoppingtour verlogen tröstet, darf Tennessee Williams aufatmen: Seine Leichen sind hochlebendig. Wo jeder für sich kämpft, bleiben nur trostlose Gewinner – wenn überhaupt. Es war schon immer brandgefährlich, wenn angeblich unbegrenzte Möglichkeiten auf die Wirklichkeit treffen.“
Die deutsche Bühne
„Florian Steffens spielt Chance Wayne als jungen Mann am Ende seines Lateins. Auf der schmutzig leeren Vorderbühne mit Plastikstühlen und einem Flügel hat er seine beeindruckendste Szene kurz vor Schluss, wenn er sich auf dem Instrument als Bühne bis auf die Unterhose entblößt hat – in jeder Beziehung. [...] Mit Anita Vulesica liefert er sich von Beginn an ein intensives Duell zweier verletzlicher Bestien; dabei ist Vulesica als Alexandra del Largo keine verhuschte Drogenabhägige, sondern eine zwar irritierte, aber auch starke Frau. Sie ist das eigentliche Zentrum der Inszenierung, bei ihr wird aus der Schmonzette ein berührend-komisches Endspiel.“
Freie Presse
„Besonders stark, weil eigenwillig, ist Anita Vulesica als überlebte Grande Film-Dame. Ihre zwischen Drogenrausch, Eitelkeit und Selbstzweifeln fragmentierte Figur bildet das Kraftzentrum des Abends, auch wenn die anderen Rollen nicht minder blass sind.“
KULTURA-EXTRA
„Die als Gast nach Leipzig zurückgekehrte Schauspielerin Anita Vulesica ist das Erlebnis des Abends, wie sie als überdrehte Diva und Schreckschraube über die Bühne fegt. Das ist gekonnter Slapstick und böse Farce. [...] Claudia Bauer zeigt hier schonungslos die hässliche Fratze von Showbiz und Politik, das aber immer auch recht unterhaltend.“
Leipzig Almanach
„Julia Preuß als Heavenly im Tutu mit Knieschoner ist die erste bizarre Figur des Abends, die schnell zwischen weinerlich und rotzig wechselt, die wie verwurzelt mit großen Augen in der Bühnenmitte von ihrer Operation berichtet und eine blutige Hand aus der Unterhose zieht. Die plötzlich leicht wie Schaumwellen am Strand spricht, als Chance sie als schaumgeborene Venus mit Regenbogenwirbel beschreibt: Eine großartige Szene, die so schnell zwischen Privatheit und Öffentlichkeit der Figuren wechselt, dass man sich die Augen reibt und ehrlich berührt ist.“
LVZ
„Hausregisseurin Claudia Bauer zaubert wieder wunderbar atmosphärisch aufgeladene Bilder, zeigt mit ihrem Arrangement auf den ersten Blick die Vereinzelung der Figuren. [...] Herausragend interpretiert Anita Vulesica ihre del Lago, die die eigenen Niederlagen nur erträgt, in dem sie Chance erniedrigt. Die wie eine Motte die Lichtquelle an der Bühnenkante sucht. [...] Gelungen holt der knapp zweistündige Abend den 60 Jahre alten Stoff in die gesellschaftliche Gegenwart.“
Mephisto 97.6
„Die Inszenierung [vermittelt] die Einsamkeit und Egozentrik der einzelnen Personen gut. Das Stück zeigt anschaulich, wie grausam Menschen sein können, wenn es darum geht ihre Ziele und Wünsche durchzusetzen.“
nachtkritik.de
„Am Ende großer Applaus eines gut und intelligent unterhaltenen Publikums.“
neues deutschland
„Anita Vulesica gelingt die Gratwanderung, von der die Glaubwürdigkeit der Inszenierung abhängt: eindrucksvoll vor allem darin, allen anderen noch den eigenen Verfall als einzigartige Attraktion, als Tragödie von antikem Ausmaß aufzuzwingen. Das wird in Vulesicas souveränem Spiel zu mehr als einer bloßer Karikatur, mehr als einer Hollywood-Farce allein dadurch, dass hier tatsächlich – inmitten all des eitlen Kunstgewerbes – eine moderne Tragödie gegeben wird: die der Furien der Vernichtung durch die vergehende Zeit.“
Süddeutsche Zeitung
„Der späte Erfolg von Claudia Bauer und ihrer bildgewaltigen, oft formstrengen und trashgeladenen Inszenierungen ist überfällig. Bauer liebt Gegenwartsdramatik ebenso wie eigentlich unspielbare Romanadaptionen, in Leipzig hat sie jetzt den amerikanischen Klassiker ‚Süßer Vogel Jugend‘ von Tennessee Williams aus dezidiert weiblicher Sicht inszeniert. Und das kommt an [...]. Für Bauer ist der American Dream endgültig ausgeträumt, nein, mehr noch, für sie gehört diese zerstörende Ideologie auf den Abfallhaufen der Geschichte. Doch leider hält sich das Patriarchat hartnäckig. Bauers Südstaatenschönheiten warten in einer Art ‚Beautysalon‘ im hinteren Teil der Bühne auf ihren Auftritt. Derweil fläzen sich die Männer Kette rauchend im Rampenlicht und sprechen selbstbezogene Monologe in Standkameras, die das Gesagte auf riesige, von der Decke hängende Kugeln übertragen. Hier ist jeder seine eigene Sonne, die nach ein paar dämlichen Planeten sucht, die sie Beifall spendend umkreisen.“
Theater heute
„[‚Süßer Vogel Jugend‘] ist ein dramatisches Prachtexemplar westlicher Desillusionierung, das die gängigen Mythen nicht nur des amerikanischen Traums mit bissigem Witz zerlegt.“
Premiere am 6. April 2019

Nächste Termine

https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Fr, 31.01. 19:30 — 21:20
Wiederaufnahme
Große Bühne
19:00
Einführung im Rangfoyer
https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
So, 23.02. 19:30 — 21:20
Große Bühne
https://www.schauspiel-leipzig.de Schauspiel Leipzig Bosestraße 1, 04109 Leipzig
Sa, 14.03. 19:30 — 21:20
Große Bühne

Spieldauer

ca. 1:50, keine Pause

Besetzung

Florian Steffens als Chance Wayne
Anita Vulesica als Prinzessin Kosmonopolis (Alexandra del Lago)
Michael Pempelforth als Boss Tom Finley
Roman Kanonik als Tom Junior
Julia Preuß als Heavenly Finley
Annett Sawallisch als Tante Nonnie
Alina-Katharin Heipe als Miss Lucy
Andreas Dyszewski als Der Störer, Fly, Charles
Thomas Braungardt als George Scudder
Brian Völkner als Stuff

Team

Kostüme: Vanessa Rust
Video: Kai Schadeberg
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Veit-Rüdiger Griess

Trailer